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Bildungslandschaft – zwischen Monokultur und Beliebigkeit

Von Generalisten, Spezialisten und kniffeligen Verhandlungen

 

Bei der zweiten archithavolata-Auflage des fsai diskutierte Stephan Mäder mit den Besuchern in geselliger Runde beim Mittagstisch über Architekturausbildung und Zukunft der Disziplin. Der Direktor des Departements Architektur und Bauingenieurwesen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Präsident des Schweizer Architekturrats forderte dazu auf, das tradierte Bild von Architektinnen und Architekten als Generalisten auf den Prüfstand zu stellen und verwies auf die Problematik einer fortschreitende Angleichung von Fachhochschulen, Technischen Hochschulen und Akademien.

 

 

Text: Elias Baumgarten – 18.4.2016
Foto: Matthias Stähli

 

Hat der Generalist ausgedient?

Viele Diskussionsteilnehmer aus den Reihen des fsai beklagten den Verlust des Generalisten. Gerade im Städtebau seien Architektinnen und Architekten auf die Ausgestaltung vordefinierter Volumen zurückgeworfen, auf deren Setzung sie keinen Einfluss mehr hätten; gesellschaftliche Verantwortung werde heute kaum mehr wahrgenommen und die Architekturschaffenden seien auf die Rolle von Spezialisten verwiesen. Die fsai-Mitglieder machten im Wettbewerbswesen ein Symptom dieser Entwicklung aus: kreative Lösungen werden demnach durch das strikte Reglement von vornherein erschwert oder gar ausgeschlossen.

Stephan Mäder spielte den Ball zurück und nahm eine kritische Inventur dieses traditionellen Berufsbilds vor. Der Trend zu Spezialisierung und Arbeitsteilung sei die logische Folge einer immer grösseren Komplexität der Bauprozesse. Man müsse hier kritisch hinterfragen, ob sich die Hochschulen noch länger als pièce de résistance gegen diese neuen Marktbedingungen sperren dürfen. Natürlich bleibe die Ausbildung im Kern generalistisch; der weitere Verlauf der individuellen Karrieren im Berufsfeld sei dies aber immer weniger. Auch sei es ein zunehmend fragwürdiges Unternehmen, als Hochschule alle Facetten des Architektenberufs im Curriculum abbilden zu wollen; eine profilierte Schule – egal, ob Fachhochschulen, TH oder Akademie – könne dies nicht leisten. Eine klare Aufgabenaufteilung zwischen Entwerfer und Techniker hält er nicht länger für zielführend; lieber glaubt er an «zwei Wege zum Beruf des Architekten», die auf den unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen aufbauen. Wenn das duale System ins Wanken gerät, sei der Weg für Beliebigkeit frei. Die einzelnen Schulen seien darum mehr denn je gefordert, ihr Pofil zu schärfen. Wichtig war Mäder herauszustellen, dass dabei Entwicklungen wie Building Information Modelling (BIM) kritisch hinterfragt werden müssten, um jene iterativen Prozesse zu bewahren, die das architektonische Denken einzigartig machen. Damit teilt Mäder die Stossrichtung von Anna Jessen (Fachhochschule St. Gallen) und Manuel Herz (Universität Basel), die beim fsai-Talk betonten, architektonische Problemlösungsverfahren müssten gegen BIM verteidigt werden [siehe zur Thematik: «fsai-Talk» in archithese 2.2016].

 

Die Vielfalt der Schweizer Bildungslandschaft ist in Gefahr

Stephan Mäder machte in seinem Vortrag auf eine fortschreitende Angleichung von Fachhochschulen, technischen Hochschulen und Akademien aufmerksam. Während die universitären Hochschulen von den FHs schlanke Curricula und klare Profile einforderten, versuchten sie gleichzeitig klassische FH-Themen zu kapern und in ihre Lehrpläne zu integrieren. Beispielsweise gebe es an der Zürcher ETH Bemühungen, technisches und baupraktisches Know-how in einem Umfang zu vermitteln, wie es an einer Fachhochschule zu erwarten sei. Auf den Einwurf, die FHs würden sich ihrerseits den Universitäten annähern und in deren Lehrplänen wildern, räumte er in seiner Rolle als Präsident des Schweizer Architekturrats ein, dass die Anzahl der Hochschulen und die engen privaten und beruflichen Kontakte zwischen ihnen zu unerwünschten Angleichungen führten. Auch ergänzte er, diese Problematik finde im Bereich Forschung ihre Fortsetzung, wenn sich universitäre Hochschulen an den praxisorientierten Fragestellungen der FHs versuchten und letztere sich soziokultureller Themen annähmen. Da Mäder als Ratspräsident die Schweizer Bildungslandschaft als Ganzes im Blick hat, missfällt ihm diese Entwicklung, denn so werde die Chance vertan, Schwerpunkte sinnvoll unter den Schulen aufzuteilen und die traditionelle Vielfalt der Architekturausbildung hierzulande zu erhalten.

 

Der Architekturrat als Medium der Konsensfindung

Zum Ende der Diskussionsrunde ging Mäder vertiefend auf die knifflige Aufgabe des Schweizer Architekturrats als Vermittler zwischen den Schulen und ihren Einzelinteressen ein. Er erklärte, die Entstehung des Gremiums hänge wesentlich mit der Bologna-Reform zusammen: Die Einführung des Bachelor- und Mastersystems liess bei den Fachhochschulen im Hinblick auf die gesetzlich geforderte internationale Anerkennung der Diplome den Wunsch aufkeimen, eigene Masterstudiengänge auf die Beine zu stellen. Dies führte zu Dissonanzen mit den drei universitären Hochschulen, die diesem Plan hätten zustimmen müssen. Die Folge dieser heftigen Debatten war die Gründung des Rats; das Gremium will fortan die Diksussion über die Architekturausbildung intern führen, um dann geeint an die Öffentlichkeit zu treten. Zugleich gab Mäder zu bedenken, der Architekturrat könne stets nur so gut sein wie das Engagement der Vertreter einzelner Hochschulen.

Heute fungiert der Architekturrat als Vehikel zur Abstimmung zwischen den Schulen, in dem die derzeit sieben Fachhochschulen und drei Universitäten jeweils den gleichen Einfluss haben; mit von der Partie ist ausserdem der Präsident des SIA. Die Konsensfindung sei dabei eine komplizierte Aufgabe, liess Mäder durchblicken, weil jede Schule eigene Interessen verfolge, die schwer in Einklang zu bringen seien. Aktuell werde darüber diskutiert, wann und wie die neuen Schulen in St. Gallen, Chur und Basel, deren Programme man noch nicht kenne, in das Gremium aufgenommen werden. Dabei wurde zwischen den Zeilen deutlich, dass Mäder den Mehrwert der Neugründungen für die ganze Schweiz – abgesehen von der Befriedigung regionaler Interessen – noch nicht sieht. Mäder vertritt die Meinung, die zehn Architekturschulen böten genügend Studienplätze an und kritisierte, dass hier von einem Szenario stetigen Wachstums der Bauindustrie ausgegangen werde.

 

Die nächste Runde der archithavolata findet am 14. Juli statt und wird den postmodernen Architekturdiskurs der 1980er-Jahre zum Inhalt haben.

 

 

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