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Ein Palast aus Travertin für das digitale Zeitalter

Der von Max Dudler für das neue Stadtquartier Schwabinger Tor in München erbaute Turm N10, scheint sich auf den ersten Blick in die Traditon der Palazzo-Typologie einzureihen. Doch müsste man korrekterweise eher von der Tradition eines Fassadenschemas sprechen – denn beim Palazzo ist die Hülle losgelöst von der räumlichen Disposition der Innenräume. 

Text: Anna Valentiny – 23. Februar 2017

 

«Talente.Teilen.Toleranz.»
03Architekten entwarfen den Masterplan für das neue Stadtquartier Schwabinger Tor, eines der grössten Bauprojekte Süddeutschlands. Auf dem vormals heterogenen und tristen Münchner Gelände – mit Tankstelle, Parkplätzen und drei Hoteltürmen der Kette Holliday Inn – soll ein neues, vitales Stadtgefüge entstehen. Das Immobilienunternehmen Jost Hurler will die erste Sharing-Stadt Deutschlands bauen. Gemäss dem Motto «Benutzen statt besitzen», enstehen zwischen Zentrum und Schwabingen Nord bis 2017 200 Mietwohnungen, dazu Büros, Geschäfte und ein Hotel mit 275 Zimmern.
Versetzte Baukörper sollen ein urbanes Gefüge von Plätzen und Gassen bildern, «ein eigenständiges, attraktives Zentrum, in dem sich alle Facetten des Grossstadtlebens abspielen», so Architekt Max Dudler. So werden im Entwicklungsgebiet die Funktionen Wohnen, Arbeiten, Konsum und Freizeit bewusst gemischt. Dem vom Bauherrn beauftragten Strategieberater, der Hamburger Thomson Group zufolge, soll auch ein sozialer Mix sichergestellt werden. Wohnungen zu rund 10 Eur/Quadratmeter monatlicher Miete sollen neben einem 5 Sterne-Hotel und Luxuspenthäusern zu liegen kommen. 

 

Identität durch Erkennbarkeit
Max Dudler gestaltet neben dem N10-Turm, der am nördlichen Ende des Areals steht und das Tor zur Münchener Innenstadt werden soll, auch die Bebauungen dreier weiterer Parzellen des Schwabinger Tors. Dudlers Bauten spielen mit dem Thema des Archetyps: «Eine klare Typologie schafft Identität im Sinne von Erkennbarkeit. Ein Gebäude, das dem Nutzer wie dem Betrachter seine spezifischen Merkmale offenbart, leistet den Eindruck des Selbsverständlichen. […] Wir können die Stadt als System einfachster Prinzipien und Elemente begreifen: Durch städtische Typologien. Sie sind die Regeln und Formen aus denen die europäische Stadt erbaut wurde und weitergebaut wird. Zum Beispiel als Gasse.»
Ein in vielen Dudler Entwürfen erkennbares Motiv ist der Tempel. Ein illustrierendes Beispiel ist das Landesbehördenzentrum in Eberswalde (1997–2007). Dudler entwickelt eine zeitgenössische Grammatik der Symbole. Sein Werkzeug ist dabei die Collage. Indem er den Säulenkranz des Tempels mit dem Unterbau beliebig oft vertikal übereinander kopiert, gelangt er wiederum zur Typologie des Palazzos.

 

Die vielen Leben des Palazzo
Das Motiv des Palazzo wurde über die Jahrhunderte in der Architektur variiert. Weil es so unterschiedlichen Funktionen wie Wohnen und Arbeiten Raum gab, und Kommerz und Politik vom Humanismus, über die Aufklärung bis zu primitiver Gewalt faschistischer Diktaturen versinnbildlichte, scheint es in seinen widersprüchlichen Deutungen beliebig. Doch immer ist es dabei Symbol von Macht, auch wenn die Protagonisten, die es nutzen, ständig gewechselt haben – von der Patrizierfamilie zu den Konzernen des globalisierten Kapitalismus.

 

Zerfallen der Bilder
Der N10 Turm tritt als massiver, perforierter Baukörper in Erscheinung. Das Fassadenrelief wirkt wie in den feinporigen, beigen Travertin gehauen, der sich farblich auf die nahe Leopoldstrasse zu beziehen scheint. Vor den zahlreichen Loggien verlaufen abgeschrägte, steinerne Verschattungselemente. Auch wenn die Fassade einen gleichmässigen Raster hat – durch ihr Wechselspiel wirkt sie zu dynamisch. Mit dieser Geste bricht Dudler zugleich mit der klassischen Referenz. Das Bild zerfällt in einzelne Pixel. Der Bau scheint vertikal zu flimmern, wirkt archaisch, futuristisch und monumental zugleich. Auf die Fassade angesprochen, verweist Dudler selbst auf die Bossierung italienischer Renaissance Palazzi. In München ist demnach eine invertierte Rustika entstanden, das Negativ eines domestizierten Natursteinmauerwerks, das im Gegensatz zu den Residenzen der Medici oder ihren historistischen Nachfolgern über die Erdgeschosszone hinaus über die gesamte Fassade wächst.

 

Giorgio de Chirico und die Ängste des postindustriellen Menschen
Max Dudler verweist mit seinen Bauten auf die Werke Giorgio de Chirico. Der 1888 in Volos in Griechenland geborene Maler wird als Pionier des wiederbelebten Klassizismus der 1920er-Jahre gesehen. Seine Ölgemälde sind verstörende Symbolsammlungen: annähernd menschenleere Stassenzüge, Traumlandschaften. Sein Werk thematisiert das Zusammenstossen und die Dissonanz von Alt und Neu und die daraus resultierenden Effekte von Nostalgie, Orientierungslosigkeit und Trauer um das Verlorengegangene. De Chiricos Thema des einsamen und isolierten Individuums, das weder Kultur noch daraus abgeleitete Werte mit seiner Umwelt teilt, ist bis heute aktuell.

Back to the future
Im Geiste De Chiricos ist Max Dudlers Bau im Stadtquartier Schwabinger Tor Ausdruck einer Zeit, deren Protagonisten aus der Trauer um das Verlorengegangene und dem Drang zur Neuorientierung versuchen, Ordnung zu schaffen. Das Anwenden einer archetypischen und universell verständlichen Symbolik verkörpert die Suche nach einem neuen Konsens. Max Dudler reiht sich in eine typologische Tradition, die er sehr bewusst zitiert: «Kontinuität und Transformation sind Schlüsselthemen unserer Architektur. In der Architektur der Geschichte finden wir die Ausgangspunkte für ihre Weiterentwicklung, ihre Zukunft. […] In unserem architektonischen Denken bleibt die archetypische Vorstellung der Urhütte präsent: Als abstrakter Fixpunkt oder als Skulptur im historischen Kontext.»
Der Architekt verpasst seinem Palast jedoch ein verzerrtes Gesicht. Als Geschöpf des digitalen Zeitalters entblösst, ist der N10 Turm in München auch ein ironisches Augenzwinkern und damit mehr als ein Revival. Er ist letzlich eine Neuinterpretation der Typologie in all ihrem Reichtum und ihrer Ambivalenz.

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