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Frei interpretiert

archithese ist eine vielschichtige schriftenreihe zur Architektur. Mit Sammelstelle archithese bringt das Nidwaldner Museum das Magazin in einen Dialog mit zeitgenössischer Kunst und zeigt, wie unterschiedlich die ersten 20 Hefte gelesen werden können. Die Ausstellung, die am 3. November 2017 ihre Vernissage feierte, ist bis zum 11. Februar 2018 im Winkelriedhaus in Stans zu sehen.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 5.11.2017
Fotos: Christian Hartmann

 

Zeitlose Relevanz
Die ersten, vier Jahrzehnte alten Ausgaben eines internationalen Architekturmagazins werden von einem lokalen Museum ins Zentrum einer Ausstellung gerückt und von vier Künstlern neu interpretiert. Wie passt das zusammen? Einerseits sind viele Themen aus den 1970er-Jahren immer noch – beziehungsweise wieder – aktuell. Stefan Zollinger, Leiter des Museums, findet allem voran die darin verhandelten städtebaulichen Fragen wieder wichtig: «Sie sind für Nidwalden zentral, da der Kanton immer urbanisierter wird.» Andererseits war das Team der frühen archithese biografisch mit der Zentralschweiz verbunden: Die beiden Gründer Stanislaus von Moos und Hans Reinhard stammen aus dieser Region respektive wohnen dort. Kunsthistoriker von Moos ist gebürtiger Luzerner; Architekt Reinhard lebt in Hergiswil. Sie waren an der stimmungsvollen Vernissage anwesend und freuten sich über die positive Resonanz zu Ihrer Arbeit an der schriftenreihe

 

archithese als Bezugsgrösse
Sammelstelle archithese setzt jedoch nicht auf eine historisch-theoretische Auseinandersetzung mit den frühen Ausgaben, sondern interessiert sich aus einer künstlerischen Perspektive für das Magazin. Zwar knüpfen einige Arbeiten vage an die Inhalte an, doch vielmehr – teils sogar ausschliesslich – stehen ästhetische Aspekte im Mittelpunkt. «Die Zeitschrift archithese bearbeitet seit Jahrzehnten auch die Schnittstelle von Architektur und Kunst. Nun haben wir den Blickwinkel gewechselt und Künstler gebeten, das Heft zu interpretieren», so Zollinger, der an der Vernissage einleitende Worte an die rund 100 Besucher richtete. Kuratorin Patrizia Keller spann den gedanklichen Faden fort und erklärte, dass insbesondere die ersten Hefte der schriftenreihe hinsichtlich Gestaltung und Inhalt für die Praxis zeitgenössischer Künstler relevante Fragestellungen aufgeworfen haben. So dienten nun die Hefte zwischen 1972 und 1976 als Ausgangspunkt für kreative Interpretationen: Katalin Deér, Sophie Nys, Gregor Eldarb und Samuli Blatter befragten sie individuell und stellten sie in neue Kontexte.

 

Von der wissenschaftlichen Haltung bis zum lockeren Graphitstrich
Sophie Nys fokussierte auf einen scheinbar nebensächlichen Aspekt, der aber für annähernd alle Magazine lebenswichtig ist: die Reklame. Die Belgierin klebte sämtliche Anzeigen aus den frühen archithesen nebeneinander. Dabei machte sie nicht nur ein Stück Schweizer Industriegeschichte sichtbar, sondern lenkte gleichzeitig den Blick auf existenzielle finanzielle Fragen, mit denen alle Printmedien konfrontiert sind. Fasziniert vom Format und den Farben der Hefte, interessierte sich Katalin Deér vor allem für die abgedruckten Fotografien. Einzelne Objekte wie Vasen oder Hocker stellte die in St. Gallen lebende US-Amerikanerin in den Raum und untersuchte so das Verhältnis von Farbe, Fläche und Körper. Visuelle Ansätze prägen schliesslich auch die Werke von Samuli Blatter und Gregor Eldarb: Während der in Finnland geborene Blatter die typografische Klarheit und den reduzierten Umgang mit dem Bildmaterial in eine zeichnerische Praxis überführte, die grossformatige Kaligrafien aus Graphit entstehen lassen (ihn reizte die Idee der Zeichnung als Urform der Architekturdarstellung), untersuchte Eldarb Fragen zu Gestalt und Form. Der gebürtige Pole bedruckte Tafeln, die schlichte grafische Kompositionen zeigen, auf denen teils Worte oder ganze Sätze aus den frühen Heften zu finden sind. In einer Videoinstallation erforschte er zudem – ebenfalls basierend auf dem Ausgangsmaterial der Zeitschrift – spekulative Formen und hypothetische Räume.

 

Alt und Neu vereint
Der Pavillon des Winkelriedhauses ist ein passender Rahmen für die zeitgemässe Interpretation der vier Jahrzehnte alten Hefte. Denn auch der 2012 vom Hergiswiler Büro UNIT errichtete Sichtbetonbau bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation respektive Geschichte und Gegenwart: Er setzt einen markanten, aber respektvollen Akzent zum herrschaftlichen Winkelriedhaus aus dem 16. Jahrhundert und tritt im von einer Mauer gefassten Park als ebenbürtiges Vis-à-vis auf. Wird im Innern des modernen Pavillons die frühe archithese zeitgenössisch interpretiert (mit Ausnahme von Eldarbs Videoinstallation), so sind einige der alten Zeitschriften selber im Altbau aufgelegt. Zudem kann man dort auch neuere Ausgaben kaufen.
Begleitend beschäftigt sich die Publikation N° 12 der Reihe des Nidwaldner Kunsthefts mit der Ausstellung. Dessen Format und Cover nimmt jenes der ersten archithesen auf und wurde in enger Zusammenarbeit mit den vier Künstlern gestaltet.

 

Die Schau Sammelstelle archithese wird bis zum 11. Februar 2018 im Winkelriedhaus des Nidwaldner Museums in Stans gezeigt. Am 15. November findet ein Schlaglicht-Rundgang mit archithese-Chefredaktor Jørg Himmelreich statt. Am 31. Januar 2018 diskutieren Katalin Deér, Stanislaus von Moos, Ákos Moravánszky, Nina Paim und Hans Reinhard unter der Moderation von Gabrielle Schaad über das Strahlkraft von archithese.

 

> In unserem Shop können Sie (auch) die frühen Ausgaben von archithese kaufen!

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