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Abkühlung gefällig?

Im Schweizerischen Architekturmusem wurde am Samstag die neuen Ausstellung Swim City eröffnet. Pünktlich zum lang ersehnten Sommeranfang behandelt das S AM ein Phänomen, das in den vergangenen Jahrzehnten Einzug in viele Städte gehalten hat: Die neue Lust am Schwumm in Flüssen und Seen. Wie bereichernd diese neue Nähe zum heimischen Wasser sein kann und wie sich immer mehr Grossstädte ihre Naturräume (wieder) aneignen, wird erstmals in einer erfrischenden Ausstellung thematisiert. 

 

Text: Kevin Anthony Guida  – 29.5.2019 

 

«Schwumm» als Tradition
Seit Jahrhunderten machen sich die Schweizer ihre Flüsse auf besondere Art zu eigen: Schon im Mittelalter wurde in Basel und Bern eine städtische und zugleich naturnahe Badekultur fernab von Badehäusern und Freibädern kultiviertAuch heute prägen nicht nur Schiffe und Wasserkraftwerke das Bild der Schweizer Fliessgewässer – auch zahlreiche Schlauchboote und Schwimmer mit bunten wasserdichten Säcken, die im Sommer täglich den Strom hinabtreiben, gehören inzwischen zur etablierten Badekultur. 
Mittels historischer Fakten und soziokultureller Einblicke veranschaulicht die Ausstellung im S AM dem Besucher auf erfrischende Weise, dass dies keineswegs ein neuer Trend ist, sondern dass dem eine tiefverwurzelte und lebendige Schweizer Tradition zugrunde liegt. Laut Direktor Andreas Ruby, der durch die Ausstellung führte, machten es glückliche Fügungen – wohlwollende politische Haltungen sowie das Schweizer Talent, Konsens zwischen unterschiedlichsten Interessen zu erzeugen – möglich, dass das Flussschwimmen in der Schweiz gesetzlich erlaubt ist.
Der Umgang mit dem öffentlichen Raum und dessen Erweiterung ist eine zentrale Fragestellung jeder grösseren Stadt mit Zugang zum Wasser. Das S AM hebt hervor, dass diese zumeist in den Alltag integrierte Selbstverständlichkeit im Ausland als Besonderheit und Privileg betrachtet wird. Die Schweiz ist durch ihre politischen wie auch gestalterischen Interventionen Vorreiter und relevantes Vorbild, sodass die Schwimmkultur der Schweizer aktiv zur Diskussion um die Verbesserung städtischer Lebensräume beiträgt.

 

Eintauchen
Eine Spindanlage - wie üblicherweise in öffentlichen Badeanstalten zu finden - säumt den Eingang zum Schweizerischen Architekturmuseum und stimmt auf die Ausstellung ein. Durch einen Vorhang tritt der Besucher in den ersten Raum und findet sich an einem szenographisch äusserst interessanten und zugleich beeindruckenden Schauplatz wieder. Eine Filminstallation des Zürcher Regisseurs Jürg Egli lässt uns wortwörtlich in die Thematik eintauchen und zeigt das Flusssschwimmen aus dem Blickwinkel des Schwimmers. Egli, der 2010 eine Filminstallation über Schweizer Flüsse als urbane Lebensräume in 360° Perspektive an der Weltausstellung in Shanghai präsentiert hatte und bestens mit dem Thema vertraut ist, begeistert den Betrachter mit bestechenden Bildern und geistreichem Schnitt. Gerahmt wird die Installation durch Sitzgelegenheiten, die eine exakte Nachbildung des Basler Rheinuferboards sind und in denen es sich die Besucher beim Betrachten des Filmes bequem machen können. Aktiv und übergross erlebt man durch Eglis bewegte Bilder nicht nur das Wasser als Element, sondern beschäftigt sich auch mit der Frage seines Einflusses auf den öffentlichen Raum, während die Stadt und ihre Besonderheiten an einem vorbeiziehen: Schwimmen als Schlüsselmoment, um die Stadt körperlich zu erfahren. Der Film stammt aus dem letzten Jahr und wurde in Basel, Bern, Zürich und Genf mit einem eigens für die Installation gebauten Kamerafloss, das Unter- und Überwasseraufnahmen ermöglichte, gefilmt. 

 

Die Szene
Zwei weitere Räume präsentieren historische Fakten und setzen sich mit Besonderheiten der urbanen Badekulturen Basels, Zürichs, Berns und Genfs auseinander. Zu sehen sind unter anderem erste Schwimmsäcke aus Plastik. Sie wurde vor der Katastrophe in Schweizerhalle Mitte der 1980er-Jahre von Chemiekonzernen wie Sandoz, Ciba-Geigy und Novartis gesponsert wurde. Nebst einer interessanten geschichtlichen Aufarbeitung macht das S AM auf die atmosphärischen Eigenheiten aufmerksam, die durch lokale Charakteristiken und nationale Gemeinsamkeiten entstanden sind. Beleuchtet wird auch die Soziokultur, bauliche Eingriffe in die Flusslandschaften und das immer wieder in Erscheinung tretende liberale Verständnis von Risiko und Eigenverantwortung, das die Schweiz prägt (mitlerweile aber immer mehr verloren geht).

 

Adaption der Grossen
Weltweit schauen Flussbadprojekte auf die Schweiz und nehmen sich ein Beispiel am Umgang mit dem städtischen Aussenraum. Ob das Flussbad Berlin oder Pool Is Cool in Brüssel, Londons Thames Baths bis hin zu Paris‘ Ilot Vert oder den in USA verorteten Projekten Charles River Swimming Initiative Boston und New Yorks +POOL zeigt das S AM, dass diese Grossstädte von der Erschliessung der Wasserwege bis hin zur Ausgestaltung der Schwimm- und Erholungsräume direkt oder indirekt von der Schweiz beeinflusst wurden. Das kann von formal anmutenden Designprojekten bis hin zu Alternativinterventionen alles beinhalten und zeigt, wie Einwohner die Entwicklung, Mitgestaltung und ihre Ansprüche an den eigenen urbanen Aussenräume anstreben.
Die Ausstellung Swim City trifft mit Präzision, Tiefgründigkeit und Witz einen gesellschaftlichen Nerv. So betrachtet wird eine Selbstverständlichkeit wie der sommerliche «Schwumm» im Fluss wieder zum aussergewöhnlichen Vergnügen. Bleibt zu hoffen, dass sich möglichst viele Interessierte für diese Trockenübung interessieren und nicht lieber im Fluss baden, statt ihre Zeit im Museum zu verbringen. 

 

Begleitend zur Ausstellung gibt es zahlreiche Abendveranstaltungen, Führungen sowie Diskussionsrunden:
– Symposium «River Tactics» am 25.5.2019 von 11–15.30 Uhr
– «Aqua Incognita» am 18.6, 20.6, 4.9 und 5.9.2019 jeweils von 18–21 Uhr
– Die Mittwochs-Mattinée im S AM: am 19.6.2019, von 10–12 Uhr
– Öffentliche Führungen am 27.6, 25.7, 29.8 und 12.9.2019, jeweils um 18 Uhr

 

>  archithese berichtete über Pierre-Alain-Dupraz neue Gestaltung der Genfer Seebucht.

> Lesen Sie über den schwimmenden Pavilion of Reflections, der 2016 in Zürich von Anker ging.

>  Mehr über neue Ansprüche an urbane Räume finden Sie in archithese Rückzug, die am 1. Juni 2019 erscheint.

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