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Improvisation is possible!

Yona Friedman ist einer der visionärsten Denker des 20. Jahrhunderts. Seine Manifeste Architecture Mobile und La Ville Spatiale sind Klassiker: In den 1960er-Jahren plädierte er für einen anderen Umgang mit dem städtischen Wachstum und energisch für die Unabhängigkeit der Benutzer. Können seine Theorien aber auf heutige Planungen und gesellschaftliche Herausforderungen angewandt werden? archithese und Dieter Dietz hatten die Gelegenheit Friedman in seinem Pariser Atelier zu besuchen und Einblick in seine Gedankenwelt zu erhalten.

 

Text: Marie-Theres Sauer – 15.6.2017
Video: Daniel Zamarbide

 

Ein Querdenker war Friedman schon in den 1960er-Jahren und auch im Interview klangen seine Aussagen noch herausfordernd und scharfsinnig; doch inzwischen mit dem charmanten Augenzwinkern eines weisen Mannes, der auf bald ein Jahrhundert Architekturdiskurs zurückblickt.
Mit den Themen Open Space und Protostructure wurden bei den gleichnamigen Symposien, organisiert von archithese und dem EPFL-Institut ALICE, am 6. und 7. Juni jedoch zwei Themen verhandelt, die Friedman besonders am Herzen liegen. Mit entsprechend grosser Freude und Offenheit stand er Rede und Antwort.  

 

Architektur ist keine bewohnbare Skulptur.
«If you`re angry with your neighbors, change the orientation.» In Friedmans Augen ist Architektur nicht statisch, sondern sollte – wie auch der Mensch – stetig in Bewegung sein und immer wieder zur Improvisation und Anpassung an die aktuelle Situation anstiften. Es geht ihm nicht um das perfekte Ausformulieren, sondern das Prinzip von Trail and Error: Architektur sollte wie ein gutes Experiment funktionieren, bei dem der Mensch mit dem ihm zur Verfügung gestellten Material seinen eigenen Lebensraum gestaltet.
Für Friedman ist menschliches Verhalten unberechenbar und darum nicht planbar – somit ist es an dem Architekten, lediglich Strukturen anzubieten, die immer neuer Aneignung offen stehen und dem Benutzer grösstmögliche Unabhängigkeit und Selbständigkeit garantieren. Architektur bedeute keine «bewohnbare Skulptur» zu gestalten, sondern vielmehr Raum zur Verfügung zu stellen, so Friedman. Er liegt damit nahe am Architekturverständnis eines Cedric Price, der forderte, der Gestalter müsse Moderator sozialer Prozesse sein.

 

Suche nach Freiheit
Friedman wurde 1923 in Budapest geboren und bezeichnet sich selber als ausserordentlich geprägt durch den zweiten Weltkrieg. Viel von seinem Denken über Freiheit und Unabhängigkeit der Menschen stammt aus dem Erleben dieser Zeit und lässt die Leidenschaft seiner Forderungen nachempfinden. 
Sein berühmte Entwurf der Ville Spatiale (1956) etwa schlägt eine grossmassstäbliche Überbauung bestehender Städte vor. Ähnlich Constant Nieuwenhuys New Babylon-Projekt (1959–74) hätte eine Megastruktur auf Stützen geschwebt. Den Städtern der Zukunft hätte freigestanden, ihre Wohnungen darin einzubauen und nach ihrem Gusto fortlaufend zu verändern. Doch das war Ende der 1950er-Jahre – wie aber steht Friedman zu den aktuellen Herausforderungen unserer Zeit? Ist der utopischer Entwurf von damals heute noch zeitgemäss?

 

Die Netzwerkgesellschaft erfordert eine neue Architekturausbildung.
«Adapt the city to the social reality.» Die Infrastrukturen hätten sich seit den 1960er-Jahren vollkommen verändert. «Today the network is in your pocket,» so Friedman. Das wirke sich selbstverständlich auf unsere Lebensräume aus. Wir benötigen keine kompakten Städte mehr, Dienstleister wie Amazon ersetzen unsere bestehenden Infrastrukturen.
Eigentlich müsste dies in Friedmans Sinne sein, denn somit wird dem Einzelnen eine immer grössere Freiheit zuteil über seine Umgebung zu bestimmen – die Bedeutung des physischen Aufenthaltsorts schrumpft zusehens. «We are not the same animal my grandfather was, because of the multiple opening in communication, in techniques, in thinking.» Doch Vorsicht: in der Lehre müsse auf diesen Shift reagiert werden und die bisherigen Inhalte bedürften einer kritischen Inventur; noch sei man zu sehr in alten Denkmodellen verhaftet und vermittle «Kochrezepte», statt junge Gestalter zu eigenständigem Denken und dem Erfinden neuer Konzepte zu erziehen. 

 

Das Interview mit Yona Friedman wurde im Rahmen der Symposien Open Space und Protostructure geführt. archithese und Dieter Dietz folgten einer Einladung Friedmans nach Paris und sprachen am 11. Mai 2017 mit ihm. 

 

> Auf dem Symposium Protostructure wurden weitere, lebhaft diskutierte Vorträge von Agathe Mignon, Milica Topalovic, Tanja Herdt und Manuel Herz gehalten.

> Einen Tag zuvor fand bereits das Symposium zum Thema Open Space statt – ebenfalls gemeinsam organisiert vom EPFL-Institut Alice und archithese.

> Tanja Herdts Buch über Cedric Price feierte mit einer Podiumsdiskussion zwischen der Autorin, Marc Angélil, Stanislaus von Moos und archithese-Chefredaktor Jørg Himmelreich Vernissage.

Veranstaltung

Pecha Kucha

Zehn Architekturschaffende präsentieren am 21. Juni 2017 im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich ein aktuelles Projekt.

 

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