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Lebendiges Architekturmuseum

Eritreas Hauptstadt Asmara wird gerne als lebendiges Architekturmuseum bezeichnet. Denn bis heute sind die Spuren der italienischen Kolonialzeit, die von den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er-Jahre andauerte, in der Architektur der Stadt abzulesen. Zahlreiche futuristische, rationalistische und auch Gebäude im Jugendstil sind erhalten geblieben und prägen das Stadtbild. Insbesondere die Konzentration gut erhaltener modernistischer Bauten wurde vergangene Woche vom Unesco Komitee in Krakau gewürdigt und Asmara auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt.

 

Text: Anne-Dorothée Herbort – 12.7.2017
Bild: Cinema Impero (Foto: I, Sailko)

 

Die kürzlich zum Weltkulturerbe ernannte Kapitale Eritreas liegt auf einem Hochplateau in 2 300 Metern Seehöhe. In den 1890er-Jahren besetzte das italienische Militär das damals noch beschauliche Dorf und richtete einen Stützpunkt ein. Nach den Plänen von Odoardo Gavagnari sollte sich die Stadt zur modernen Metropole entwickeln.
Mussolini träumte schliesslich gar von einem zweiten Rom: als piccola Roma im Zentrum des afrikanischen Teils des angepeilten Imperiums wurde die Stadt zum Spielplatz für italienische Architekten. Edward Denison – der am Projekt für die Aufnahme von Asmara auf die Liste des Weltkulturerbes beteiligt war – ist der Meinung, dass die Architekten in Eritrea mehr Spielraum genossen als im zunehmend rückwärtsgewandten Italien und ungestört mit extravaganten Formen experimentieren konnten. Das wohl bekannteste Beispiel ist die Fiat Tankstelle und Werkstatt von Guiseppe Pettazzi (1941), welche einer Rakete gleich vom Boden hoch zu schnellen scheint.
Die Architekten kombinierten futuristische Motive mit lokalen Konstruktionsmethoden. Hinter den glatten und scharfkantigen Fassaden verbargen sich Laterit Steinblöcke die braun, ockerfarben, hell blau oder grün verputzt sind. Man findet bis heute in Asmara eine hohe Konzentration an gut erhaltenen Villen, Fabrikgebäuden und Geschäften.

 

Architektonisches Labor
Von den 814 kulturellen Stätten, die von der Unesco gelistet wurden, befinden sich gerade einmal 48 auf dem afrikanischen Kontinent; weniger als allein in Italien. Mit der Aufnahme von Asmara und dem historischen Zentrum von M’banza, einer Stadt in Angola, versucht nun die Kulturorganisation der Vereinten Nationen diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken. Doch wer profitiert von diesem Akt? Man nimmt an, dass die Aufnahme auf die Liste den Tourismus in Asmara kräftig ankurbeln wird. Aber davon wird die unterdrückte Bevölkerung wahrscheinlich wenig spüren. Denn wirklich frei war das Land noch zu keinem Zeitpunkt. Obwohl Eritrea 1993 seine Unabhängigkeit erklärte und sich von Äthiopien löste, dauern die Grenzkriege bis heute an. Seit über zwanzig Jahren leben die Menschen in einem repressiven Staat. Isaias Afwerki regiert dort gestützt auf das Militär mit harter Hand. Tausende versuchen jährlich das Land zu verlassen. Die Architekturen der Kolonialherren werden heute durch das Regime angeeignet und zu Symbolen eigener Macht verklärt, was der Würdigung durch die Unesco umso mehr einen faden Nachgeschmack verleiht.

 

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