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Wo die Schlote nicht mehr rauchen

Detroit ist wie kaum eine andere Stadt gezeichnet von Krisen und wirtschaftlichen Veränderungen durch die Globalisierung. Seit kurzem kündigt sich allerdings eine Umbruchsphase an. Der neoliberale Aufschwung nach dem Bankrott der Stadt im Jahr 2013 zeigt Zusammenhänge zwischen urbanem Leben, Architektur und Ökonomie auf, die auch in Europa gelten.

 

Text: Martin Kohlberger – 5.11.2021

 

Auch in Detroit setzen Politik und Investoren nach Jahrzehnten des urbanen Niedergangs mit ihrer neoliberalen Wirtschaftspolitik auf eine Trendumkehr, die darauf abzielt, neben dem Stadtraum auch die eigene Bevölkerung und die Arbeitswelt zu verändern. Wie in anderen deindustrialisierten Städten gehen damit Begriffe wie Flexibilität, Teamwork und flache Hierarchien ins allgemeine Vokabular über. Dort wo früher rauchende Schlote standen, finden sich nun Arbeitende hinter durchsichtigen Scheiben, mit Telefon in der Hand an Schreibtischen sitzend, in permanenter geschäftiger Aktivität. Für Unternehmen wie zum Beispiel auch Ford ist das der Versuch, nicht weiterhin auf Umsiedlungen der eigenen Produktionsstandorte angewiesen zu sein und dennoch ohne Proteste der Belegschaft in einer globalen Welt profitabel zu bleiben. Die Probleme eines grossen Teils der Bevölkerung werden dadurch nicht gelöst, doch man hofft, Investoren anzuziehen, die die Stadtentwicklung vorantreiben und brachgefallene Gebiete neu beleben.
Auch der Autokonzern Ford verkündete im Jahr 2018 medienwirksam seine Rückkehr in die Automobilmetropole – und zwar mit dem Kauf der Michigan Central Station. Dort will die Automarke selbst dem industriellen Fordismus den Rücken zukehren und setzt auf Arbeitsstrukturen des in Zentren der Kreativwirtschaft gängigen Postfordismus – Zürich-West lässt grüssen. Für den Masterplan des Unternehmenscampus zeichnet das internationale Architekturbüro Snøhetta verantwortlich. Man will den «Fluss und die Zirkulation von Ideen erleichtern», so eine Pressemitteilung des Architekturbüros. Die Visualisierungen in schicker Farbtönung und mit möglichst grosser abgebildeter Diversität zeigen transluzente geschwungene Fassaden und mobile Personen in räumlich flexiblen Situationen. Auch hier wird die Architektur zum Ausdruck neuer Fabrikorganisation und neuer Arbeitsstrukturen, bei denen sich ganz im Sinne des Unternehmens Arbeit, Erholung und Freizeit vermischen.
Über den postindustriellen Städtebau, der einer irrlichternden Finanzwirtschaft folgt, schreibt Martin Kohlberger in unserer aktuellen Ausgabe Umbrüche.

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> Über die Stadtentwicklung in Zürich schrieb archithese 2015 in Zürich – für eine neue Planungspraxis.

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