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Wenig Vertrauen

Im Mai 2018 wurde bekannt: Die Universität Basel wird ihr neues Zentrum für Biomedizin ohne die Architekten Caruso St John bauen. Ein Paukenschlag, hatten diese doch mit Bravour den Wettbewerb gewonnen und viel Lob von allen Seiten für ihre Gestaltung eingeheimst. Warum also dieser Entscheid? Viele vermuteten rasch, dass die Kalkulation der Architekten zu hohe Baukosten auswies. Aber sowohl die Bauherrschaft als auch die Architekten dementieren das auf Nachfrage. Vielmehr scheint die Hochschule die alleinige Entscheidungshoheit anzustreben.

 

Text: Elias Baumgarten – 9.10.2018

 

Diskussionen ja, Trennungsgrund nein
Schnell wurde in der Presse – so etwa der Basler Zeitung – vermutet, dass die Trennung der Universität Basel von Caruso St John aus Streitigkeiten um die Baukosten resultiere. Von unrealistischen Sparzielen in Höhe von 15 Prozent gegenüber der ersten Kostenschätzung war die Rede. Und tatsächlich gab es Nachbesserungen und Diskussionen: Bereits im Jurybericht war zu lesen, die Architekten sollen an der Wirtschaftlichkeit und Gebrauchstauglichkeit ihrer Fassade arbeiten. Wie Urs Grieder von der Universität Basel archithese sagte, geschah das auch – und zwar mit zufriedenstellendem Ergebnis. Dabei verwies er auf den Kostenvoranschlag des damaligen Generalplaners Rapp Architekten. Dieser lag mit CHF 241,3 Millionen inklusive einer offen ausgewiesenen Reserve von 21,9 Millionen wenig über dem verbindlichen Kostenrahmen der Bauherrschaft von 240 Millionen.
Von Caruso St John hiess es auf Nachfrage allerdings, nach Abgabe dieser Kalkulation sei noch eine weitere Einsparung im zweistelligen Prozentbereich gefordert worden. Doch auch hierfür habe man mit den Fachplanern einen Vorschlag ausgearbeitet. Demnach hätte durch eine effizientere Gebäudetechnik und Abstriche bei Ausstattung und Performance – etwa durch Verzicht auf technische Annehmlichkeiten wie Entfeuchtungsanlagen in den Vortragsräume – auch dieses Sparziel erreicht werden können. Deswegen sehen auch die Architekten die Kostenfrage nicht als ursächlich für das Scheitern der Zusammenarbeit an.

 

Streit um Kostengarantien und Urheberrecht
Doch warum möchten die Universität Basel und Caruso St John dann nicht mehr gemeinsam am Projekt arbeiten? Vorweg sei gesagt, dass die beiden ehemaligen Vertragspartner ein Stillschweigeabkommen geschlossen haben. Sie können sich daher nur zurückhaltend äussern.
Urs Grieder sagte archithese, man habe die Schnittstellen reduzieren und die Entscheidungshoheit erlangen wollen. Schliesslich trage die Universität beim Projekt das finanzielle Risiko allein: Das Geld für das neue Haus kommt nicht von den Kantonen Basel Stadt und Basel Land – wie in der Vergangenheit üblich –, sondern nach einer kantonalen Bürgschaft zu günstigen Konditionen von der Bank. Die Universität muss, so Grieder, als Kreditnehmer für eine etwaige Kostenüberschreitung haften. Darum sei auch das kantonale Hochbauamt zum Ende des Vorprojekts aus dem Planungsprozess ausgeschieden. Es sei nur logisch, dass man als allein Haftender auch die völlige Kontrolle beanspruche, findet er.

 

Misstrauensvotum
Hegt man seitens der Universität also Misstrauen gegenüber den Architekten und fürchtet die Bevormundung durch sie? Die Äusserungen der Architekten bestätigen diese These: Nach dem Vorprojekt habe die Universität einen neuen Vertrag gefordert, sagten sie archithese. In diesem seien Kostengaratien verlangt worden, die es gewöhnlich nur von Totalunternehmern gebe. Vor allem aber wäre das Urheberrecht eingeschränkt worden. So hätte die Bauherrschaft schon während der noch fortdauernden Planungen gestalterisch relevante Änderungen ohne Zustimmung der Architekten vornehmen können. Caruso St John gaben die Vorlage an ihre Anwälten und entschieden nach juristischer Prüfung, sie nicht zu unterzeichnen.
Warum das Vertrauen der Universität Basel in die Architekten so gering zu sein scheint, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass die Querelen beim Neubau des Biozentrums von Andreas Ilg und Marcel Santer, die sich noch immer hinziehen, eine gewichtige Rolle spielen. Dort wird nicht nur der Kostenrahmen weit überschritten, sondern wegen technischen Problemen, Pfusch und Bauschäden schiebt sich der anvisierte Bezug immer weiter nach hinten – zuletzt um weitere sechs Monat bis Oktober 2019.

 

Scherbenhaufen
Das Scheitern der Zusammenarbeit ist indes aus mehrerlei Gründen tragisch: Es beschädigt das Vertrauen ins Schweizer Wettbewerbswesens, wie SIA und BSA bereits im Mai 2018 kritisierten. Denn ein Konkurrenzverfahren zu gewinnen und das Projekt so zu überarbeiten, dass es die Vorgaben seitens der Bauherrschaft erfüllt, reicht offensichtlich nicht mehr mit Gewissheit aus, um auch beauftragt zu werden. Würde dies Schule machen, drohten langfristig Verhältnisse wie zum Beispiel in Deutschland, wo Büros immer wieder Wettbewerbe gewinnen, doch häufig nicht beauftragt werden (siehe zum Vergabewesen in der Bundesrepublik: Andreas Garkisch, «Den Jungen eine Stimme geben», in: archithese 3.2018, S.9–17).
Zudem entsteht in Basel nun ein Grossprojekt ohne gestalterische Qualitätskontrolle durch ein Architekturbüro. SIA-Präsident Stefan Cadosch bezweifelt offen, dass es der Bauherrschaft gelingt im Alleingang die dereinst angestrebte Qualität in der Ausführung zu wahren. Bei Caruso St John zeigt man sich indes traurig über den völligen Rückzug des Basler Hochbauamts, dessen Vertreter überhaupt nicht mehr über das Projekt sprechen wollen: Das Amt trete nicht für seine erklärten Werte ein. Für Architekten wie Generalplaner ist das Geschehen unterdessen nicht nur schade, sondern bedeutet ein wirtschaftliches Fiasko. Schliesslich stecken Büros mitunter sechsstellige Summen in die Teilnahme an solchen Wettbewerbe.

 

> Caruso St John gewannen 2018 den Wettbewerb für das neue Hauptquartier des Verlaghauses Gruner + Jahr in der Hamburger HafenCity.

> Ein Portrait von Caruso St John mit Schwerpunkt auf der Newport Street Gallery in London lesen Sie in archithese 2.2017 Neues Feingefühl.

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