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Schwerelose Visionen

Tomás Saraceno ist Optimist. Die Vision des stets gut gelaunten Installationskünstler aus Argentinien ist es, Städte zu bauen, die schweben wie Wolken. Doch Saraceno ist kein Träumer: Gemeinsam mit Physikern, Ingenieuren und Architekten arbeitet an der Verwirklichung seiner Ideen. Mit seinem Team baut er etwa Strukturen, die allein durch UV-Einstrahlung abheben.
Das Haus Konstruktiv widmet sich in einer umfassenden Schau der «künstlerischen Forschung» Saracenos und seiner utopischen Visionen.

 

Text: Anne-Dorothée Herbort – 29.5.2017
Fotos: Studio Tomás Saraceno

 

Der Traum vom Fliegen
Saracenos Arbeiten sind als Reaktion auf drängende ökologische und soziale Probleme zu sehen. Er träumt von Architekturen, die wie Wolken sind und schweben können. Doch anders als bei seinen Vorbildern wie Constant Nieuwenhuys oder Österreichs Avantgardisten der 1970er-Jahre soll es nicht beim Bild der Wolke bleiben – Saraceno tüftelt mit einem Team von Wissenschaftlern an Objekten, die wirklich abheben können.

 

Die grünen Städte von morgen?
Die Ausstellung im Zürcher Museum Haus Konstruktiv zeigt unter anderem die neuesten Arbeiten und Experimente aus Saracenos Projekt Aerocene. Die verschiedenen Flugobjekte sollen ganz ohne Nutzung fossiler Energieträger nur durch die Kraft der Sonneneinstrahlung in den Himmel steigen. Als Module könnten sie zu ganzen fliegenden Städten heranwachsen, träumt der Künstler. In der Schau in Zürich sind leider nur Videos und Fotografien zu sehen, welche die ersten Testflüge dokumentieren.

Saracenos neuester Coup indes ist der Aerocene Explorer, ein Fesselflug-Starterkit, das in einen Rucksack verstaut werden kann. Das in Zusammenarbeit mit dem MIT entwickelte Flugobjekt soll jedermann ermöglichen, in einer eigenen Aerocene-Struktur zu schweben und Teil der grünen Stadt von morgen zu werden. Ein Minicomputer namens Raspberry Pi misst dabei im Vorhinein wichtige Parameter wie Luftqualität, -temperatur, -feuchtigkeit und -druck, um beim Gleitflug nicht völlig den Elementen ausgeliefert zu sein.

 

Wechselbeziehungen verbildlichen
Saraceno interessiert sich aber nicht nur für die Lösung ökologischer Probleme und den Verzicht auf fossile Energieträger. Auch soziale Interaktion ist für ihn ein spannendes Forschungsfeld. Etlicher seiner Installationen kreisen deshalb um komplexe Wechselbeziehungen und versuchen diese zu veranschaulichen.

Für die Skulpturen Hybrid Webs etwa erforschte er spezielle Spinnenarten, die er in Vitrinen ihre Netze bauen liess. Saraceno ist fasziniert von der Feinheit und Schönheit dieser Strukturen aber auch von ihrer enormen Stabilität und Belastbarkeit. Denn bezogen auf ihr Gewicht sind Spinnfäden viermal belastbarer als Stahl und können um ein Vielfaches ihrer Länge gedehnt werden.
Seit 2013 hängt eine riesige, begehbare Rauminstallation In Orbit – eine Weiterentwicklung der Hybrid Webs – über den Köpfen der Besucher der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalens K21. Das riesige Netz schwebt auf 25 Meter Höhe über der Piazza des Museums. Die Besucher werden eingeladen, den festen Boden zu verlassen und auf den filigranen Stahlseilen ein noch nie zuvor erfahrenes physisches Abenteuer zu erleben – das mintunter auch mulmig zumute werden lässt. Wie die Spinnennetze veranschaulicht die Installation für Saraceno die Komplexität sozialer Beziehungen. Einige der Spinnen wurden für die Werkschau vom Berliner Studio Saracenos ins Haus Konstruktiv nach Zürich gebracht. Besucher können den Achtbeinern beim Netze bauen zusehen und sie mit den ebenfalls ausgestellten filigranen Nachempfindungen des Künstlers vergleichen und analysieren.

 

Von Spinnen und Staub
Auch eine Weiterentwicklung der Hybrid Webs wird im Museum für konstruktive Kunst zu erleben sein. Saraceno installiert in den weissen Räumen des Museums seine Arbeit Arachno-Konzert: In einem offenen kubischen Rahmen befindet sich eine Spinne, deren Netz mit einem Mikrofon verbunden ist, welches die durch ihre eigene Aktivität entstehende Vibration simultan akustisch umsetzt. Parallel dazu lässt der Künstler «kosmischen Staub» sichtbar werden: Die Bahnen der sich frei durch die Luft bewegenden Staubpartikel werden von einer Kamera aufgezeichnet und auf eine Leinwand übertragen. Die Bewegung jeder Person beeinflusst den Luftstrom, die Staubspuren und Spinnennetze; wiederum sollen Wechselbeziehungen versinnbildlicht werden. Saraceno vergleicht die Installation mit einer Jam-Session zwischen der Spinne, dem Staub und den Menschen, die sich im Raum bewegen. Sie sollen miteinander interagieren und sich in diesem kosmischen Getöse vereinen.

Mit dieser Ausstellung bringt das Haus Konstruktiv erstmals eine grosse Einzelschau, welche die Versatilität und Diversität des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno beleuchtet, in die Schweiz.

 

Die Ausstellung ist vom 1. Juni bis zum 3. September 2017 im Haus Konstruktiv an der Selnaustrasse 25 in Zürich zu sehen.
Zur Ausstellung, die in Kooperation mit dem Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein entstanden ist, erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, mit Texten in Deutsch und Englisch von Heather Davis, Philip Ursprung, René Zechlin und einem Gespräch zwischen Tomás Saraceno, seinen Mitarbeitern Saverio Cantoni und Roland Mühlethaler und der Direktorin des Hauses Konstruktiv Sabine Schaschl.

 

 

> Im Essay  «Der Traum vom Fliegen», erschienen in archithese 4.2016 Science-Fiction, setzt Elias Baumgarten Saracenos Arbeiten in Bezug zu fliegenden Architekturen und anderen utopischen Konzepten von Lebbeus Woods, Constant Nieuwenhuys, Coop Himmelb(l)au und Wolfgang Tschapeller.

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