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Brutalismus: «Back in Fashion»

Von der Wiederentdeckung abgelehnter Architekturen

 

Text: Elias Baumgarten - 7.12.2015
Bild: Aurelien Guichard

 

Die über 25.700 Mitglieder starke Facebook-Gruppe «The Brutalism Appreciation Society» zeigt, dass brutalististische Architekturen längst nicht mehr als hässliche Monster in beton brut abgetan werden, sondern «back in fashion» sind, wie Jonathan Glancey in seinem Artikel für BBC Culture schreibt. Glancey sucht nach Antworten auf die Frage, wieso brutalistische Ikonen, etwa das Tricorn Centre in Portsmouth oder der Trinity Car Park in Gateshead, lange abgelehnt, als «mildewed lump of elephant droppings» (Prince of Wales) bezeichnet und schliesslich sogar abgerissen wurden, wieso diese Gebäude gerade in England eine derart negative Rezension erfuhren.

Lesenswert ist Glanceys Artikel deshalb, weil er nicht bei der Repetition ohnehin bekannter Kritik verharrt, wonach Sichtbeton unter dem grauen, oft verregneten Britischen Himmel deprimierend und trostlos wirke und das Lieblingsziel von Graffiti-Sprayern sei, sondern andere Gründe der Ablehnung in den Fokus rückt: Der rohe Beton und das Formenarsenal brutalistischer Gebäude wecke Reminiszenzen an die Bunker des Atlantikwalls, an «truly brutal buildings» und an die verlustreiche Landung in der Normandie 1944. Es sei daher einfach zu befremdlich gewesen, beim Wiederaufbau durch Hitlers Luftwaffe zerstörter Städte auf Architekturen mit einem solchen assoziativen Potential zurückzugreifen. Die vehemente Ablehnung des Brutalismus in England hat also nicht bloss mit der verdriesslichen Wirkung des Sichtbetons, seiner «Verzierung» mit Graffiti und der damals radikalen Novität dieser Architekturen zu tun, sondern ist vielmehr auch den Kriegstraumata und der gedanklichen Verknüpfung mit den Bunkern und Flaktürmern des Dritten Reichs geschuldet.

Für Jonathan Glancey beweist die aktuelle Wiederentdeckung des Brutalismus, dass jener sich inzwischen von seinem Negativimage, seinem «wilfully controversial tag» freigeschwommen hat. Interessant wäre zu ergründen, inwiefern sich Glanceys Analyse auf den deutschsprachigen Raum übertragen lässt?

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