Zum 125. Geburtstag von Louis Kahn am 20. Februar 2026
Ein persönliches Statement
Text: Alessandro Vassella
Der 125. Geburtstag von Louis Isadore Kahn (1901–1974) erinnert mich an die Beziehung dieses Meisters der Architektur des 20. Jahrhunderts zu Zürich. Auf Initiative von Heinz Ronner fand 1969 eine grosse Kahn-Ausstellung in der Haupthalle der ETH Zürich statt. Kahn eröffnete die Ausstellung am 12. Februar 1969 im Auditorium Maximum nicht mit einem Dia-Vortrag, sondern, wie er es nannte, einem Vortrag als Zeichnung. «So ist die Zeichnung heute ein Gespräch», sagte er und hielt seine Gedanken mit Kreide auf zwei grossen Wandtafeln fest.
Nach der erfolgreichen Präsentation der aktuellen Projekte Kahns entstand am gta (Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH), basierend auf dem Katalog zu dieser Ausstellung, Mitte der 1970er-Jahre Louis I. Kahn – Complete Work 1934–1974.1 Dieses Buch mit dem extrem grossen Querformat wurde für viele Architekten zur Bibel, wie manche sagen, genauso wie für andere das Œuvre complète von Le Corbusier.
Im Jahr 1970 hatte ich den ersten direkten Kontakt mit der Architektur Kahns auf den Baustellen in Ahmedabad und Dhaka. Den ersten Entwurf zum Buch, als Neufassung des Ausstellungskatalogs, konnten wir im Herbst 1973 in Philadelphia noch persönlich mit Kahn diskutieren.
Ahmedabad, das uns Architekten auch wegen der bekannten Bauten von Le Corbusier ein Begriff ist, wurde vor 25 Jahren von einem starken Erdbeben erschüttert. Die Bauten beider Meister haben das Beben gut überstanden. Es ist interessant, dass die Bauwerke von Louis I. Kahn und Le Corbusier an einem so exotischen Ort wie Ahmedabad zusammentreffen. Ahmedabad bietet auch bedeutende historische Überreste islamischer und hinduistischer Architektur, eingebettet in ein äusserst reiches kulturelles Erbe auf dem Subkontinent, das sich bis auf die Hochkultur des Industals zurückverfolgen lässt und sicherlich die Entwürfe Le Corbusiers und Kahns mit beeinflusst hat. Bemerkenswert sind ebenfalls beider Auswirkungen auf die moderne indische Architektur.
Das extreme Klima der Millionenstadt – fast wüstenartig, trocken, mit Temperatursteigerungen bis gegen 50° C vor dem kurzen Sommermonsun – stellt Bedingungen, die Le Corbusier und Louis Kahn zu Lösungen provozierten, die in unseren moderaten Klimazonen undenkbar wären. Lösungen aber auch, wie sie, dem Temperament der beiden entsprechend, unterschiedlicher nicht sein könnten! Ich selber, der ich mich für mein Architekturpraktikum in Ahmedabad aufgehalten und die Stadt auch später noch einmal besucht habe, meine, dass Kahn in seinen Bauten den Bedingungen des Ortes überzeugender zu entsprechen vermochte als Le Corbusier. Kahns Entwürfe ermöglichten ihm, seine Bauten mit angepassten, das heisst örtlich verfügbaren Technologien und Materialien zu realisieren. Bewehrten Beton verwendete er – im Gegensatz zu Le Corbusier – nur spärlich, aber sehr expressiv bis ornamental.
Noch ein anderer Vergleich bietet sich an: die Gebäudekomplexe in Chandigarh von Le Corbusier und die in Dhaka von Louis Kahn, zwei weitere bedeutende Projekte auf dem indischen Subkontinent. Betrachtet man diese im Zusammenhang mit der historischen Stadtplanung zum Beispiel von Fatehpur Sikri im 16. Jahrhundert – der Residenz von Akbar dem Grossen – oder auch der historischen Altstadt von Ahmedabad, stellt sich die Frage, was moderne Architekten von der Vergangenheit lernen konnten. In diesem hier diskutierten Vergleich muss auch die Bedeutung einer weiteren Architektenpersönlichkeit erwähnt werden: Balkrishna V. Doshi (1927–2023), dessen Initiative die beiden Architekten – wenn auch nicht persönlich, so doch mit ihren Bauten – an einem Ort zusammengeführt hat. Doshi, der nach seinem Studium in London bei Le Corbusier in Paris für dessen Projekt der neuen Stadt Chandigarh arbeitete, hat nach seiner Rückkehr nach Ahmedabad die vier Projekte von Le Corbusier und später die Bauten von Louis Kahn für das Indian Institute of Management ermöglicht. Er veröffentlichte zwei Interviews über seine Begegnungen mit den beiden Architekten.
Zusammenfassend gesagt heisst «Lernen von moderner Architektur» immer noch: Lernen von Le Corbusier und Louis Kahn. Und das gerade durch die gegensätzlichen Auffassungen zur Architektur, die aber beide strengen Prinzipien folgten: Le Corbusier, «der Akrobat» und Louis I. Kahn «der Yogi der Architektur», wie Doshi es ausdrückte. Stille und Licht2 war ein zentrales Thema, über das Kahn 1969 auch zu uns Studenten sprach. Es zeigt, dass die in vielen Publikationen zum Ausdruck kommende Monumentalität der Form verdrängt, dass Kahns Architektur, wenn man sie denn real erlebt, überraschenderweise eher kontemplativ denn monumental wirkt. Seine Auseinandersetzung mit dem Thema Licht lässt den Betrachter die seltene Kongruenz von Theorie und Praxis erfahren. In der Flut von neu Gebautem und den dazu gelieferten Publikationen und Interpretationen wirkt es wohltuend, Bücher über Kahns Arbeiten zur Hand zu nehmen oder eigene Bildarchive zu betrachten und sich dabei an die Sinneseindrücke bei der Konfrontation mit dem real Gebauten zu erinnern. Ein Erlebnis besonderer Art ist es, seine poetische Ausdrucksweise zur Architektur zu geniessen, wie Alison und Peter Smithson schrieben: «Für zukünftige Generationen können wir nur hoffen, dass irgendjemand, irgendwo, Kahn auf dem Tonband hat, zu einer Gruppe von Studenten sprechend. Jeder Architekt mit einer Erinnerung an einen Vortrag von Kahn muss sich dabei einer anderen Ebene, eines anderen Musters architektonischen Denkens bewusst werden!»3
Louis Isadore Kahn wurde am 20. Februar 1901 auf der Insel Saaremaa (früher Øsel) in Estland geboren. Als er fünf Jahre alt war, wanderte die Familie mit ihm und seinen beiden Geschwistern nach Amerika aus. Sie lebten dort in ärmlichen Verhältnissen. Schon in der Schulzeit brachte ihm sein zeichnerisches Talent viele Auszeichnungen. Wie er selber sagte, hätte er aber genauso gut Pianist werden können.
Er studierte in Philadelphia Architektur nach der Tradition der Ecole des Beaux-Arts und fand nach Abschluss des Studiums wegen der Wirtschaftskrise kaum Arbeit. Als freischaffender Architekt erhielt er im Alter von 50 Jahren den ersten grösseren Auftrag für die Yale University Art Gallery in New Haven. Dieses Projekt war der ungewöhnliche Beginn einer späten Karriere, mit der er international bekannt wurde.
Zu bemerken ist, dass viele Projekte Kahns sich durch expressive Konstruktionen auszeichnen, die durch einen innovativen Bauingenieur geprägt waren, der die räumlichen Vorstellungen von Kahn umzusetzen vermochte. Ich spreche von August E. Komendant, ebenfalls ein gebürtiger Estländer, der viele von Kahns Entwürfen ab 1956 konstruktiv begleitete. Zu nennen sind insbesondere das Alfred Newton Richards Medical Research Building in Philadelphia, die First Unitarian Church in Rochester, das Jonas Salk Institute for Biological Studies in San Diego, Sher-e-Bangla Nagar, Capital of Bangladesh (früher Ost-Pakistan) in Dhaka, das Olivetti-Underwood Factory Building in Harrisburg, das Kimbell Art Museum in Fort Worth und, leider nicht realisiert, der Palazzo dei Congressi in Venedig oder das Kansas City Office Building. Auch weitere Projekte sind herausragend, wie die Phillips Exeter Academy Library in Exeter oder seine Entwürfe für Synagogen, insbesondere die Hurva-Synagoge in der Altstadt von Jerusalem, die nicht mehr zur Ausführung kam – wegen des plötzlichen Todes von Kahn am 17. März 1974 in New York, auf der Rückreise von Indien nach Philadelphia.
Nach Abschluss des Studiums arbeitete Kahn bis 1926 im Büro des Stadtarchitekten von Philadelphia, John Molitor, an den Plänen für die 150-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten. In Complete Work zeigt das letzte dort dokumentierte Projekt Kahns eigene Überlegungen für die 200-Jahr-Feier, und in diesem Jahr deckt sich die das 250. Jubiläum der Unabhängigkeit der USA mit dem 125. Geburtstag von Kahn.
Ein Sympososium zum dreissigjährigen Jubiläums des gta im Sommer 1997 unter dem Titel Learning from Modern Architecture sparte Kahn vollständig aus. Doch inzwischen zeigen viele neue Publikationen und Ausstellungen, dass das Interesse an diesem Architekten massiv zugenommen hat. Von herausragender Bedeutung war die 2013 lancierte Wanderausstellung des Vitra Design Museum Louis Kahn – The Power of Architecture. Begleitet von einem Ausstellungskatalog, war sie weltweit an acht Stationen zu sehen und stiess auf einen unerwartet grosse Resonanz beim Publikum.
Die Veröffentlichung des Vortrags Silence and Light als fünfsprachiges Hörbuch zusammen mit einem Vorwort von Balkrishna Doshi erschien ebenfalls 2013 bei Park Books in Zürich. Zum 50. Jahrestag der Ausstellung und Kahns Vortrag fand 2019 an der ETH Zürich ein zweitägiges Symposium Silence and Light statt. Es folgte Louis Kahn – The Importance of a Drawing, herausgegeben von Michael Merrill, 2021 bei Lars Müller Publishers in Zürich. Louis I. Kahn – The Last Notebook gab Sue Ann Kahn 2024 – 50 Jahre nach dem tragischen Tod ihres Vaters – als herausragende Faksimile-Ausgabe ebenfalls bei Lars Müller heraus. Die Tatsache von Kahns estnischem Ursprung führte 2011 zur Gründung der Louis Kahn Estonia Foundation mit dem Ziel, in Kuressaare auf Saaremaa ein Kahn-Center zu errichten und diesen Ort mit einer permanenten Ausstellung über Kahns Schaffen, aber auch als Begegnungs-Zentrum für Veranstaltungen und Seminare zu etablieren. Unterstützt werden diese Aktivitäten sowie die Wiederbelebung von Kahns Schaffen an Lehrstühlen der ETH Zürich und der Architekturschule in Oslo: mit Masterarbeiten zu diesem Projekt werden die Grundlagen gelegt für einen bevorstehenden Architekturwettbewerb.
Das zeigt uns, dass die Bedeutung Kahns unverändert gross ist. Auch wenn Kahn zu Beginn des neuen Jahrtausends gerade bei der jungen Architektengeneration in Vergessenheit zu geraten schien, werden seine zeitlosen Werke sowie seine Grundprinzipien für den architektonischen Entwurf in dauerhafter Erinnerung bleiben. Seine Arbeit wird immer wieder aus der Stille ans Licht gelangen.
Alessandro Vassella, Jahrgang 1945, studierte Architektur an der ETH Zürich. Er ist Ko-Autor der Monografie Louis I. Kahn – Complete Work 1935–74 (1977) und Herausgeber von Louis I. Kahn – Silence and Light(2013). Seit 1980 intensive Beschäftigung mit Fragen der Bauökologie.
1 Heinz Ronner, Sharad Jhaveri, Alessandro Vasella (Hg.), Louis I. Kahn – Complete Work 1934–1974, Basel/Boston 1977.
2 Alessandro Vassella (Hg.), Louis I. Kahn – Silence and Light, mit Audio-CD, Zürich 2013, 2. Auflage 2019.
3 Vgl. Richard Saul Wurman, What Will be Has Always Been. The Words of Louis I. Kahn, New York 1986, S. 298.




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