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Schlafen mit Giacometti

Im Hotel Aldier in Sent verschmelzen Architektur und Kunst zu einer inspirierenden Symbiose: Im Gewölbekeller ist die grösste Sammlung druckgrafischer Arbeiten von Alberto Giacometti zu sehen.


Text: Jørg Himmelreich – 21.10.2016
Fotos © Pensiun Aldier

 

Alberto Giacometti ist für viele Architekten eine gestalterische Inspiration. (Siehe hierzu das Interview von Jørg Himmelreich und Daniela Meyer mit Peter Märkli: «Das Kollektive ins Zentrum rücken.» In: archithese 6.2015 Tradition – Adaption – Innovation.) Wer die Arbeiten des Bergeller Künstlers schätzt, sollte nicht nur in den Kunstmuseen von Zürich und Chur oder Giovanni und Alberto Giacomettis Atelierhaus in Stampa Station machen, sondern auch Sent im Unterengadin besuchen. Denn dort gibt es einen Schatz zu entdecken: In der Pensiun Aldier werden beinahe einhundert Druckgrafiken Albertos gezeigt. Hotelier Carlos Gross hat sie über 25 Jahre zusammengetragen und präsentiert sie dauerhaft im eigens dafür hergerichteten Museum im strahlend weiss getünchten Gewölbekeller des Hotels. Diese fast komplette Sammlung von Giacomettis druckgrafischem Werk umfasst auch einige Raritäten.

 

Ein Hotel als Hommage an drei Künstler
Die Bezeichnung «Pensiun» ist ein bewusstes Understatement. Tatsächlich ist das Aldier ein kleines, aber feines und architektonisch sorgsam gestaltetes Hotel. Und es ist nicht nur Alberto Giacometti, sondern insgesamt drei Künstlern gewidmet. Der Name ist eben nicht etwa der rumantsche Name für Adler, sondern ein Anagramm aus den ersten beiden Buchstaben der Vornamen von Alberto und Diego Giacometti, sowie Ernst Scheidegger. Zahlreiche Fotos des Verlegers sind in den Gemeinschaftsräumen und einigen der Zimmern zu sehen. Sie zeigen beispielsweise Alberto in seinem Pariser Atelier; aber auch Calder oder Joan Miró und viele mehr hat der Fotograf portraitiert. In anderen Zimmern sind Drucke von Le Corbusier, Miró, Pablo Picasso oder Eduardo Chillida zu sehen. Jeder Raum – vierzehn Doppelzimmer und zwei Suiten – erzählt eine eigene Geschichte. Die Innenarchitektur und Möblierung ist angenehm ausbalanciert zwischen alpiner Gemütlichkeit und moderner Klassik. Lärchenholzvertäfelungen treten in einen Dialog mit Linoleumböden – Alpine Chic trifft Bauhaus. In den öffentlichen Räumen sind zudem da und dort Werke von Diego Giacometti ausgestellt, diskret platziert und doch von unverkennbarer Kraft und einer klaren Handschrift.

 

Kulturelle Synthesen 
Sent, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, ist wegen seiner speziellen Synthese verschiedener Architekturen bereits an sich eine Reise Wert. Denn im Dorf kamen über mehrere Jahrhunderte verschiedene regionale Architektur- und Kunstströmungen zusammen und formen in ihrem Miteinander ein faszinierendes Kuriosum. Ortsspezifisch ist beispielsweise der Senter Giebel. Diese barock anmutenden, geschweiften Dachgiebel wurden wohl Ende des 18. Jahrhunderts durch Südtiroler Handwerker ins Unterengadin eingeführt. Auch der italienische Palazzo schwingt in vielen Bauten des Dorfes mit. Einige Senter machten in Italien, beispielsweise in Florenz als Zuckerbäcker Karriere und investierten Teile ihres Vermögens dann in stattliche Alterssitze in der Heimatgemeinde. 
Diese kreative Ambivalenz zwischen regionaler Verwurzelung und Offenheit für globale Einflüsse spielt das Aldier charmant weiter, indem es die grosse Europäische Kunst aus Paris und anderen Metropolen in einen Dialog mit dem ruhigen Bergdorf bringt.

 

> Zur druckgrafischen Sammlung Gross in Sent ist ein Buch bei Scheidegger & Spiess erschienen. 

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