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Neuorientierung?

Wohin steuert Moskau? Für knapp ein Dreivierteljahrundert hat die marxistisch-leninistische Doktrin in ihren verschiedenen Ausprägungen Russlands Kapitale geprägt und deren Architektur mitbestimmt. Heute begeben sich die Moskauer auf die mitunter schwierige Suche nach neuer Orientierung.

 

Text: Manuel Pestalozzi – 13.7.2017

 

Architekturen aus der Hochphase des Konstruktivismus, des Klassizismus stalinistischer Prägung und auch die Plattenbauten der nüchternen Spätmoderne zeugen von der kommunistischen Vergangenheit Moskaus. Sie begleiteten das Wachstum der Stadt im 20. Jahrhundert und sorgten in Stil und Massstab bewusst für scharfe Kontraste zur älteren Bausubstanz aus dem Zarenreich. Das Ende des kommunistischen Regimes vor 26 Jahren war indes keine Revolution und so scheinen die Russen noch heute auf der Suche nach einer passenden Zukunftsstrategie – auch in baulicher Hinsicht.
Moskau wurde zwischenzeitlich bunter und glänziger, ja teils auch schriller; zu den Grau- und Brauntönen aus Sowjetzeiten gesellten sich grelle Reklameschilder, farbige Fassadenverkleidungen und Dächer. Am Stadtrand entstehen immer neue gigantische Wohnburgen und ausgedehnte Datschengebiete, durchsetzt von zahlreichen Einkaufszentren.

 

Die achte Schwester
Heute scheint sich die Architektur zwischen den Polen Globalisierung und Restauration zu bewegen: Beispielhaft ist die «Moskau City». Der Hochhaus-Cluster, der sich westlich des historischen Zentrums erhebt, ergänzt die «sieben Schwestern», die um den historischen Kern verteilten Art-Déco-Gebirge aus der Stalinzeit. Seit den frühen 1990er-Jahren wird an diesem mondänen, multifunktionalen Mini-Manhattan gebaut. Hinter vorgehaltener Hand heisst es, grosse Teile stünden leer und die Verkehrsanbindung sei suboptimal. Man denkt an ein potemkinsches Dorf im XXL-Format. Die Fernwirkung des Ensembles hingegen ist eindrücklich. Anmutig ragt die Baugruppe aus dem Stadtkörper empor. Betrachtet man sie von der Aussichtsplattform auf dem Sperlingsberg bei der Lomonossow-Universität (eine der «sieben Schwestern»), steht sie exakt an der richtigen Stelle und bereichert die Stadtsilhouette.

 

Trügerischer Schein
Ein Restaurierungs-Beispiel ist der Zarizyno-Schlosspark im Süden des Zentrums. Dereinst sollte dort die Sommerresidenz von Katharina der Grossen entstehen. Ein erster Palast missfiel der Kaiserin aber – sie liess ihn sogleich wieder einreissen. Der Bau des zweiten wurde nach ihrem Tod eingestellt. Bis 2004 war die neugotische Monstrosität inmitten einer weitläufigen Parkanlage eine Ruine, nun wurden die Bauten zur «Moskauer Eremitage» komplettiert. Hauptraum ist ein Prunksaal, eine vom Klassizismus inspirierte Phantasie mit viel Goldanstrich und einer grossen Statue der Kaiserin. In Ausstellungen wird der Romanov-Dynastie gehuldigt, die nach der Revolution von 1917 ein blutiges Ende nahm. Das Projekt steht beispielhaft für eine aktuelle Tendenz, an eine imperiale, von der russisch-orthodoxen Religion geprägte Vergangenheit anzuknüpfen. Architektonisch erzeugt dies fragwürdige Strategie freilich keine neuen Formensprache oder Raumkonzepte, welche dem Land den Weg in eine neue, bessere Zeit weisen könnte.

 

> An der 15. Architekturbiennale in Venedig zeigte Russland Konzepte zur Revitalisierung des Ausstellungsgeländes Vystavka Dostizheriy Narodnogo Khozyaystva nahe Moskau. Offen blieb dabei die Intention des Beitrags: Glorifizierung der sozialistischen Vergangenheit oder augenzwinkernde Ironie?

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