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Knochenhartes Spitzenkleid

2013 präsentierte sich Marseille als europäische Kulturhauptstadt: Als architektonischer Hauptdarsteller glänzte oder, besser gesagt, flirrte J4, ein Erweiterungsbau des Museums für «Kulturen des Mittelmeerraumes und Europas». Zwei Fassade und das Dach des Kubus sind geprägt von mehrdeutigen filigranen Betonelementen. Die Erweiterung des Museums macht den ehemaligen Hafen zu einem neuen urbanen Hotspot der Mittelmeermetrople und soll für den laufenden Strukturwandel der hafennahen Stadtgebiete als Motor dienen. 

 

Text + Fotos: Jørg Himmelreich – 2.10.2017

 

Marseille ist ein geschichtsträchtiger Ort: Mit den hier ankernden französischen Handels- und Kriegsschiffen wurden mehrere Jahrhunderte lang die Geschicke des Mittelmeerraumes mitbestimmt. Die zweitgrösste Stadt Frankreichs ist andererseits selber ein Spiegel verschiedener Kulturen des Mittelmeerraumes, deren Einflüsse sich über Jahrhunderte in architektonischen Sedimenten angelagert haben. Das macht die Stadt und ihren Hafen zu einem prädestinierten Standort für ein Museum, das sich mit den «Zivilisationen Europas und des Mittelmeers» auseinandersetzt. Insgesamt besteht das MuCEM aus drei Bauwerken mit 44 000 Quadratmetern: Das gewaltige Fort Saint-Jean wurde für Dauer- und Wechselausstellungen eingerichtet. König Ludwig XIV. hatte die Festung erbauen lassen, um den Hafen und die Bürger der Stadt zu kontrollieren. Die Innenräume wurden von François Bottonin in Zusammenarbeit mit dem Architekten des J4, Rudy Ricciotti, renoviert. Zweiter Standort ist das 2012 fertig gestellte CCR auf dem Areal der Kaserne du Muy zum Lagern und Restaurieren der Archivalien. Der prägnanteste Baustein ist das J4. Unmittelbar neben dem Fort gelegen, bietet der Neubau 15 500 Quadratmeter Fläche. Er wurde nach dem gleichnamigen Handelsquai benannt, auf dem er steht. Bis zur Entkolonialisierung war der Hafen Frankreichs Tor zur Welt: Waren wurden hier verladen und Reisende aus der ganzen Welt gingen an und von Bord. Umgeben von Stadt, Festung und Meer nimmt das J4 nun eine neue Schanierfunktion wahr. Obwohl von aussen leicht fassbar, präsentiert sich das Museum mit einer vielfältigen Wegführung im Inneren komplex und mehrdeutig. Die Fassaden nach Südwest und Südost können als Zitat mediterraner Architektur oder als maritime Natur-Analogie gelesen werden.

 

Neue Stadtbausteine
Seit 1989 wird im Rahmen des Stadterneuerungsprojekts Euroméditerrané das Hafenareal von Marseille umgestaltet und aufgewertet. Ziel ist es, auf insgesamt 3,1 Quadratkilometern Stadtfläche ein neues lebendiges Geschäftszentrum zu etablieren und Marseille damit als Wirtschaftsstandort zu stärken und es auf der Landkarte des internationalen Städtetourismus besser zu positionieren. Die Mittel stammen vom französischen Staat, der Gemeinde und der Region, der Stadt Marseille, der Europäischen Union und von privaten Investoren. Entlang der Uferstrasse Les Quais d’Arenc entsteht eine typische zeitgemässe Waterfront-Entwicklung mit Shopping-Malls und mehreren Hochhäusern: 2011 wurde das Hochhaus für die Schifffahrtsgesellschaft CMA CGM von Zaha Hadid fertiggestellt. Im kommenden Jahr wird das 135 Meter hohe Bürohaus La Marseillaise von Jean Nouvel fertig. Ein 113 Meter hoher Turm von Yves Lion und ein Bauwerk von Jean-Baptiste Piétri mit 100 Metern werden folgen. Das von Roland Carta geschaffene Veranstaltungszentrum Le Silo im ehemaligen Getreidespeicher und die zum Medien- und Kulturzentrum umgenutzte ehemalige Tabak-Fabrik im Viertel Belle-de-Mai sollen dem Quartier Leben einhauchen. Als die Entwicklung lahmte, hat die Präsentation als Kulturhauptstadt Europas die Transformation des Hafenareals wieder auf Touren gebracht. Für das J4 wurden EUR 102 Millionen ausgegeben. Die Stadt setzt auf seine Strahlkraft – für die Transformation von Marseille und für den gesamten Mittelmeerraum.

 

Plattform und Treffpunkt
Statt ausschliesslich Ausstellungen zu zeigen, will das Museum vor allem eine Begegnungsplattform sein. Podiumsdiskussionen, Performances, Filmvorführungen und ein öffentliches Archiv sollen es zu einem Ort der Kommunikation machen. Das sollte sich auch in seiner Architektur niederschlagen. Die Kubatur des J4 ist auf den ersten Blick eine einfache Box – mit quadratischer Grundfläche von 72 Metern Seitenlänge und einer Höhe von 25 Metern. Das Gebäude ist aber alles andere als simpel oder hermetisch, sondern überraschend vielschichtig. Richtung Norden und Westen präsentiert sich der Bau mit riesigen Glasfassaden. Auf den beiden Sonnenseiten und über dem Dach ist es überzogen von einer unregelmässigen Sekundärstruktur der Betonfertigelemente, die das Sonnenlicht filtern und doch zugleich Ausblicke auf das Meer ermöglichen. Das Museum öffnet sich auf verschiedene Arten und offenbart den Besuchern beim Durchwandern eine reichhaltige Innenwelt. Hinter der perforierten Betonhülle liegt eine leicht aus der Mitte verschobene Glasbox mit 52 Metern Kantenlänge als eigentliche Klimahülle. Sie ist sieben Etagen hoch. Die Ausstellungsflächen und ein unterirdisches Auditorium sind jeweils zweigeschossig und zu mehreren Seiten von Servicebereichen umschlossen.

 

Aufs Dach steigen
Das Museum ist zugleich eine neue Wegverbindung zwischen Hafen und Fort. Wer sich von der Festung aus nähert, kann über eine 115 Meter lange, leicht geneigte Brücke aus ultrahochfesten Betonfertigteilen dem Museum «auf’s Dach steigen». Etwa die Hälfte der vierten Etage ist als grosses Holzdeck gestaltet, die andere wird von einem Restaurant belegt. Die Betonelemente bilden hier raumhohe Brüstungen und schliessen die obere Etage (bis auf Teile der Dachterrasse) nach oben ab. Diese «fünfte Fassade» dient als Sonnenschutz und als umlaufende Pergola oder luftigen Arkade. Von dort oben können die Besucher mit dem Lift oder über Treppen hinunter zum Eingang oder in die Ausstellungen gelangen. Wer sich für den «Abstieg» Zeit nehmen möchte, kann in der Raumschicht zwischen Museumsräumen und Fassade über Stege und Rampen, langsam das Gebäude umrundend, nach unten wandern. Von diesem Fassadenpfad können die Besucher Ausblicke auf das Meer und die Festung geniessen, das Lichtspiel auf der Architektur beobachten oder dem Rauschen der Brandung lauschen. In die andere Richtung führt der Weg über das J4 vom Hafen in die Stadt: Vom Fort leitet eine zweite, 70 Meter lange Brücke auf die Plaza de la Tourette und zur Kirche Saint-Laurent. Dicke gespannte Stahlseile halten die Brücken zusammen und in Position.

 

Zu Stein erstarrtes Lichtspiel
Die gesamte Tragstruktur des J4s wurde aus Betonfertigteilen zusammengesetzt. Das Tragwerk der inneren Box besteht aus 309 baumartigen Betonpfeilern unterschiedlicher Querschnitte, die sich teilweise verzweigen. Insgesamt wurden 20 verschiedene Formen variiert. Durch die Verzweigungen konnte auf Diagonalstützen verzichtet werden. Die Stützen verjüngen sich von 45 bis auf 25 Zentimeter. Die Decken bestehen aus Fertigteilen. 24 Meter lange Fertigelemente wurden auf einen Ringanker und zwei Wandscheiben ungefähr in der Mitte des Bauwerkes aufgelegt. Alle Betonelemente sind vorgespannt, um die Zugkräfte zu minimieren und sie möglichst schlank dimensionieren zu können.
Die zehn Zentimeter dicken Betonelemente der Fassade wurden in Frankreich von Dumez-Freyssinet in Gémenos aus Ductal hergestellt. Sie sind so filigran, dass sie aus der Distanz wie eine Schicht aus Haut und Knochen wirken. Sowohl die Stützen als auch die Gitterelemente wurden gleichmässig Anthrazit eingefärbt. Jeweils sechs Fassadenelemente wurden aufeinander gestellt und leiten die Vertikallasten selber ab. Fasereinlagen aus Stahl nehmen die Zugkräfte auf. Das UHPC-Material hat eine sehr homogene Oberfläche. Durch Stahlstäbe sind die Elemente mit der inneren Box nur deshalb verbunden, damit sie in Position bleiben. Organisch wirkend und ohne beschreibbare Geometrie ist ihre Massstäblichkeit schwer zu fassen. Sie scheinen schwer und leicht zugleich. Auch wenn das Material zeitgemäss ist, wirken sie (von aussen) alles andere als technoid und rufen vielfältige Assoziationen hervor. Ist das Wetter mild, wirkt es, als hätte sich das Bauwerk für den Fall eines leichten Sommerwindes den Spitzenschal um die Schultern gelegt. Bei kalter Witterung erscheint das Betongitter kristallin – wie ein zu Kalkskeletten erstarrtes Korallenriff. Architekt Rudy Ricciotti hat bei der Fassade weniger an Felsstrukturen als an das Lichtspiel auf dem Meeresgrund gedacht – an netzartige Lichtfiguren, die sich durch die Wellenbewegungen permanent verändern. Er weist auf die lange Tradition von Beton im Mittelmeerraum hin und erinnert daran, dass bereits im Römischen Reich mit dem Material gebaut wurde. Zugleich haben die Fertigelemente aber auch eine orientalische Anmutung: Sie erinnern an Musherabi, die typischen geschnitzten oder gemauerten Sonnenfilter vor Fenstern der arabischen Architektur. Damit etabliert die Hülle auch einen Dialog mit der Baukultur der Maghreb und unterstreicht, dass im Museum auch die afrikanische Mittelmeerregion behandelt wird.

 

> In Marseille wurden am 29. September 2017 die elf Gewinner des LafargeHolcim Awards for Sustainable Construction in der Gruppe Europa vorgestellt.

> Ein ganzes archithese-Heft zum Thema des neuen Ornaments in der Architektur finden Sie hier. 

Rudy Ricciotti hat im Stadtentwicklungsgebiet ZAC eine Mühle umgenutzt. Einen Essay zum Wandel des Pariser Quartiers finden Sie in archithese 5.2012.

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