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Menage a trois

Köbi Gantenbein war annähernd ein Vierteljahrhundert Chefredaktor und damit zugleich Gesicht und Seele des Schweizer Architektur- und Designmagazins Hochparterre. Nun hat er den Marschallsstab weitergegeben. Ein Triumvirat – bestehend aus Design-Expertin Lilia Glanzmann, Verkaufschefin Agnes Schmid und Architekturredaktor Werner Huber – wird künftig die Geschicke lenken. archithese gratuliert, und sprach mit Werner Huber darüber, wie die neue Struktur funktioniert und was der Wechsel inhaltlich und strategisch für das Heft bedeutet.

 

Interview: Jørg Himmelreich – 20. Juni 2019
Foto: Paolo Dutto

 

Jørg Himmelreich: Herzliche Gratulation – Dir, Agnes und Lilia – zur neuen Position als Geschäftsleiterinnen des Hochparterre’. In seiner Abschiedsrede sprach Köbi Gantenbein davon, dass nun die Ära des Hochparterre 4.0 anbricht. Was meint er damit?

Werner Huber: Hochparterre 1.0 war die Gründung 1988 durch Köbi und Benedikt Loderer bei Curti Medien. Hochparterre 2.0 begann mit der Übernahme der Zeitschrift durch Köbi und Beno, also der Moment als die Redaktion zu den Besitzern des Heftes wurde. Hochparterre 3.0 brach an mit dem Ausscheiden von Benedikt Loderer aus der Firma und dem Verkauf seiner Aktien. Und Hochparterre 4.0 ist nun die Zeit, nachdem Köbi Gantenbein den Posten als Geschäftsführer und Chefredaktor abgegeben hat. Er wird aber weiterhin Mehrheitsaktionär und Präsident des Verwaltungsrates bleiben und verschiedene Aufgaben übernehmen.

 

Was meint Köbi mit der «Matrix», die künftig die Grundlage der Struktur des Hochparterres sein wird?

Das ist ganz banal eine Tabelle, in der aufgelistet ist, wer für was verantwortlich ist und welche Kompetenzen hat. Was kann der Verwaltungsrat? Was die Geschäftsleitung entscheiden? Wo kann die Betriebsversammlung mitreden? Wer kann für was Geld ausgeben?

 

Das heisst die Zuständigkeiten wurden neu geregelt?

Nicht mal. Das System hat sich über die Jahre bereits eingespielt. Wir haben Dinge, die bereits in der Praxis etabliert sind, einfach einmal zu Papier gebracht.

 

Ich erinnere mich selber an meine Zeit beim Hochparterre vor ein paar Jahren, als ich Rahel Marti und dich für ein paar Monate vertreten durfte: Ihr habt fast alle Entscheide im Konsens getroffen, oder demokratisch abgestimmt. Zwar war Köbi Gantenbeins Stimme immer die wichtigste und auch von aussen wurde er als Leitfigur wahrgenommen. Er ist halt unbestritten einer der besten Autoren im Bereich der Architekturkritik – vor allem dann, wenn es um die Formulierung einer politischen Position geht. Die Idee, dass nun nicht mehr eine Figur, sondern mehrere an der Spitze stehen, bildet aber letztlich ab, was bereits seit vielen Jahren etabliert ist.

Genau. Wir haben immer alle Entscheidungen um Plenum der Betriebsversammlung diskutiert. Es war nie top down. Selbst wenn der Chefredaktor es anders sah: Gab es eine Mehrheit, wurde in diesem Sinne gehandelt.

 

Habt Ihr im Zusammenhang mit der Diskussion um die Strukturen auch eine inhaltliche geführt? Wird es Neuerungen geben? Oder werden alte Werte wieder gestärkt?

Es gab eine Gruppe, die darüber diskutiert hat. Aber wir haben das ruhen lassen und fangen als neue Geschäftsleiter auf der bestehenden inhaltliche Basis an. Natürlich müssen wir drei uns nun Gedanken machen, welche Themen uns wichtig sind. Wo setzen wir künftig Akzente? Es wird eine Gratwanderung zwischen Bewahren und Verändern sein.

  

Wie sieht es aus mit dem Meinungsjournalismus? Hochparterre stand lange dafür, dass klare Haltungen formuliert wurden, mitunter bewusst überpointiert, um eine Debatte zu stimulieren oder gar zu forcieren. Mir scheint, dass ihr weicher geworden seid und weniger laut. Ihr seid derzeit mehr beschreibend als wertend unterwegs.

Scheint dir das so? Das wäre keinesfalls unsere Absicht. Wir bekennen uns zur unabhängigen Meinung beim Schreiben über Architektur und Design. Je nach Thema fallen Statements vielleicht mehr oder weniger pointiert aus. Aber wir haben uns nicht vorgenommen, stiller zu werden.

 

Du bist die Stimme der Architektur im Triumvirat. Was könnten im Bereich des Bauens in der Zeitschrift künftig thematisch gestärkt werden? 

Wir haben keinen Chefredaktor mehr. Und wir drei sind künftig für alle Bereiche – Architektur, Design und Planung – zuständig. Ich möchte helfen, alle zu stärken. Das heisst, ich will nicht lenken oder dirigieren, sondern die Kollegen zur Profilierung motivieren.

 

Nun ist also jeder Redaktor für sich aufgefordert nachzudenken, wie sie oder er sein Ressort schärft?

Wir führen zurzeit mit unseren Kolleginnen und Kollegen Gespräche. Es soll ein fliessender Übergang sei und konkrete Veränderungen sind derzeit nicht geplant. Das ist der Beginn eines Prozesses, der dann noch eine weitere Dynamik entwickeln kann. Vorerst ändert sich nichts, ausser dass du nun vielleicht mit mir, Agnes oder Lilia sprichst, statt mit Köbi.

 

Reden wir über Rahel Marti. Sie war viele Jahre als stellvertretende Chefredaktorin die Kronprinzessin. Warum hat sie nun nicht die Krone auf? War diese Position kein Versprechen auf Thronfolge? Oder war immer klar, dass in dem Moment, wenn Köbi geht, die Karten neu gemischt würden?

Klar geregelt war das nicht. Rahel war fast zehn Jahre stellvertretende Chefredaktorin. Köbi hat die Stabübergabe an sie wohl als mögliche Lösung gesehen. So klar hat er sich da nie geäussert. Aber in diesen zehn Jahren hat sich auch viel verändert. Wir haben vor zwei Jahren begonnen zu diskutieren. Uns war schnell klar, dass es unter uns keine Person gibt, die alleine als Geschäftsführer und Chefredaktor fungieren wollte. Also haben wir verschiedene Modelle diskutiert. Die jetzige Lösung hat sich nach und nach entwickelt. Als sich dann herausschälte, dass es die Dreier-Lösung geben würde, habe ich mich dafür zu interessieren begonnen. Für mich war immer klar: Ich würde das nie alleine machen wollen. Rahel hat sich in dieser Rolle nicht gesehen und drauf verzichtet.

 

Vielleicht kurz eine Frage zur zukünftigen Gewichtung von Architektur und Design im Heft. Das Verhältnis war lange 70 Prozent Architektur und Städtebau mit einem Spritzer Landschaft zu 30 Prozent Design. In den jüngeren Ausgaben war es 50/50 oder mitunter gar das Design im Vordergrund. Ist die Besetzung der Leitung mit einer Design- und einem Architekturexperten ein Zeichen dafür, dass beide Bereich künftig gleich gespielt werden?

Die Gewichtung 70 zu 30 ist über die Jahre in etwa konstant. In einem ähnlichen Verhältnis sind die Architektur- und die Designredaktion auch personell aufgestellt. Wenn im einen oder anderen Heft das Design stärker zu sein scheint, ist das möglich, aber es ist nicht programmatisch. Uns ging es in der Dreiergruppe um Ausgewogenheit auf verschiedenen Ebenen. Sicher wollten wir nicht zwei Architekturredaktoren in der Gruppe. Wichtig war uns auch, dass unterschiedliche Generationen drin sind – also nicht nur die Alten wie ich. Und wir wollten verschiedene Charaktere.

 

Ihr habt also Paritäten gesucht bei den Geschlechtern, den Inhalten, den Charakteren, den Altersgruppen? Die Leitung setzt zudem Inhalt und Verkauf auf eine Stufe.

Das sind wichtige Aspekte, aber wir haben das nicht krampfhaft versucht. Das Gesamtbild muss stimmen. Man kann nicht alles abbilden,  es gibt ja auch noch die Grafik, die Produktion, die Online-Redaktion… Inhalt und Verkauf waren schon bisher auf einer Stufe. Aber es sind zwei ganz unterschiedliche Bereiche und werden das auch bleiben. Die Geschäftsleitung ist nun zu zwei Dritteln aus der Redaktion besetzt und zu einem Drittel verlagsseitig. Mir scheint, das ist eine gute Mischung.

 

Die Redaktion der archithese gratuliert dem neuen Triumvirat. Wir wünschen Euch einen guten Start und viel Inspiration bei den neuen Aufgaben. Und wir hoffen Köbi Gantenbein wird mehr Zeit zum Schreiben haben, so dass wir künftig eher mehr als weniger von ihm lesen dürfen.

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