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Unvereinbares vereinen

Das Architekturzentrum Wien zeigt aktuell die Ausstellung Assemble – wie wir bauen. Diese weltweit erste Überblicksausstellung zum Schaffen des Londoner Kollektivs präsentiert zehn ausgewählte Projekte – teils in bildstarker 1:1 Opulenz, teils anhand filigraner Modelle. Ein Œuvre, das sich sehen lassen kann, denn das Büro wurde erst vor sieben Jahren gegründet.  

 

Text: Matthias Garzon-Lapierre – 13.6.2017

 

Kuratiert von Angelika Fitz und Katharina Ritter und gestaltet von Assemble selbst, verwöhnen schon die ersten Blicke in die Ausstellungshalle das ästhetische Auge. So baut sich ein raumhoher Fassadenausschnitt des Yardhouses – dem inzwischen wieder abgebauten gemeinschaftlichen Arbeitsplatz der Gruppe – bildfüllend vor den Augen der Besucher auf. Wegen seiner Grösse und Bedeutung ist es eindeutig der zentrale Punkt der Ausstellung. Er symbolisiert das komplexe Zusammenspiel scheinbar unvereinbarer Kräfte – der Bauwirtschaft mit ihrem Streben nach Standardisierung und Profit auf der einen und die Einfachheit und Individualität des spontanen lösungsorientierten Handelns auf der anderen Seite. Die Zementfliesen-Wand ist bunt und doch feinfühlig in der Farbwahl und zeugt von gestalterischer Raffinesse.
Das Projekt in Stratford war eine einfache Holzkonstruktion. Sie begnügte sich zu tragen und den Raum zu strukturieren. Die dreischiffige Basilika hatte einen zentralen Hauptraum und weitere frei gestaltbare Bereiche in den «Seitenschiffen». Ein Konzept, das aufging: Neben Assemble selbst siedelten sich in dem öffentlich geförderten co-working space Künstler, Handwerker und verschiedenste andere selbstständige Unternehmer an. Aus den Parametern Gestaltung, selbstbestimmte Handlungsfähigkeit und as found-Logik entwickeln Assemble wie beiläufig einen Cocktail der – auch im Wortsinn – farbenfroher und erneuerungsfähiger nicht daherkommen könnte.  

 

Aus dem Vorhandenen heraus arbeiten.
Die Pressereaktionen (in Österreich) fokussieren leider auf Nebensächliches: die Jugendlichkeit der Protagonisten und die oft hemdsärmelig daherkommende Ästhetik der do it yourself-Projekte. Viele Kritiker sind überrascht, wird doch allgemein der Millenial Generation nicht viel Aktion und Kreativität zugetraut. Die drängende, in der Ausstellung verhandelte Frage, ist allerdings, ob die gezeigten Lösungsansätze für Post-Krisen-Austeritätsverhältnisse in einem wohlhabenden EU-Land Rückschlüsse auf eine zukunftsfähige Architekturpraxis zulassen.
Assemble geben sich im Gespräch über ihre Arbeit mit den Kuratorinnen Angelika Fitz und Katharina Ritter unaufgeregt. Fast wirkt es, als wollten sie einer Überinterpretation entgegenwirken. So sind beispielsweise ihre Reaktionen, angesprochen auf ihren Turner Preis Gewinn 2015 eher gelangweilt. Diesen erhielten sie für das noch immer laufende Projekt Granby Four Streets in Liverpool und dem daraus entwickelten Workshop. Dort wurden Häuser einer heruntergekommenen Wohngegend, aufbauend auf der Initiative der Bewohner, mit geringen Mitteln renoviert, um sie entweder zu vermieten oder zu sozial verträglichen Preisen zu verkaufen. Teilweise verlegten die Mitglieder von Assemble ihren Lebensmittelpunkt für dieses Projekt nach Liverpool und entwickelten aus der Verwebung von örtlichen Gegebenheiten und den aus Selbsterfahrung entstandenen Bedürfnissen spezifische Lösungen. Für dieses Projekt entwickelte Produkte, wie beispielsweise Kaminsimse aus geschliffenem Bauschutt oder gegossene Keramiktürgriffe werden im Granby Workshop nun in grösseren Mengen hergestellt und verkauft. Der kreative Arbeitsprozess und die Möglichkeit Arbeitsplätze zu schaffen, stehen hier im Vordergrund.

 

Hands-on Wienerberger Ziegel!
Im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung wurde auf Initiative des Architekturzentrums auch eine Assemble Gastprofessur an der TU Wien etabliert, die sich zwei Semester lang mit den Fragen, wie wir bauen, woraus Wien gebaut ist und wie das Zusammenfügen von Materialien zu der uns umgebenden Umwelt führt, beschäftigt. Als Zeuge der Arbeit steht im Museumshof nun ein von den Studierenden entwickelter und gebauter Pavillon, der für die Sommermonate als Workshopfläche konzipiert ist. Dort werden wird das Pressen und Brennen unterrichtet. Das Gebäude besteht aus Wienerberger Ziegeln – ein Material aus dem die meisten Häuser der Hauptstadt errichtet worden sind. Der Pavillon im Museumshof wird nicht von Mörtel, sondern von Palettenbändern zusammengehalten, die in einer eigens entwickelten Nähtechnik an eine primäre Holzkonstruktion gebunden sind. Teilweise sind die Ziegel auf die Längsseite gelegt. So können die Luftlöcher der Backsteine als natürliche Lüftung dienen. Versatze zwischen den Ziegeln lassen Licht ins Innere.
Auch bei diesem Projekt laufen viele der Stränge zusammen, die Assemble verbinden möchten. Sie bieten ein modulares System von Herangehensweisen an. Die Untersuchung der lokalen Gegebenheiten sind jedoch immer der Anfang. Die entwickelten Lösungen wirken oft deshalb so überraschend, weil sie Kosten aber nicht Mühen scheuen, aus dem Vorhandenen heraus das Besondere zu erarbeiten.

 

Die Ausstellung läuft noch bis 11. September 2017 zu sehen. Bei Park Books ist ein Katalog erschienen.

 

 

> Im vergangenen Frühling war im Vitra Design Museum in Weil am Rhein die Ausstellung Brutalist Playground von Assemble zu Gast. Anne-Dorothée Herbort hat eine Rezension geschrieben.

> Ramun Capaul und Gordian Blumenthal erzählen in Ihrem Gespräch mit archithese wie sie in Zusammenarbeit mit Cinefilen die Schmiede von Ilanz mit einem Lehmeinbau in eine Kino umwandelten. Das Interview ist in der aktuellen Ausgabe archithese 2.2017 Neues Feingefühl zu lesen.

> Anfang Juni 2017 wurde auf dem Zürcher Toni-Areal von 200 EPFL-Studierende unter Ägide von Dieter Dietz und Studio ALICE House 2 errichtet. archithese bespielte an zwei Tagen die gigantische Holzstruktur mit Symposien zu Protostruktur und Open Space.

> Auch die nächste archithese Bri-Collagen rückt das Basteln und Collagieren in den Fokus. Sie erscheint im September 2017.

 

Unsere Empfehlung

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Veranstaltung

Pecha Kucha

Zehn Architekturschaffende präsentieren am 21. Juni 2017 im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich ein aktuelles Projekt.

 

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