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Der Luxus des ‹On Demand›

Der Tanz ums digitale Abbild

 

Text: Jørg Himmelreich – 3.5.2012

 

«Moving Target» war die erste Zusammenarbeit des belgischen Choreographen Frédéric Flamand mit dem New Yorker Architektenduo Diller + Scorfidio im Jahr 1996. Mit einem über den Tänzern angebrachten, nach vorne gekippten Spiegel konnten die Performance gleichzeitig aus der An- und Aufsicht betrachten werden. 
Auch bei ihrer aktuellen Kollaboration «Le Trouble de Narcisse», die derzeit getanzt vom Ballet National de Marseille an verschiedenen Schweizer Orten im Rahmen des Festivals «Steps» zu sehen ist, ist die synchrone Darstellung zweier Ansichten einer Tanzdarbietung das zentrale Thema. 
Wenn das Stück beginnt, scheint es, als würde sich eine Tänzerin im roten Trikot in der Fläche hinter sich spiegeln. Doch zeigen sich bald Abweichungen in den Bewegungen von Bild und Abbild. Ist es eine zweite Person? Allmählich wird deutlich, dass es sich bei dem vermeintlichen Spiegelbild um eine grosse, hinter den Akteuren platzierte Videoprojektion handelt. Es entspinnt sich ein reizvoller Dialog von dreidimensionalem Tanz und zweidimensionalem Film, bei dem sich die digitalen Alter Egos der Tänzer zunehmend verselbständigen. Mittels Zooms, Verkleinerung oder Kippen um 90 Grad entstehen Irritationen, durch welche die Projektionen mitunter bildmächtiger als das Original werden.
Das ist als räumliches Spiel bereits sehr reizvoll, erreicht jedoch zugleich eine philosophische, sozialkritische Ebene: Für eine Gesellschaft, die sich immer stärker digital abbildet – etwa in sozialen Netzwerken wie Facebook - ist die Frage nach der Beherrschbarkeit des virtuellen Alter Egos von steigender Bedeutung. Wo ist es realistisch, wo verzerrt, gewollt oder ungewollt? Was passiert jedoch, wenn das digitale Abbild entgleitet, oder sogar Selbständigkeit erreicht?
Wer die faszinierend räumliche und wunderbar beunruhigende Inszenierung sehen möchte, hat heute, am 3. Mai im Stadttheater Bern oder am 5. Mai im Burghof Lörrach noch Gelegenheit dazu. Es wird als dreiteilige Darbietung zusammen mit den Stücken Tempo Vicino und Organizing Demons gezeigt.

 

Das Ballet National de Marseille im Rahmen des Tanzfestival «Steps».

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