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Ein Tag mit Hejduk

 

Im Zusammenhang mit der Ausstellung «John Hejduk» fand am 28. April 2016 eine Konferenz statt, in deren Kontext Werk und Wirken des US-amerikanischen Architekten durch Protagonisten aus Theorie und Praxis ergründet wurde.

 

Text: Hannah Knoop – 25.05.2016

Persönliche Zugänge neben Zusammenhängen
Die geladenen Architektur- und Kunsttheoretiker sowie Architekten berichteten in ihren Beiträgen von den jeweiligen Bezügen ihrer Arbeit zu John Hejduk und dessen Werk.

Micheal Hays spannte im Laufe seines Vortrags beispielsweise einen Bogen von Le Corbusiers Kapelle in Ronchamp zum Werk des Protagonisten der New York Five und betonte dabei das Thema der Einschränkung des Architekten durch seinen geschichtlichen Kontext. Er ging auch auf den Einfluss Aldo Rossis auf die Zeichnungen und Entwürfe Hejduks ein.
Vittorio Lampugnani, Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich vertiefte anschliessend diesen Aspekt in Hejduks Arbeit indem er Rossis Città Analoga zu Hejduks Hanover-Masque in Bezug setzte.

 

Hejduks Arbeit in Berlin
Weiter ging Lampugnani auf Hejduks Beitrag zur Internationalen Bauausstellung 1984 in Berlin ein. Die von Hejduk in diesem Kontext realisierten Projekte, wie beispielsweise der Kreuzberg Tower von 1988, empfindet er – gerade aus heutiger Sicht – als gelungene Projekte, welche trotz oder eben gerade durch ihre Eigenheiten der Umgebung zugehörig geworden sein. Diese wenigen realisierten Projekte Hejduks fanden im Lauf des Nachmittags immer wieder Erwähnung. So betonte Thomas Padmanabhan (Lütjens Padmanabhan Architekten), dass nach mittlerweile 32 Jahren klar geworden sei, dass die eigenwilligen Gebäude Hejduks die besten der Berliner IBA gewesen sind. Padmanabhan erkennt in den Arbeiten des Amerikaners viele Aspekte des Architektenberufs, mit denen er sich als praktizierender Architekt selber immer wieder konfrontiert sieht: Es gehe im Werken Hejduks darum, aktiv Regeln zu brechen und Widerstand gegenüber eingesessenen soziokulturellen Phänomenen durch Architektur zu leisten.

 

Der Architekt und das Spiel
Auf Regeln ging auch Wim van den Bergh von der RWTH Aachen ein in seinem Beitrag «Hejduk’s Masques and their Representation; Collaborating with Hejduk» ein und erweiterte das Gespräch um den Aspekt des Spiels. Hejduks Masques, sein Entwurf für eine großräumige bauliche Gestaltung entlang der Berliner Mauer von 1982, sei in Anlehnung an theatrale Masken, welche beispielsweise in der italienischen Commedia dell’arte als Erkennungsmerkmal eines Charakters eingesetzt wurden und so ein spielerisches Improvisieren möglich machten zu verstehen. Feste Regeln ermöglichten also gleichzeitig die Freiheit des Spielens.

 

Zusammen und allein
Van den Bergh ging im Weiteren auch auf den social contract ein, welcher für Hejduk eine wichtige Rolle beim Entwerfen und Schreiben spielte. Dabei beendete er seinen Vortrag mit einer Frage, die aktuell nicht minder evident als zu Hejduks Zeit ist: Leben wir überhaupt noch miteinander?

Die Frage nach dem Miteinander oder auch dem Nebeneinander kam auch bei einem der vorgestellten Projekte des Architekturbüros BeL durch Anne-Julchen Bernhardt wieder auf: Die Aufgabe der Architekten war es in ein bestehendes Gebäude ein separates Gästehaus zu integrieren. Es galt Gastgeber und der Gäste sowohl ein Zusammensein, als auch Intimität zu ermöglichen.

 

Die Literaturwissenschaftler
Mit seinem Beitrag zu « ‹Figures, Creatures, Characters› in the History of Art and Architecture» bereicherte Philip Urpsrung um eine weiteren Blick. Er sprach über den Literaturwissenschaftler und Romanisten Erich Auerbach der sich in seinem Text zur Figura intensiv mit der Unterscheidung zwischen Figuration, Allegorie und Typologie auseinander gesetzt hatte. Gerade gegenüber letzterem sei Hejduk stets kritisch geblieben.

Sam Jacobs liess zum Abschluss aktuelle Architektur für sich sprechen: Unterschiedliche Betrachtungsweisen ermöglichten verschiedene Assoziationen mit Gebäuden. Dabei betonte er die subjektive Wahrnehmung von Architektur, die Erfahrung und darüber hinaus Aneignung ermöglichen soll. Hier wurden sprachliche Differenzen und Feinheiten sehr deutlich, da wie Michael K. Hays bemerkte, das englische Verb to habit nicht unmittelbar übersetzbar ist. Architektur soll helfen, dieser Tätigkeit nachzugehen, es aber nicht erzwingen. Eine adäquate Übersetzung ist womöglich das deutsche Verb wohnen; sofern man es mit Heideggers Ausführungen dazu versteht.

Ein inspirierender und anregender Nachmittag mit intensiven und dichten Beiträgen, die viel zeigten aber auch viel offen liessen und damit Lust auf die weitere Auseinandersetzung mit John Hejduks Werk und seinem Wirken machten.

 

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