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UFOs!

Im Park Friche de l’Escalette in Marseille sind inmitten von historischen Steinruinen drei Ufo-artige micro homes gelandet. Sie dokumentieren im Rahmen der Ausstellung Plastic Utopia den Zeitgeist der 1950er- und 60er-Jahre. Damals schlug sich Im Design das beginnende Raumfahrtzeitalter in Form von technikorientierten Zukunftsvisionen nieder.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 21.8.2017
Fotos: C. Baraja

 

Faszination Weltall
1968 entwarf der finnische Architekt Matti Suuronen sein legendäres Futuro House. In einer euphorischen Aufbruchsstimmung entstanden, dokumentiert es den Glauben an den technologischen Fortschritt und stellt ein faszinierendes Kapitel im Raumfahrtzeitalter dar. Dieses begann 1957, als der sowjetische Satellit Sputnik 1 ins All geschossen wurde. 1969 hielt die Menschheit erneut den Atem an – mit der Mondlandung gingen die USA im space race mit der Sowejtunion in Führung. Der Kalte Krieg setzte sich im Universum fort, denn die Weltraumprogramme dienten beiden Supermächten als Propagandainstrument und sollten die Überlegenheit des eigenen politischen Systems herausstellen. Technologischer Fortschritt entsprang somit einem allgegenwärtigen Konkurrenzdenken.

 

Camping-Kapsel
Suuronens Futuro House stellt eines der prominentesten Beispiele für Ufo-artige, spacige Architekturen dar. Das ellipsoide Wohnmobil mit seinem offenen Raum ohne fixes Programm ist ein Klassiker. Es transportiert aber nicht nur den Zeitgeist, sondern oszilliert mit seiner Form auch zwischen Popkultur und Sozialrevolution. Das manifestiert sich insbesondere materiell: Suuronens Ikone besteht vor allem aus glasfaserverstärktem Polyester und sollte, so die Vorstellung des Gestalters, seriell produziert werden.

 

Blobs und Bubbles
Neben Suuronens futuristischer Miniarchitektur sind auch der Hexacube von Georges Candilis und Anja Blomstedt sowie Jean-Benjamin Manevals Bulle six coques in Marseille gelandet.
Der Hexacube (1972) ist ein Würfel mit seitlich addierten, sechseckigen Formen. Als mobiler Raum bietet er Flexibilität und besteht wie das Futuro House überwiegend aus fiberglasverstärktem Polyester. Anhand dieses Mikrohauses lassen sich zentrale Motive in Candilis’ Œuvre nachvollziehen: der soziale Wohnungsbau und die Arbeit mit industriellem Material. Ironischerweise wurde seine eher konventionelle und mit COR-TEN-Stahl bekleidete «Rostlaube» (1973) der Freien Universität Berlin im Jahr 2005 von einer Blob-Architektur des britischen Technikästheten Norman Foster ergänzt. Seine Gestaltung erinnert durch ihre biomorphe Form durchaus an Science-Fiction – und somit wiederum an Candilis’ und Blomstedts Visionen.
Maneval imaginierte seine Bulle six coques von Anfang an als nomadisches Habitat. Es sollte Funktion und Komfort miteinander vereinen. Die muschelartige Form weckt auch Assoziationen mit Propellern – es scheint, als ob diese Bubble bald abhebt. Seine Idee der plastischen Utopie verfolgte der französische Architekt bereits in den 1950er-Jahren. 1967 konnte er schliesslich die aus sechs Schalen montierte Blase präsentieren.

 

Einfluss der aktuellsten Technik
Schon vor diesen futuristischen Architekturen aus den 1960er- und 70er-Jahren entwarfen verschiedene Gestalter stilistisch oder ideell verwandte Objekte. So realisierte beispielsweise Richard Buckminster Fuller (1895-1983) mehrere Arbeiten, die sich an neuesten technologischen Erfindungen seiner Zeit orientierten und dadurch zukunftsvisionär wirkten. Der US-Amerikaner benutzte als Erster den Begriff «spaceship earth» und interessierte sich für unkonventionelle Lösungen, die materielle und metaphysische Aspekte im Design vereinten. Bereits 1928 entstand das Dymaxion House, das analog zu den drei in Marseille gelandeten Werken aus industriell vorfabrizierten Teilen besteht. Da es aber diverse technische Defizite offenbarte, fand Fuller keinen Produzenten für die Serienfertigung. Seine Idee lebte jedoch fort: 1946 baute er den Prototyp des Wichita House. Durch seine runde Form erinnert das Objekt aus Aluminium an eine fliegende Untertasse.
Nicht minder relevant war die sogenannte Stromlinien-Moderne. Im Kontext von Mobilität und Transport wurden ab den 1930er-Jahren abgerundete, glatt polierte und oft tropfenartige Formen verwendet. Sie sollten die aero- und hydrodynamische Leistung von Autos, Flugzeugen und Ozeandampfern bei hohem Tempo verbessern. Dieser funktionale Aspekt wurde rasch ästhetisch aufgeladen und das streamlining verlieh alltäglichen Produkten ein elegantes, anziehendes Design.

 

Star Trek in Marseille
Ein Hauch von Noblesse haftet den Ufo-artigen Minihäusern ebenso an. Dies liegt nicht nur an der futuristisch anmutenden Ästhetik, sondern gerade auch an der Ruinenkulisse der Friche de l’Escalette. Der Park für Skulptur und Architektur befindet sich auf einer Brache, die eine Bleifabrik hinterliess. Mit ihren Ausstellungskonzepten nehmen die Kuratoren die karge und zugleich poetische Stimmung des Ortes auf. Plastic Utopia ist eine futuristische Zeitreise in die Vergangenheit, die noch bis zum 30. September 2017 erlebt werden kann.

 

Die Ausstellung Plastic Utopia im Skulpturen- und Architekturpark Friche de l'Escalette in Marseille dauert bis zum 30. September 2017. Der Eintritt ist kostenlos.

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