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Bilder aus dem Kosmos

Die Alfred Ehrhardt-Stiftung stellt die ästhetischen Montagen des Fotokünstlers Michael Najjar den Bildern aus der Serie Ursprungs der Welt von Alfred Ehrhardt gegenüber und entwickelt so einen Dialog zweier Fotokünstler, die versuchen, uns einen Blick ins Universum zu öffnen. 

 

Text: Anne-Dorothée Herbort – 12.4.2017
Bild: Michael Najjar, europa, 2015, hybride Fotografie (© Michael Najjar)

Kosmischer Dialog
Alfred Ehrhardt – Fotograf und Kulturfilmemacher – gilt als bedeutender Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Sein künstlerischer Nachlass, bestehend aus Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Fotografien, Negativen, Filmen und Dokumenten. Er wurde von der Alfred Ehrhardt-Stiftung für die Öffentlichkeit aufbereitet und zugänglich gemacht. Neben der Archivtätigkeit widmet sich die Stiftung auch der zeitgenössischen Fotografie und Medienkunst. Mit Gegenüberstellungen von zeitgenössischer Positionen und der historischen Fotografie Ehrhardts möchte die Stiftung seine Werkthemen wissenschaftlich erforschen und im gegenwärtigen Diskurs verankern. Dieser Dialog wird in Form von Veranstaltungen und Gesprächen fortgeführt und durch begleitende Publikationen abgerundet.

Najjars formaler Vergleich der terrestrischen Natur mit extraterrestrischen Umgebungen steht im Einklang mit der von Ehrhardt und seinen Zeitgenossen postulierten kosmischen Gesetzmässigkeiten, die mit lebensphilosophischem Impetus begründete Kongruenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, finden in Najjars Kompositionen ihren visionären Widerhall. Michael Najjar filmte an vielen der Orte, die Ehrhardt vor fast einem Jahrhundert aufgesucht hatte. Bei den waves of mars etwa, könnte es sich gut um die Sanddünen der Kurischen Nehrung handeln, wie Ehrhardt sie fotografiert hatte. Auch im jüngsten Film Najjars terraforming, der Anfang 2017 auf Island entstanden ist, schlägt er – so legt die Schau nahe – eine Brücke zwischen seiner eigenen Arbeit und der von Ehrhardt, der 1938 eine zweimonatige Foto- und Filmexpedition auf Island unternommen hatte. Seine abenteuerliche Reise führte ihn zu unberührten, von Gletschern und Vulkanen geformten «Urlandschaften», wo er «Einblicke in den Ursprung der Erde» zu gewinnen hoffte. Erhard näherte sich der Landschaft in seiner Arbeit mit einer typologischen Herangehensweise und mit einem avantgardistischen, abstrakten Bildvokabular.

 

Echo aus dem All
Schon von Kindesbeinen an begeisterte sich Michael Najjar für die Raumfahrt. 2011 begann er mit der Arbeit an der Werkgruppe outer space. Die grossfromatigen Fotomontagen, die teils auf Material und Informationen der NASA basieren, transportieren seine Faszination für den Weltraum. Im Zentrum der Ausstellung der Alfred Erhardt-Stiftung steht dabei der Einfluss neuer Weltraumtechnologien auf unsere soziale und kulturelle Gesellschaftsstruktur. Najjar verwebt in seinen bildnerischen Kompositionen die formalen und inhaltlichen Ähnlichkeiten zwischen der Erde und anderen Monden und Planeten in unserem Sonnensystem. Seine fotografischen Arbeiten zeigen extraterrestrische natürliche Umgebungen, die erhaben und seltsam vertraut wirken, in Wahrheit jedoch synthetische Konstruktionen einer nicht allzu fernen Zukunft sind. In seiner Aufnahme interplanetary landscape etwa, vermischt sich die aus grosser Höhe betrachtete Oberflächenstruktur der Erde mit der des Planeten Mars. In der Arbeit europa verschmelzen schliesslich Gletscher der Erde mit Gletscherregionen des Jupitermondes Europa zu einer formalen Einheit.

 

Interplanetarisch
Der in Berlin lebende Künstler betrachtet die technologischen Entwicklungen, die das frühe 21. Jahrhundert einschneidend verändern, mit einem differenzierten und kritischen Blick. Seine Foto- und Videoarbeiten schöpfen aus seinem interdisziplinären Kunstverständnis, denn er verbindet Wissenschaft, Kunst und Technologie zu Utopien zukünftiger Gesellschaftsstrukturen, wie sie von den hochmodernen Technologien hervorgebracht werden.
Najjar betont, dass die Menschheit mit zahlreichen Problemen konfrontiert ist, die den Lebensraum auf der Erde bedrohen. Diese reichen von Überbevölkerung, Klimawandel bis hin zur Ressourcenknappheit. Najjar verfolgt in seiner Arbeit die Idee, dass die Kolonisierung unseres Sonnensystems möglicherweise die einzige Chance bietet, das Überleben unserer Spezies zu gewährleisten. «Je weiter wir uns in den Weltraum hinauswagen werden», so der Künstler, «umso mehr wird unser intellektuelles und wissenschaftliches Wissen um unseren Platz im Universum ergänzt werden durch die direkte Erfahrung, die unsere Identität und unser Verständnis dessen, wer wir sind und wo wir herkommen, verändern wird. Durch die Expansion der Präsenz des Menschen im Sonnensystem werden wir die nächste Stufe der Evolution erreichen: den «Homo spaciens»: Eine neue Art des Menschen, die sich in hohem Masse an das Leben im All anpassen kann und besser dafür geeignet ist, diesen Raum zu erkunden und zu besiedeln, und der es möglich ist, von der Erde entfernt zu leben. Wir müssen zu der Einsicht gelangen, dass zwischen Erde und Weltraum kein Gegensatz besteht, da die Erde ja bereits Teil des Weltraums ist.»

 

Die Ausstellung ist vom 22.4. bis zum 18.6.2017 in der Alfred Ehrhardt-Stiftung, Augusttrasse 75 in Berlin zu sehen.

 

 

> In archithese 4. 2016 Sience-Fiction finden Sie eine Bildstrecke mit Arbeiten aus Michael Najjars Serie outer space.

> Lukas Feireiss wird am 5. Mai 2017 am Sitz der Alfred Erhard Stiftung eine Gesprächsrunde zu möglichen technologischen und gesellschaftlichen Erneuerungen in Folge der Kolonisation des Weltraums moderieren. Neben Michael Najjar werden auch Nelly Ben Hayoun, Xavier De Kestelier und Sir Tim Smit in die Zukunft blicken. Lukas Feireiss beschreibt in archithese 4.2016 Sience-Fiction die architektonischen Vorstösse, welche derzeit zur Besiedelung des Mars von der NASA unternommen werden.

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