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Zwischen Unberührtheit und Eroberung der Landschaft

Mirage ist eine neue Installation von Doug Aitken in der Wüste Südkaliforniens. Sie ist ab dem 25. Februar 2017 im Rahmen der Schau Desert X, organisiert vom Palm Spring Art Museums zu sehen. Auf den ersten Blick wirkt Mirage vertraut, denn sie mimt in ihrer Form ein typisches suburbanes Amerikanisches Einfamilienhaus. Doch zusammengesetzt aus Spiegeln reduziert sie es auf seine Grundlinien und lässt das «Haus» auf vielfältige Art mit der weitläufigen Landschaft verschmelzen.

 

Text: Jørg Himmelreich – 25.2.2017
Visualisierungen: Doug Aitken Workshop

Ranch-style
Frank Lloyd Wright war Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Protagonist bei der Entwicklung der Prairie Houses. Diese zeichnen sich durch offene Raumflüsse und horizontale Linienführungen aus. Die Flach- oder Walmdächer haben weit überstehende Traufen. Ziel war es, die Gebäude möglichst stark in die Landschaft zu integrieren. In den 1920er- und 1930er-Jahren kreuzten kalifornische Architekten Wrights Konzept mit den einfachen eingeschossigen Häusern der Rancher. Der Ranch-style wurde typisch für Millionen Einfamilienhäuser im Westen Nordamerikas. Seinen Boom erlebte er aber erst nach dem 2. Weltkrieg. Bei grossen Teilen der Bevölkerung beliebt, überschwemmten die Ranch-style Häuser die wachsenden Vororte. Kennzeichnend ist neben der Einstöckigkeit eine asymmetrische, häufig L-förmige Disposition, eine einfache Anordnung der Räume und eine als Anbau artikulierte Garage. Sie wurden in der Regel als simple Holzkonstruktion errichtet. 

 

Aller Narrative entkleidet
Die Ranch-style Häuser werden häufig wegen ihrer Schlichtheit und dem Fehlen jeglichen Bauschmucks kritisiert. Doug Aitken treibt diese Reduktion mit der Installation Mirage weiter auf die Spitze, indem er das allemal wenig charismatische suburbane Haus – ohne Bewohner und Einrichtungen, ohne Texturen und Materialien – gänzlich aller Narrative entkleidet. «I wanted to take that form of house and drain it of all its narrative, all its story, everything personal or considered about it and let it become pure form», erklärt der Künstler. 
Dafür tritt die abstrahierte Struktur umso intensiver mit der umgebenden Landschaft in Dialog. Sie steht auf der San Jacinto Bergkette mit Blick auf das Coachella Valley. Unten im Tal breitet sich das Strassenraster von Palm Springs aus. Aitken hat aber den Standort bewusst so weit entfernt gewählt, dass die «Stadt» von oben als diffuse Struktur erscheint, die mit der Wüste verschwimmt. 


Landschaftsreflexionen
Mirage hat weder Fenster noch Türen. Öffnungen im Dach lassen Licht einfallen und setzen die Innenräume der Witterung aus. Die Besucher können das Innere des «Hauses» erkunden. Es hat einen typischen Grundriss, beispielsweise einen Raum in Grösse eines Schlafzimmers und einen typischen Flur. Doch ist es mehr ein menschengrosses Kaleidoskop, das die Landschaft absorbiert, reflektiert, abbildet und verzerrt. Subjekt und Objekt, Innen und Aussen, das Physische und das Psychologische fliessen ineinander. Die Installation etabliert starke Referenzen an die Land Art, auch wenn es eine architektonische Skulptur ist. Letztlich ist Mirage aber vor allem eine Blickmaschine und eine Auseinandersetzung mit den Träumen und Hoffnungen Verbunden mit der Eroberung des US-amerikanischen Westens. Um den Traum von Landschaft als reinem unbewohnten Raum und die Lust sie zu erobern. Sie weist auf das Paradox hin, dass sie mit der architektonischen Besetzung aber auch der Qualität beraubt wird, die man eigentlich so sehr schätzt. Damit schliesst sich ein Kreis: sollten die Ranch-style Houses doch mit der Landschaft verwachsen, wurden sie jedoch flächig addiert zu einer introvertierten Parallelwelt, welche die Wüsten und Prärielandschaften des Westens zu konsumieren scheint. 

 

Kollektive Erinnerungen
Das Projekt steht in einer langen Auseinandersetzung Aitkens mit den Themen der menschlichen Wahrnehmung, Kollektiven Erinnerungen und der gebauten Umwelt. Aitken (* 1968) ist ein US-Amerikanischer Künstler und Filmemacher, der mit verschiedensten Medien arbeitet: Skulptur, Film, Installationen und architektonischen Interventionen. Er gewann unter anderem 1999 den internationalen Preis der Biennale von Venedig für seine Videoinstallation electric earth. Er lebt und arbeite in Los Angeles. 

 

Mirage ist vom 25 Februar bis zum 31. Oktober 2017 in Palm Springs zu sehen.
Koordinaten: 33°50'59.6"N 116°33'57.5"W
Anfahrt von Los Angeles aus: Nehmen Sie die I-10 East bis zum Highway 111 (Ausfahrt Palm Springs). Bleiben Sie für circa 11 Meilen auf Highway 111 (dieser wird zum North Palm Canyon Drive). Biegen Sie rechts ab in die West Racquet Club Road und folgen der Strasse bis zum Ende. Dort befindet sich ein Wachhäuschen und ein Wegweiser. 

 

Jørg Himmelreich schreibt in archithese 3.2009 Suburbia über «Gregory Crewdsons analytische Dekonstruktion von Suburbia.»

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