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Sprengung Pruitt Igoe 1972, Foto: Lee Balterman

Kollaps der Moderne?

Mitte der 1970er-Jahre gelangte der Bau von Grosswohnsiedlungen – nicht nur in der Schweiz – an sein Ende. Dazu trugen verschiedene Faktoren bei, nicht zuletzt auch die Kritik an der architektonischen Moderne. «Künstlichen Dörfer» waren damals kontrovers diskutierte Gegenmodelle. Inzwischen stossen sie wieder auf Interesse.

 

Text: Hubertus Adam – 16.9.2021

 

Folgt man Charles Jencks, so ereignete sich das Ende der modernen Architektur mit einem Knall: «Modern Architecture died in St. Louis, Missouri on July 15, 1972 at 3.32 p.m. (or thereabouts) when the infamous Pruitt-Igoe scheme, or rather several of its slab blocks, were given the final coup de grâce by dynamite», heisst es 1977 in der ersten Auflage des Bestsellers The Language of Post-Modern Architecture.1 Die taumelnd zusammenstürzenden, in einer Staubwolke verschwindenden Wohnscheiben der Siedlung Pruitt-Igoe, die Jencks als Illustration beigab, entwickelten ikonische Kraft. The Language of Post-Modern Architecture gilt als Klassiker der Architekturpublizistik, der ständig ergänzt und erweitert und in verschiedenen Sprachausgaben veröffentlicht wurde. Vollends zur Ikone aber wurde Pruitt-Igoe durch Godfrey Reggios Film Koyaanisqatsi aus dem Jahr 1982. Pruitt-Igoe ist eine der eindrucksvollsten Sequenzen des Films, der mit seiner Montagetechnik, wahlweise auch in Zeitlupe und Zeitraffer, von Dsiga Vertov und Walter Ruttmann inspiriert ist. Da auf Personen und Handlung im klassischen Sinne verzichtet und der Film aus Archivmaterial zusammengeschnitten wurde, kommt dem Soundtrack von Philip Glass besondere Bedeutung zu. Zu Luftaufnahmen der verwahrlosten Siedlung steigert sich die Filmmusik in das Fortissimo eines bläserbetonten Stakkato; die Sequenz mündet schliesslich in die Sprengungsszenen, der weitere, in ein Inferno kulminierende Filmsequenzen von zusammenstürzenden Hafenanlagen, Indusbriebauten und Hochhäuser folgen, bevor sich die Staubwolken lichten. Pruitt-Igoe figuriert hier als in quasireligiöser Diktion zum Inbegriff menschlicher Hybris, die der Katharsis bedarf. Und Katharsis heisst in diesem Zusammenhang: Eliminierung. Das erinnert in seinem Erlösungspathos an Blatt 1 aus Die Auflösung der Städte2 von Bruno Taut aus dem Jahr 1920. «Lasst sie zusammenfallen, die gebauten Gemeinheiten», schreibt Taut, und er zeichnet zusammenstürzende Hochhäuser, als seien hier die ikonischen Bilder der Sprengung von Pruitt-Igoe antizipiert. Unten auf dem Blatt sieht man die zukünftige Vision kleinteiliger Bebauungen in blumenförmigen Arrangements: «Nun blüht unsere Erde auf».
Wie die Sprengung von Pruitt-Igoe in der Schweiz rezipiert wurde und was nach dem Ende des spätmodernen Siedlungsbaus folgte, das analysiert Hubertus Adam im aktuellen Heft der archithese.

1 Charles Jencks, The Language of Post-Modern Architecture, London 1977, S. 9.
2 Bruno Taut, Die Auflösung der Städte, Hagen 1920, Tafel 1.

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> In werk-archithese 21-22.1978 wird Rolf Kellers Siedlung Seldwyla kontrovers diskutiert. archithese-Gründungsredaktor Stanislaus von Moos sieht die neuen «künstlichen Dörfer» kritisch, kann ihnen jedoch auch etwas abgewinnen.

> Angelika Schnell setzt sich in archithese 2.2015 mit der «Ideologiekritik der modernen Architektur» auseinander. In ihrem Beitrag geht es auch um Göhnerswil und Schweizer Kritik am Bauwirtschaftsfunktionalismus.

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