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Was macht ein Quartier zur Werkbundstadt?

Der Deutsche Werkbund möchte in Berlin ein neues Stadtquartier für 1 200 Menschen realisieren. Geplant werden soll es von 33 internationalen Architekten, darunter auch Büros aus der Schweiz. Das Marketing ist beachtlich, das Konzept der Werkbundstadt jedoch bleibt zunächst hinter den formulierten Ansprüchen zurück. 

 

 

Autor: Andrea Wiegelmann – 10.11.2016

 

Zeitgenössische Werkbundsiedlungen 
Der Deutsche Werkbund wurde 1907 von Künstlern – darunter Architekten wie Peter Behrens, Theodor Fischer und Josef Hofmann – und Unternehmern aus verschiedenen Handwerksbereichen gegründet. Mit der Ausstellung «Die Wohnung» übernahm der Werkbund 1927 eine Vorreiterrolle in der Diskussion um die moderne Lebens- und Wohnkultur. Teil der Schau war beispielsweise die unter der Federführung von Ludwig Mies van der Rohe realisierte Weissenhofsiedlung in Stuttgart, die in der modernen Architektur ein Zeichen setzte.
Der Versuch zum 100-jährigen Bestehen die Debatte durch zeitgenössische «Werkbundsiedlungen» wieder aufleben zu lassen scheiterte 2007 in München. Nun ist der Deutsche Werkbund auf Initiative seines Vorsitzenden, dem Berliner Architekten Paul Kahlfeldt, erneut angetreten, die Fragen des urbanen Wohnens durch realisierte Bauprojekte voranzubringen. Das neue Projekt heisst Werkbundstadt.

 

Vom Tanklager zum urbanen Quartier
«Der Wohnort des Menschen im 21. Jahrhundert ist die Stadt. Hier ist er Teil eines Kollektivs und Individuum zugleich.»  Mit diesen Leitgedanken beginnt auf der Webseite die Vorstellung der Werkbundstadt. Das neue Quartier soll auf dem Areal eines ehemaligen Tanklagers im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf entstehen. Es geht, so lässt die Website vermuten, um die Frage nach dem städtischen Wohnen und Leben im 21. Jahrhundert. Doch soweit ist das Projekt noch nicht gediehen.
Beachtenswert sind allerdings der Prozess und das Engagement, mit dem der Werkbund das Projekt mit den Beteiligten in Gang gesetzt und vorangetrieben hat. Die Initianten Paul Kahlfeld und Claudia Kromrei, die Vorsitzende des Werkbunds Berlin, haben gemeinsam mit den eingeladen Architekten und Experten im Rahmen von sogenannten Konzeptklausuren zunächst soziale und politische Fragen ebenso wie bautechnische, ökonomische und ökologische Belange diskutiert. Dieses ebenso aufwendige wir diskursive Verfahren mündet in einem städtebaulichen Rahmenplan und schliesslich in Vorentwürfe für die unterschiedlichen Parzellen. Eine Absichtserklärung, die dem Wunsch nach Realisierung Nachdruck verleiht.

 

Die Ausstellung
Das Ergebnis war Ende September im Rahmen einer Ausstellung auf dem Areal in Berlin zu sehen. Ein Symposium stellte die Projekte vor und brachte die zuvor im kleineren Kreis verhandelten Themen und Fragestellungen zur Diskussion.
Die Konzepte des städtebaulichen Rahmenplanes und auch die vorgestellten Entwürfe zu den einzelnen Gebäuden zeigen, dass sie zu den oben erwähnten Fragen, bei weitem noch keine abschliessenden Antworten liefern können.
Fragen nach der Umsetzbarkeit von sozialer Mischung im Quartier (und deren Finanzierung), der Bedeutung von öffentlichem Raum, seiner Nutzung und Zuordnung oder nach neuen Wohnmodellen sind nur im Ansatz beantwortet, doch bietet der im städtebaulichen Entwurf skizzierte Baustein Potenzial, aus den Ansätzen ein heterogens, lebendiges Stadtquartier zu entwicklen. Hier zeigt sich die Qualität des Verfahrens. Die vom Stadtraum aus gedachten baulichen Strukturen lassen Raum für unterschiedliche Füllungen. 

 

Fazit und weiteres Vorgehen
Das städtebauliche Konzept und die Entwürfe haben ein hohes Niveau. Noch steht die Realisierung des Projekts jedoch auf tönernen Füssen und die weitere Planung ist zudem abhängig vom bevorstehenden rechtlichen Genehmigungsprozedere, das bei der Umnutzung eines mit Tanklagern bebauten Industrieareals in ein Wohnquartier eine gewisse Herausforderung darstellt. Wird die Werkbundstadt realisiert, so bleibt zu hoffen, dass das diskursive Verfahren aus dem sie entstanden ist, mit allen Beteiligten weitergeführt wird, so dass aus diesem Prozess dann tatsächlich der Stadtbaustein entstehen kann, den der bisherige Planungsstand erahnen lässt.

 

Weiterführende Informationen finden Sie auf der Webseite des Deutschen Werkbundes.
Zudem sind zu diesem Thema die Publikationen mit den Titeln WerkBundStadt. Berlin Am Spreebord und Bauen und Wohnen. Die Geschichte der Werkbundsiedlungen erschienen. Die genauen Angaben zu den Büchern finden Sie ebenfalls auf der genannten Internetseite.

 

Am Projekt beteiligte Architekten:
Bernd Albers Architekt
Bayer & Strobel Architekten
Brandlhuber+ in Kooperation mit June 14 Meyer-Grohbrügge und Chermayeff
Klaus Theo Brenner – Stadtarchitektur
Caruso St John Architects
Cramer Neumann Architekten
Dierks Sachs Architekten
Max Dudler Architekt
E2A
Hans van der Heijden Architect
Heide & von Beckerath
Hild und K Architekten£
ingenhoven architects
jessenvollenweider architektur
Petra und Paul Kahlfeldt Architekten
Jan Kleihues, Kleihues + Kleihues Architekten
Kollhoff Architekten
Thomas Kröger Architekt
Lederer Ragnarsdottir Oei
Christoph Mäckler Architekten
Modersohn & Freiesleben Architekten
Nöfer Architekten
nps tchoban voss
office winhov
Patzschke Architekten, Robert Patzschke
Rapp+Rapp
RKW, Joachim Hein
schneider+schumacher
Uwe Schröder Architekt
Schulz und Schulz in Kooperation mit bayer | uhrig Architekten
Staab Architekten
Studio di Architettura
Weinmiller Architekten

Beteiligte Freiraumplaner:
Lützow 7 Garten- und Landschaftsarchitekten
Rainer Schmidt Landschaftsarchitektur
Topos Landschaftsplanung

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Stadtkritik


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