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BIGs Serpentine Pavillon

Von konträren Anmutungen und historischen Referenzen

Der von der Bjarke Ingels Group (BIG) entworfene 16. Serpentine Pavillon in den Londoner Kensington Gardens wird dieses Jahr zum ersten Mal von vier Sommerhäusern begleitet. Während sich die 25 Quadratmeter kleinen Strukturen von Kunlé Adeyemi, Barkow Leibinger, Yona Friedman und Asif Khan zum Grossteil an historischen Referenzen des Parks orientieren und die Geschichte des Ortes thematisieren, steht der Hauptpavillon präsent und doch erstaunlich feinfühlig zwischen Serpentine Gallery und dem West Carriage Drive und verhandelt die konträren Begriffe «Geschlossenheit» und «Perforation».

 

Text: Anna Valentiny – 20.6.2016
Fotos: Iwan Baan 

Innerhalb von nur sechs Monaten, entsteht jedes Jahr aufs Neue ein temporärer Pavillon für die Serpentine Gallery. Die Bauten, die bis zum 9. Oktober gezeigt werden, stammen allesamt von international renommierten Architekten, die bisher kein Projekt im Vereinigten Königreich realisiert haben.

 

Wechselspiel zwischen Geschlossenheit und Perforation
Bereits von der Strasse, dem West Carriage Drive aus, der die Gärten im Herzen der englischen Hautstadt von Süden nach Norden durchquert, ist der von BIG gestaltete Pavillon und in dessen Hintergrund die Serpentine Gallery zu erkennen.
Die Architektur des Dänen greift das Motiv des bestehenden Ziegelverbunds des ehemaligen Teepavillons auf und komponiert ein komplexes geometrisches Konstrukt aus extrudierten Glasfaserrahmen. Durch den Versatz der «leeren Blöcke» entstehen optisch geschlossene und perforierte Zonen, in denen der Entwurf die Beziehungen zwischen Innen und Aussen verhandelt.
Während der Raum tagsüber als Café genutzt wird, wird er am Abend Bühne für das Parks Nights Programm.

 

Analogien zur Geschichte
Fünf Minuten zu Fuss gen Norden, im Hang zwischen Long Water und dem 1734 für Queen Caroline von Ansbach errichteten Sommerhaus, liegen die vier Nebenpavillons.
Barkow Leibinger hat eine geschwungene Holzstruktur gestaltet, welche die Rotationsbewegungen eines zweiten, mechanisch betriebenen und längst verschwundenen William Kent Baus nachzeichnet; dazu gab das Duo dem Baukörper die Form stagnierter Schleifen.
Es folgt der Entwurf von Kunlé Adeyemi, der sich auf den nahe gelegenen Temple bezieht, indem er eine invertierte Replik des historischen Grundrisses kreiert. Die skulpturale Sandstein-Architektur wurde um neunzig Grad gedreht und lässt die neo klassizistischen Proportionen im Innern in Dialog mit dem Bestand treten. Kunlé schuf so einen Staffagebau des 21. Jahrhunderts und formulierte damit einen pointierten und intelligenten Kommentar zum umgebenden Englischen Landschaftsgarten, dessen Thema im späten 18. Jahrhundert die gebaute und inszenierte Ruine war.
Die Gestaltung von Asif Kahn bezieht sich ebenfalls auf die Geschichte: der Architekt hat eine Sonnenstudie zu Grundstück und Queen Caroline's Temple angefertigt und dabei herausgefunden, dass Kent das Sommerhaus in Richtung der aufgehenden Sonne am 1. März 1683, dem Geburtstag der Monarchin, orientierte. Er folgerte daraus, der anschliessende Serpentine Lake sei angelegt worden, um den malerischen Effekt der in Morgenlicht getauchten Fassade wie ein Spiegel zu verstärken. Um diesen Effekt, inzwischen durch eine Brücke teils zunichte gemacht, zu reaktivieren, entwarf Kahn eine wellenförmige Enfilade aus Holz-Lamellen um eine Insel aus poliertem Metall, die als reflektierende Oberfläche fungiert.
An dieser Stelle wird das Thema von Geschlossenheit und Perforation, das sich bereits im zentralen BIG Pavillon manifestiert aufgegriffen. Je nach Blickpunkt des Besuchers simuliert das Konstrukt der vertikal wachsenden Lamellen einmal die geschlossenen Fläche um im nächsten Moment wieder die transparenten und leichten Andeutung eines Körper zu offenbaren.

 

Formalismus statt Historie
Den nördlichen Abschluss der Sommerhäuser bildet Yona Friedmans Space-Chain-Struktur. Sie stellt das Fragment eines grösseren Grids dar, das ursprünglich für Friedmans bekanntestes Projekt La Ville Spatiale in den späten 1950er-Jahre entworfen wurde. Während die «Stadt über der Stadt» noch von einem modernen Formenvokabular geprägt war, entwickelt sich das Bruchstück in der Serpentine Gallery zum freieren organischen Wuchs aus geschwungenen Linien, welche die Umrisse des geometrischen Körper andeuten. Mit seinem Entwurf bricht Friedman aus dem Metathema on site gefundener historischer Referenzen aus.

 

Pavillon und Sommerhäuser können bis zum 9. Oktober 2016 besichtigt werden. Weitere Informationen und Programm der Serpentine Gallery finden Sie hier.

 

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