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Zwischen S und XL

Die Kunstsammlerin Maja Hoffmann schenkt der Stadt Zürich ein Werk von Fischli/Weiss. Im Mai 2018 wird das sogenannte Haus vor der Offenen Rennbahn in Oerlikon aufgestellt. Die Skulptur liest sich als augenzwinkernden Kommentar des Duos zu den teils banalen Industriebauten der Nachkriegszeit. Small in der Erscheinung, entfaltet das Kunstwerk eine semantische Wirkung, die – um an den Titel von Rem Koolhaas’ Buch S,M,L,XL anzuspielen – vielleicht sogar extra large ist.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 13.2.2018

 

Der Reiz des Trivialen
Peter Fischli (*1952) und David Weiss (1946–2012) zähl(t)en zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart. Ihr gemeinsames Schaffen ist breit – entstanden sind Filme und Fotografien, aber auch Installationen und Skulpturen. Das Duo griff oftmals banale Themen und Gegenstände auf, die es humorvoll zueinander in Beziehung setzte oder in einen fremden Kontext verortete. Fischli/Weiss versuchten die Unterschiede zwischen Alltäglichem und Bedeutsamem aufzuheben. Daraus sollte ein Sehen resultieren, das auch den einfachen Dingen eine gewisse Tiefe und Würde verlieh.

 

Vertraut und doch anders
Ihr gemeinsames Schaffen begann 1979 mit der zehnteiligen Fotoarbeit Wurstserie, in der Autos aus Cervelats in einen Verkehrsunfall verwickelt oder verschiedene Fleischaufschnitte als Teppichladen arrangiert sind. Lustvoll arbeiteten, ja bastelten die beiden Zürcher hier mit provisorischen Materialien. Der Film Der Lauf der Dinge – 1987 an der documenta 8 in Kassel uraufgeführt – markierte dann der internationale Durchbruch. In diesem halbstündigen Video fallen aneinandergereihte Pneus, Kerzen oder Wasserkessel wie Dominosteine um. Dabei wird nicht nur die Beziehung von Ursache und Wirkung unterhaltsam aufgedeckt: Vielmehr machen die Künstler auf die Bedeutung von vermeintlich banalen Objekten aufmerksam. Noch im selben Jahr entstand für die Skulptur Projekte in Münster das sogenannte Haus. Diese Arbeit spielte mit verschiedenen Grössenverhältnissen und konkurrierte durch den Massstab 1:5 mit den umliegenden Bauten aus der Nachkriegszeit. Gleichzeitig blieb das 3,5 x 5,8 x 4,4 Meter grosse Gebäude als künstlerisches Modell deutlich erkennbar. Fischli/Weiss stellten hier tradierte Werthierarchien in Frage und oszillierten zwischen Authentizität und Fiktion, Wirklichkeit und Schein. Das unbetretbare Speerholzgehäuse – mit Betonanstrich überzogen und mit Plexiglas-Fassaden ausstaffiert – wurde nach der Ausstellung vernichtet.

 

Referenz an die Heimatstadt
Bis zum Tod von David Weiss arbeitete das Duo an einer Neurealisierung dieses Projekts. Als robuste und wetterbeständige Version sollte das Haus permanent draussen aufgestellt werden. Nach dem Ableben von David Weiss wollte Maja Hoffmann – Teilerbin des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche und Gründerin der Luma-Stiftung – die Bedeutung der beiden Künstler für Zürich würdigen. An der Schenkung haben sich auch Peter Fischli und die Erben von David Weiss beteiligt. Das neue Haus wurde in der Kunstgiesserei St. Gallen in Aluminium gegossen und bereits 2016 erstmals präsentiert – allerdings nicht in der Schweiz, sondern in den USA: Anlässlich der Fischli/Weiss-Retrospektive im Guggenheim Museum in New York wurde die Skulptur vor dem Gebäude von Frank Lloyd Wright platziert. Den grauen Fassaden-Anstrich hat Peter Fischli eigenhändig vorgenommen.

 

Suburbaner Kontext
Die Skulptur wird in ihrer ursprünglichen Umgebung gezeigt. Gemeinsam mit der Stadt prüften die Schenker mehrere Möglichkeiten für einen geeigneten Standort. Das entscheidende Kriterium stellte der suburbane Bezug dar: Als unscheinbares Gewerbegebäude soll das Kunstwerk von Fischli/Weiss auf einer 25 Quadratmeter grossen Brache vor der Offenen Rennbahn in einen Dialog mit dem industriell geprägten Umfeld treten.

 

> Fischli/Weiss trugen mit dem Kunstwerk Moosfelsen zur Gestaltung des Zellweger Parks von Christophe Scheidegger und Tadashi Kawamata in Uster bei.

> Mehr zum Thema Kunst und Architektur lesen Sie in archithese 4.2007.

> Pierre Huyghe gestaltete realisierte an der Schau Skulptur Projekte Münster 2017 eine Installation, die einem Science-Fiction-Film entsprungen sein könnte. 

 

Unsere Empfehlung

archithese 1.2011

Swiss Performance 11


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Kommentare

Kommentar von Gustav Sucher |

Das ist aber schon ein Miniaturhaus? Das sieht sehr echt aus. Wenn das Aluminium ist, wurde das dann nochmals lackiert, dass es so aussieht? Ist es aus einem einzigen Guss gefertigt? Danke für den tollen Blog und die Bilder, Cyrill Schmidiger!

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