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Den Diskurs befeuert

Es ging heiss her bei der Konferenz Architecture Matters in München. Zwölf Protagonisten aus Philosophie, Politik, Kunst und Architektur waren am Freitag, dem 10. März 2017 angereist, um bis tief in die Nacht über drängende Fragestellungen aus Architektur, Politik und Ökonomie zu diskutieren und Zukunftsperspektiven zu entwerfen. Und während die geladenen Architekturschaffenden wie Kiril Ass (Alexander Brodsky Studio), Emanuel Christ (Christ & Gantenbein), Freek Persyn (51N4E), Joanna Warsza oder Liam Young (Tomorrow's Thoughts Today) spannende und inspirierende Werkvorträge boten, sorgten Patrik Schumacher (Zaha Hadid Architects) und der hanseatische Oberbaudirektor Jörn Walter mit einem heftigen rhetorischen Schlagabtausch für das Highlight des Abends und liessen beim Publikum die Emotionen hochbranden.

 

Text: Elias Baumgarten – 13.3.2017
Bilder: Tanja Kernweiss

Vor welchen soziokulturellen, politischen und ökonomischen Herausforderungen stehen Architekturschaffende heute? Um die Beantwortung dieser Frage entwickelte sich bei der Konferenz Architecture Matters in der bayerischen Landeshauptstadt eine lebhafte Debatte, unterbrochen von musikalischen Darbietungen und Performances: uniformierte Damen an der Gaderobe und die Musikeinspielungen von Bands wie Rammstein und Laibach bildeten einen bemerkenswerten Kontrast zu den Diskussionen und Werkvorträgen. Emanuel Christ eröffnete die Veranstaltung am Mittag und gab Einblick in die Haltung von Christ & Gantenbein. Entlang der Museumserweiterungen in Basel, Zürich und Köln erklärte er seine Vorstellung einer «konservativen Innovation». Augenzwinkernd kokettierte er mit seiner Rolle als «der Schweizer» und verwehrte sich zugleich erfolgreich dagegen, seine Idee von der «lebendigen Tradition» als altmodisch abzutun und seine Architektur auf bundesdeutsche Schweiz-Klischees reduzieren zu lassen. Doch war dies nur die schmackhafte Vorspeise.

 

Markt statt Demokratie?
Parametrismus ist Ästhetzismus? Blosse Effekthascherei? Diesem Vorwurf von Philosoph Julian Nida-Rümelin trat Patrik Schumacher in seinem Mission Statement entschieden entgegen. Für ihn, so führte der Direktor von Zaha Hadid Architects aus, sei Architektur weniger Kunst als vielmehr schlicht der wichtigste Baustein menschlicher Evolution; Architektur bedeute Menschwerdung. Denn sie ordne und strukturiere Gesellschaft und orchestriere Kommunikation. Sie sei eine innovative Praxis, die Disziplin müsse eine intellektuellen Führungsanspruch erheben und Motor des Fortschritts sein. Doch diese progressive Qualität könne derzeit allein der Parametrismus für sich beanspruchen, denn er sei die Antwort auf die gesellschaftlichen Transformationsprozesse des postfordistischen Zeitalters – ein Seitenhieb gegen die anwesenden Kollegen, denen Schumacher offensichtlich die von ihm geforderte tragende Rolle angesichts des gesellschaftlichen Wandels nicht zutraut und denen er ausreichende Innovationskraft abspricht.
Auf seine provokativen neoliberalen Statements aus dem Vorjahr angesprochen, welche nicht nur in der Architekturszene die Wellen hochschlagen liessen, goss Schumacher neues Öl ins Feuer: Er sei auch ein «Demokratieskeptiker», denn das jetzige politische System verhindere Kreativität und Prosperität. Es gebe zu viel Einmischung seitens der Politik und überbordende Regulierung; an Mehrheitsentscheiden seien zu viele (ahnungslose) Player beteiligt – was nichtmals jenen selbst zum Vorteil gereiche. So fordert er mehr Markt und weniger Demokratie, Abstimmung mit Ressourcen und durch Investitionen – die Reaktionen schwankten zwischen Ungläubigkeit und Entsetzen. Verglichen mit seinem Auftritt im neuen Zürcher Kornhaus im Rahmen von archithese kontext, konnte man in München den Eindruck gewinnen, Schumacher wolle durch die Zuspitzung seiner Position gezielt eine Provokation lancieren und den Diskurs befeuern. Auch erneurte er sein Plädoyer, öffentliche Plätze und Infrastrukturen zu privatisieren. Mc Donalds-Filialen oder Pubs seien weniger exklusiv als städtische Plätze und ermöglichten mehr Kommunikation.

 

Unvernunft und Ideologisierung
In der anschliessenden Diskussionsrunde mit Patrik Schumacher, Jörn Walter und dem Philosophen Julian Nida-Rümelin entsponn sich daher auch eine heftige Kontroverse; Hamburgs Oberbaudirektor versuchte Schumacher Paroli zu bieten. Lautstark warf er ihm vor, sich nur für die Hubs der Netzwerkgesellschaft zu interessieren und das Dazwischen geflissentlich zu ignorieren. Doch Plätze müssten als soziale Interaktionsflächen für alle zugängliche Höhepunkte in der Stadt bleiben. Deswegen nannte er Schumachers Architekturverständnis schliesslich antiurban und ergänzte: «Nur weil die Welt unvernünftig ist, müssen wir nicht unvernünftig agieren, das ist Blödsinn!»
Nida-Rümelin indes attestierte Schumacher politische Kurzsichtigkeit. Er habe nichts aus den Wirtschaftskrisen von 1929 und 2008 gelernt und solle sich tunlichst nicht länger als politischer Theoretiker betätigen – doch forderte er dies nicht ohne zugleich Schumachers architekturtheoretische Arbeit zu würdigen: «Bei allem Respekt vor Ihnen als Architekturtheoretiker und Architekt, da ist jetzt das Mass der Ideologisierung zu hoch um, es zu akzeptieren.»

 

Echauffieren reicht nicht
Doch obgleich Walter die Mehrheit des Publikums rasch auf seine Seite zog, ging Schumacher nicht als Verlierer vom Platz. Denn seine Position rasch als ideologisch verblendet vom Tisch zu wischen, greift zu kurz. Vielmehr enthüllte die Debatte ein Dilemma: niemand konnte Schumacher mit einem progressiven Gegenszenario den Wind aus den Segeln nehmen. Bei aller berechtigter Empörung wurde von seinen politisch tendenziell links eingestellten Diskussionspartnern nicht mehr als ein geradezu konservativ anmutendes «weiter so», eine Verteidigung des Status quo, entgegengehalten. Doch künftig reicht es nicht, sich über Schumachers neoliberale Position zu echauffieren. Denn gesellschaftliche Transformationsprozesse, etwa durch die rapide fortschreitende Digitalisierung, und ihre sozioökonomischen Konsequenzen werden neue Antworten verlangen und hier hat Schumacher neue – wenn auch radikal und moralisch fragwürdig tönende – Ansätze formuliert, die nun zur Diskussion anstehen. Denn klammern wir uns weiter am Bestehenden fest oder blicken verklärt in die Vergangenheit, droht laut Schumacher eine lange Phase der Stagnation, vielleicht sogar des Rückschritts. So wundert es nicht, dass moralischer Gegenwind allein ihn wenig kümmert und bei ihm eher die Überzeugung mehrt, dem Rest der Szene mangle es an Innovationskraft. Er schien die Rolle als Provokateur mitunter förmlich zu geniessen.

 

> Eine Bildstrecke zu Patrik Schumachers archithese kontext-Lecture im Zürcher Kornhaus.

> In archithese 1.2017 Swiss Performance lesen Sie Essays von Anne-Dorothée Herbort und Elias Baumgarten zu den Museumserweiterungen von Christ & Gantenbein in Basel und Zürich.

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