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Zürichs Pfingstweidpark «durchgespielt»

Die Temperaturen steigen wieder sprunghaft an, die Sonne strahlt: Eine gute Gelegenheit Zürichs neustem Park einen Besuch abzustatten. Bei der Arbeit an unserer archithese Ausgabe über Zürich haben wir die Anlage bereits ausgiebig ausprobiert - als Arbeitsplatz und als Hundespielplatz. Das Fazit von Zwei- und Vierbeiner: Der robuste Park von Antón und Ghiggi Landschaftsarchitektur aus Zürich ist vielseitig und inspiriert zu Sport und Spiel. Noch ist wenig los, aber die Anlage hat trotz der etwas peripheren Lage das Potenzial im nächsten Sommer zu einem lebendigen Mittelpunkt im Quartier zu werden. Wahrscheinlich muss aber mit «trendigen» gastronomischen Kniffen ein wenig nachgeholfen werden. 

 

Text und Fotos: Jørg Himmelreich – 01.12.2015

 

Vor dem ausgiebigen Lob kommt der Haken: Die Position der neuen Parkanlage ist nicht ideal. Das hat mit dem pragmatischen Vorgehen der Stadt Zürich zu tun: Als Grundstückseigentümerin war es einfach, die Kleingartenanlage für eine Umnutzung als öffentliche Grünanlage freizugeben. Besser wäre es jedoch gewesen, mit Coop oder Maag ein oder mehrere Grundstücke abzutauschen, damit der Park im Zentrum und nicht am Rand der sogenannten «City-West» zu liegen gekommen wäre. Nun gut – daraus lässt sich für die Positionierung von Grünräumen bei der anstehenden Verdichtung von Altstetten und anderer Zürcher Quartiere lernen. 
Die flankierende Pfingstweidstrasse, das wurde ebenfalls bereits ausgiebig kritisiert, wurde zwar aufwändig neu möbliert, ist aber zu breit und wegen dem geringen öffentlichen Angebot derzeit wenig attraktiv für Fussgänger. Immerhin spült der Gleisbogenpark, der als Geh- und Radweg die Anlage flankiert, permanent einige Passanten vorbei – allen voran Studierenden, die vom Bahnhof Hardtbrücke zum Toni-Areal schreiten. Im nächsten Sommer werden sie wohl entscheidend dafür sein, ob die neue Anlage beim Publikum durchstarten wird.
Auch die Flankierung des Parkes durch Gleise im Süden und Westen ist nicht ideal. Der Blick darauf ist zwar interessant und verströmt den Industrie-Groove, der in Zürich-West wichtiger Teil der Genius-Loci-Vermarktungs-Rhetorik ist. Weil aber keine hohe Vegetation angelegt wurde, wabert der Raum zum Gleisfeld aus und gibt keinen Halt. Dass der Park insgesamt in einer Art Mulde zu liegen kam, macht dieses Manko nur teilweise wett. 

 

Inspirierende Offenheit
Nun aber zu den positiven Seiten der Gestaltung und derer gibt es viele: Fast alle landschaftlichen und funktionalen Elemente sind gut brauchbar, vielseitig und inspirierend. Konzeptuell erinnert die neue Anlage an den Wahlenpark in Neu-Oerlikon. Es gibt ausgesuchte, präzise und gut dimensionierte Elemente. Sie stimulieren verschiedenste Nutzungen, aber schreiben selten vor. Die grosse zentrale Wiese ist das Herz der Anlage. Sie lädt zur sportlichen Nutzung ein. Die Schattenflächen unter den angelagerten Bauminseln werden im kommenden Sommer sicher zu beliebten Sitzplätzen werden. Auch ich werde hier sicher mit dem Laptop den einen oder anderen Nachmittag verbringen. Für die älteren Semester bietet eine umlaufende breite Promenade mit vielen Bänke die Möglichkeit das Treiben aus einer mittleren Distanz zu beobachten. Grillstellen und Kinderspielplätze wurden als räumlicher Gürtel parallel zur Bewegungsachse des Gleisbogens angelegt. Organische, felsenartige Elemente zonieren den geböschten Bereich in Pflanz- und Spielfelder. Das ganze wirkt ein bisschen wie im Zoo und damit ein wenig modisch.

 

Plantschen aber nicht buddeln
Gestalterisches Highlight ist ein grosser Brunnen – oder besser gesagt flacher Pool. Auf seinem breiten Rand kann man bequem sitzen und die Füsse im Wasser kühlen. Ein idealer Ort, um Kinder plantsch zu lassen. Auch mein Labrador hat begeistert zwei Stunden darin verbracht und war kaum mehr zum Verlassen zu überreden. Der daraus entspringende «Bach» ist jedoch im doppelten Sinne des Wortes ein Rohrkrepierer. Denn der Wasserlauf verschwindet an einer beliebigen Stelle in einem Loch. Die Stadt hat wohl keinen Mut gehabt, hier ein Sand- oder Kiesbett anzulegen, in dem Kinder hätten buddeln und en miniature eine eigene Spiellandschaft gestalten können. Stattdessen wurde die Rinne starr und sauber betoniert. Hügelchen im Betonbachbett suggerieren dennoch die Formbarkeit des Geländes. Das ist ärgerlich, macht es doch umso deutlicher auf die verpasste Chance aufmerksam. Ein schwacher Trost ist, dass man an einer anderen Stelle mit einer Pumpe Wasser in eine Sandgrube laufen lassen kann. 

 

Gastro als Starthilfe?
Das Potenzial, dass der Park im kommenden Sommer durchstartet, ist mehr als vorhanden. Derzeit versuchen verschiedene Akteure auf dem freien Platz (für eine Schule) zur Pfingstweidstrasse durch Kunst eine Öffentlichkeit zu stimulieren. Auch wenn man das als Kritiker fast nicht mehr sagen darf: Es wird sicherlich zusätzlich ein gastronomischer Stimulus nötig sein. Ein oder zwei Jahre sollte hier eine weitere hippe Gastronomie installiert werden, um den Pfingstweidpark in den mentalen Karten der Zürcher zu verankern. Und wer weiss: Vielleicht ist dann mittelfristig die kritische Besuchermasse vorhanden, um den zweigeschossigen Veloabstellraum im Erdgeschoss des neben dem Park aufragenden Zölly Turmes doch noch in das geplante Restaurant umzuwandeln…

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