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Im Einklang?

Am 24. Januar 2017 luden der Schweizer Heimatschutz, der Schweizer Verband für Raumplanung VLP-ASPAN und das Bundesamt für Kultur ins Kultur- und Kongresshaus Aarau. Der Saal war brechend voll; das Thema der Tagung stiess in allen Landesteilen auf ein gewaltiges Interesse. Von Vertretern unterschiedlichster Disziplinen wurden gewichtige Fragen diskutiert. Doch die wohl wichtigste kam zu kurz.

 

Text: Gregory Grämiger – 30.1.2017

 

Zwischen Verdichtung und Ortsbildschutz
Primär ging es um die Diskussion, wie bei einer Verdichtung nach innen historische Ortsbilder der Schweiz bewahrt werden können. Ein Instrument dafür stellt das Bundesinventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) dar, das vom Publikum einstimmig als wichtiges Instrumentarium verstanden wurde. Das Inventar entstand im Zuge der grossen Bautätigkeit, die kurz vor der Ölkrise von 1972 ihren Höhepunkt fand und das Bild der Schweiz massgeblich veränderte. Zur Erfassung schützenswerter Ortsbilder wurde eine Methode entwickelt, welche eine objektive Beurteilung historischer Siedlungsstrukturen zulässt. Von zunächst 6 500 untersuchten Ortsbildern wurden 1 300 ins aktuelle Bundesinventar aufgenommen.
Besondere Relevanz bezüglich aktueller Planungsfragen erhielt das ISOS im Jahr 2009, als das Bundesgericht eine Beschwerde gegen eine Überbauung im Ortskern von Rüti / ZH guthiess. Auch kürzlich wurde im Fall der geplanten Genossenschaftssiedlung «Ringling» in Zürich von den Richtern erneut ein Projekt bachab geschickt, weil ihnen die Einbettung in den Kontext nicht gelungen erschien. In Rüti hatten sie dazu aber eine objektive Ermessungsgrundlage in Form des Bundesinventars schützenswerter Ortsbilder. Das ISOS wurde somit zu einem rechtskräftigen Inventar. Der Fall eines angefochtenen Bauvorhabens im Schaffhauser Villenquartier Steig zeigte jedoch, dass eine Verdichtung gegen innen trotz ISOS realisiert werden kann. Denn in Schaffhausen berücksichtigten die Planer und Behörden frühzeitig das Inventar, prüften verschiedene Bebauungsvarianten und suchten eine harmonische Integration des neuen Bauvorhabens. Die Richter gaben ihnen 2015 denn auch Recht – und zeigten damit, dass bezüglich dem Schutz historischer Ortsbilder ein Ermessenspielraum gegeben ist.

 

Ein Risiko für die Raumplanung?
Dennoch «drückt mancherorts der Schuh», wie Sacha Peter vom Amt für Raumentwicklung des Kantons Zürich anmerkte, der im ISOS ein Risiko für die Raumplanung der Kantone und Gemeinden sieht. Denn eine Verdichtung nach innen, wie sie seit 2012 durch das Raumplanungsgesetz vorgeschrieben wird, kann natürlich zu einem Konflikt mit dem Schutz historischer Ortsbilder führen. Zudem untergräbt das Bundesinventar die Autonomie der Kantone, denn das Raumplanungsgesetz schreibt diesen die Aufgabe des Natur- und Heimatschutzes ausdrücklich zu. Eine mögliche Lösung dieses Problems präsentierte Giancarla Papi, Vorsteherin des Bau- und Raumplanungsamtes des Kantons Freiburg. Dort wurde das Bundesinventar als kantonales Inventar betrachtet und floss unmittelbar in die Revision der Orts- und Zonenpläne ein. Eine Implementierung in den kantonalen Richtplan wird ebenfalls angestrebt.

 

Schützenswertes Neues?
Das ISOS kann somit zugleich die Rechte der Kantone und Kommunen einschränken, oder aber Grundlage für diese sein. Einstimmig anerkannt wurde ihm die Bedeutung als Werkzeug zur Bewertung historischer Siedlungsstrukturen, das die Grundlage für eine qualitätsvolle Planung legen kann, die weder vorhandene Qualitäten gefährdet, noch zukünftige Bauprojekte verhindert. Da Inventare aber nur aktuelle Werte aufzeigen und keine zukünftigen Lösungen, bleibt es Sache der Raumplaner und Architekten, den Schutz historischer Ortsbilder mit den aktuellen Bedürfnissen in Einklang zu bringen.
Die wohl wichtigste Frage, die an der Tagung leider nur am Rande besprochen wurde, bleibt denn auch: Wie können neue Ortsbilder geschaffen werden, die dereinst in das Bundesinventar schützenswerter Ortsbilder aufgenommen werden? Dazu ist der Wille aller Beteiligter – von Raumplanern, Politiker, Heimatschützern, Architekten und Anwohner – für eine allerorts sowohl nachhaltigen wie auch zukunftsorientierten Baukultur unverzichtbar.

 

> Der Zürcher Stadtrat André Odermatt im Interview zu den Folgen von ISOS für die innere Verdichtung der Limmatstadt.

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