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Hölzernes Bijou

Die Waldhütte tegia da vaut von Gion A. Caminada

 

Viel fokussierter kann eine Bauaufgabe nicht sein: Ein Hauptraum, zu ergänzen mit den notwendigsten Nebenräumen. Ein einfaches Rechteck als Grundriss. Der Standort im Wald frei wählbar. Was mit einer ausdruckslosen Kiste hätte enden können, wurde zu einem von Material und Handwerk geprägten Kleinod mit beinahe sakralem Charakter.

 

Text: Inge Beckel – 25.12.2015
Foto: Ralf Feiner / Prix Lignum 2015
Pläne: Gion A. Caminada

 

Die Waldhütte tegia da vaut liegt südlich oberhalb der Stelle, wo der Vorderrhein und der Hinterrhein zusammen fliessen. Der Name ist nicht symbolisches Attribut des kleinen Hauses; vielmehr steht die Hütte unmittelbar im Wald. Nur gegen Westen grenzt sie an eine sich talwärts öffnende Lichtung. Vom Tal her kommend führt ein leicht ansteigender Weg dem Waldrand entlang zur einstöckigen Hütte, die sich in einem Kleid komplett aus Lärchenholzschindeln präsentiert. Nur die über einige Treppenstufen erhöhte Eingangstüre sowie wenige, mit einer Ausnahme sehr kleine Lochfenster durchbrechen das ansonsten geschlossene Schindelkleid. Eine Ausnahme bildet die dem Besucher abgewandte Längsfassade gegen Süden, welche von einer verglasten Wand mit bis zum Boden reichenden, zur Hälfte verschiebbaren Öffnungen geprägt wird. Das Dach steigt im Längsschnitt von Südosten gegen Nordwesten leicht an, wobei dieses nicht ein geradliniges Pultdach darstellt. Vielmehr zeichnet der Dachabschluss die Form eines sich gegen das Bündner Oberland leicht hochziehenden Bogens nach und beschreibt damit eine zum abfallenden Hang gegenläufige Bewegung.
Betreten wird das Gebäude über eine dem Hauptraum vorgelagerte Zone, worin die dienenden Räume untergebracht sind. Massive Holzstützen trennen diesen Bereich vom Kern. Der grosse, offene Raum mit freiem Blick zum Wald liegt zentral. Für die Symmetrie des Grundrisses sorgt auf der andern Seite ein überdeckter Aussenbereich, der aus volumetrischer Sicht Teils des Gebäudes ist und mit seinem Holzboden eine Erweiterung des Innenraums darstellt.

 

Nah- statt Fernblick
Die Waldhütte ist Gesellschafts- und Lernraum. Sie kann für Feste genutzt werden, dient aber auch als Schulzimmer. Alle in Waldberufen tätigen Menschen, Schulklassen und Vereine können hier naturnah unterrichtet werden. Beim Bau der Hütte ging es entsprechend darum zu zeigen, dass ein Baumstamm vollumfänglich genutzt werden kann: Dem Markholz der Weisstanne entstammen die Stützen, der Boden besteht aus den Riftbrettern und das Flechtwerk der Wand- und Deckenflächen aus den Seitenbrettern. Die Wände des zentralen Hauptraums sind an den Schmalseiten geschlossen, nur ein kleines Lochfenster lässt den gezielten Blick ins Tal zu. Die beiden schützenden Flanken werden einmal von einem durchgängigen Schrankmöbel, das die Höhe einer Theke aufweist, sowie einmal von einer Sitzbank gefasst, die sich knapp um die südwestliche sowie die nordwestliche Gebäudeecke zieht. Diese Geste bildet eine Art Klammer, die den talseitigen Raumabschluss zu einer hohen, schützenden Nische macht. Die Längsseiten des Raums sind offen – als verglaste Wand sowie als durchlässige Raumschicht. Die beidseits versetzten Stützen wurden bewusst überdimensioniert, womit sie den Hauptraum trotz dessen Transparenz fassen. Der Architekt lenkt mit der Gestaltung des Innenraums den Blick von Besuchern und Verweilenden ins Unterholz des angrenzenden Waldes. Er inszeniert bewusst den Blick auf den nahen Aussenraum. Dies ganz im Gegensatz zum, besonders während der Moderne beliebten und heute fast üblichen, Panoramablick, der die Aufmerksamkeit der Menschen meist weg vom Aufenthaltsort in die Ferne zieht.

 

Intimer Gemeinschaftsraum
Mitten im Hauptraum steht ein Ofen. Fast mittig. Denn er teilt einen Dritten von den anderen zwei Dritteln. Nun weist der kleinere Teil eine tiefere Raumhöhe auf als der grössere. Somit werden die Proportionen der beiden Räume stimmig, was heisst, dass Grundfläche und Höhe in einem guten Verhältnis zueinander stehen. Der sie trennende Ofen, der im Winter eingefeuert wird, ist die einzige Heizquelle im Haus. Der Ofen als die Sicht durchlassendes, den Raum dennoch trennendes Element einerseits, kombiniert mit der gegen Westen ansteigenden Raumhöhe andererseits bewirkt, dass man sich drinnen in der Hütte wohl fühlt, ob nun drei Personen oder deren achtzig da sind. Denkt man demgegenüber etwa an viele der Mehrzwecksäle aus den 1970er Jahren, die wohl mehreren Zwecken dienten, wo man sich in einer kleinen Gruppe jedoch meist unwohl fühlte, wird man in Caminadas tegia da vaut von keinerlei Unbehagen beschlichen, egal, wie viele Leute anwesend sind. Damit ist der Raum nicht nur mehrfach nutzbar in funktionalem, sondern gleichzeitig in atmosphärischem Sinne. Geprägt wird er nebst der starken Materialpräsenz des Holzes auch von der vielleicht weniger bewusst wahrgenommenen guten Akustik, die der Raum der an Decke und Wänden sichtbaren isolierenden Schafwolle verdankt. Auch für den Entwurf der Holztische und -stühle zeichnet der Architekt verantwortlich. Diese hat er selbst entwickelt und von der Firma Girsberger bauen lassen. Er hat damit ein Gesamtkunstwerk geschaffen, von der Wahl des Bauplatzes über die Setzung des Baukörpers, den architektonischen Entwurf, dessen konstruktiver Umsetzung und der Wahl des nahen Holzes als primären Baustoff bis hin zur Inneneinrichtung. Entstanden ist ein kleines Bijou, erhöht über dem geschäftigen Talboden und eingebettet in der ruhigen Beschaulichkeit des Waldes.

 

Architektur: Gion A. Caminada, Jan Berni; Holzbauplanung/Tragwerk: Walter Bieler; Holzbauarbeiten: Mark Holzbau; Innenausbau: Schreinerei Spescha; Bauherrschaft: Gemeinde Domat/Ems.
Inge Beckel hat an der ETH Zürich Architektur studiert und über die Schnittstelle von Architektur zu zu den Gender Studies dissertiert. Sie arbeitet in Graubünden und Zürich freiberuflich als Journalistin und Bauberaterin sowie Baubegleiterin

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