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Pulsierende Traditionen

Am 1. Dezember 2017 wurde im S AM in Basel die Ausstellung Bengal Stream. Die vibrierende Architekturszene von Bangladesch eröffnet. Trotz unterschiedlicher soziokultureller Entwicklungen und religiöser Abhängigkeit konnten sich dort über Jahrhunderte viele typologische Grundmotive behaupten – sie sind auch heute noch das Fundament für eine qualitätsvolle, teils radikale Architektur.

 

Text: Philippe Jorisch – 4.12.2017
Fotos: Iwan Baan

 

Unentdecktes Potenzial
«Das S AM sollte nicht ein Museum über die Schweiz sein, sondern eines für die Schweiz», sagte Direktor Andreas Ruby, der am Freitag rund 300 Personen in die Ausstellung Bengal Stream einführte. «Es muss Ausstellungen von internationaler Relevanz zeigen, weil Architekten immer wieder den Blick in die Ferne benötigen. Das erlaubt ihnen, die eigene Situation zu spiegeln. Man denke beispielsweise an Bruno Taut in Japan oder Le Corbusier in arabischen Ländern.»
Das weiss auch Niklaus Graber, der vor rund fünf Jahren erstmals nach Bangladesch reiste, um – wie viele seiner Berufskollegen – die berühmten Regierungsgebäude Louis Kahns zu besichtigen. Doch schnell wurde dem Luzerner klar, dass er inmitten einer vibrierenden Architekturszene gelandet war, die bis dato im Westen völlig unbekannt ist. «Ich fand dort radikale Aspekte von Architektur vor, von denen ich glaube, dass wir sie in der Schweiz verloren haben», erklärt er. «Die bangladeschische Architektur ist porös in dreierlei Hinsicht: Erstens zeichnet sie sich – wegen des tropischen Klimas – durch eine physische Offenheit aus. Wände trennen nicht, sondern öffnen und verbinden. Zweitens gibt es aufgrund der Jahrhunderte alten Bautradition und des generationenübergreifenden Diskurses eine kulturelle Porosität. Und drittens existiert eine soziale Durchlässigkeit, weil bangladeschische Architektur grundsätzlich für alle Gesellschaftsschichten entworfen wird.» Das überzeugte Andreas Ruby, als er Niklaus Graber vor rund anderthalb Jahren erstmals zu einem Gespräch in seinem Büro in Luzern traf. Beide sind der Ansicht, dass das Denken der kleinen Architekturnation zu einem globalen Vorbild werden könnte.

 

Historische Perspektiven...
Die Schau wird durch einen dicken Leinenvorhang betreten, der mit Grundrissen aus verschiedenen Epochen bedruckt ist. Zu erkennen sind Typologien wie leicht abgedrehte Quadrate, die einen Hof bilden. Sie kommen sowohl in Schulen, Moscheen als auch in Wohnbauten vor und suggerieren eine architektonische DNA Bangladeschs. Der erste Saal gibt einen geschichtlichen Überblick, wobei die Tradition als Humus für die Gegenwart verstanden wird. «Als wir vor einem Jahr mit der Recherche begannen, war uns schnell klar, dass wir auf einem unentdeckten Schatz sitzen», so Viviane Ehrensberger, eine der Kuratorinnen der Ausstellung. Erstmals werden Originalzeichnungen des bangladeschischen Architekten Muzharul Islam (1923–2012) und der sogenannten chetana group international ausgestellt. Neben Bauten von Louis Kahn und Stanley Tigermann, mit denen Muzharul Islam in Bangladesch zusammenarbeitete, ist auch ein Werk seines Lehrers Paul Rudolph zu sehen: Dieser konnte 1961 seine Universität für Agrarwissenschaft in Mymensingh fertigstellen.

 

...und gegenwärtige Beispiele
Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden aber aktuelle Positionen: Die weiteren Säle wurden mit einer Bambus-Bungalowstruktur ausgefüllt, von dessen Trägern mit Plänen und Fotografien bedruckte Stoffe hängen. Zusammen mit den zahlreichen Architekturmodellen entsteht ein reichhaltiges Kaleidoskop des zeitgenössischen Schaffens in einem atmosphärischen Erlebnis urbaner Dichte. Die von Niklaus Graber und seinem Büro Graber & Steiger entworfene Szenografie lässt die Besucher wie auf einem Markt in Dhaka durch die Museumsräume mäandrieren. In dieser Stoff-Bungalow-Konstruktion werden sechzig Projekte von etablierten und aufstrebenden Architekturschaffenden in einem Querschnitt vom ländlichen Norden bis in den urbanisierten Süden vorgestellt. An den jeweiligen Enden werden Filmclips mit Alltagsszenen projiziert – Boote auf Kanälen, mobile Strassenküchen oder die manuelle Fertigung von Lehmsteinen. Man spürt: Die aktuelle Generation versteht Architektur auch als soziale Verantwortung. Sie initiieren Bauaufgaben wie Slum-Aufwertungen, schwimmende Schulen, zyklonensichere Notunterkünfte oder flutresistente Siedlungen.

 

Breites Rahmenprogramm
Auch Verflechtungen zwischen Mitteleuropa und Bangladesch werden sichtbar: Die deutschen Architekten Anne Heringer und Eike Roswag erstellten vor über zehn Jahren die Meti-Schule in Rudrapur. Der niederländische Fotograf Iwan Baan war schon während seines Studiums in Bangladesch und konnte für die erneute Dokumentation mehrerer Bauten gewonnen werden. Seine Bilder sind im 448 Seiten starken Katalog grossformatig abgebildet – das erste Kompendium dieser Art. Eine derartige Grundlagenarbeit ist für eine kleine Institution wie das S AM beachtlich. Das Rahmenprogramm bietet Führungen, ein Symposium, Vorträge einzelner Protagonisten und eine Architekturreise nach Bangladesch mit Niklaus Graber. Die Ausstellung inspiriert. Weshalb forschen nicht mehr Architekten aus persönlichem Interesse an einem spezifischen Phänomen? Es ist ein begrüssenswerter Akt der Grosszügigkeit, sich als Architekt für eine Ausstellung über andere, noch lebende Berufskollegen einzusetzen – und gleichzeitig einen interkulturellen Dialog anzustossen.

 

Die Ausstellung Bengal Stream. Die vibrierende Architekturszene von Bangladesch ist bis zum 6. Mai 2018 im S AM in Basel zu sehen. Sie wurde zusammen mit dem Bengal Institute for Architecture, Landscapes and Settlements in Dhaka erarbeitet.

 

> 2008 erschien in der edition archithese das Buch Fensterfabrik in Hagendorn. Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten.

> Hubertus Adam schrieb in Swiss Performance 2012 über die Panoramagalerie Pilatus von Graber & Steiger in Luzern.

> Mehr zu Graber & Steigers Schule Obermarch in Buttikon erfahren Sie in archithese 4.2002 Neue Medien.

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