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Von Sanftmut und Sprengkraft

Im Engadin spriessen derzeit neue Kunstgalerien wie Pilze aus aus dem Boden. In Susch haben die Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy nun einen kraftvollen Ausstellungsort in und unter eine alte Klosterbrauerei realisiert. Durch das Miteinander von alt und neu, sowie das Verschneiden von Architektur und Gestein sind spektakuläre Räume entstanden. Doch nicht nur architektonisch – auch inhaltlich will das Muzeum anders als anderen Galerien sein.

 

Text: Julian Bruns – 19.2.2019
Fotos: Studio Stefano Graziani
Pläne: Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy

 

Das Engadin, insbesondere St. Moritz zieht viele internationale Kunstsammler an. Dass das Galerie-Geschäft ein lukratives und wachsendes Business ist, belegen die mittlerweile über 30 Galerien im Tal. Am 2. Januar 2019 eröffneten in Susch (einem kleinen Dorf bei Zernez) weitere Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst. Die polnische Mäzenin Grażyna Kulczyk lies dort eine alte Klosterbrauerei in das Muzeum Susch verwandeln. Beauftragt für Umbau und Erweiterung der ehemaligen Brauerei wurden die beiden jungen Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy, deren Büro in Zürich beheimatet ist.  

 

Unten Kunst, oben Dorfidyll
Das neue Muzeum Susch verteilt sich auf mehrere Gebäude am Ortsrand, die Teil eines alten Klosters waren, das auf dem Pilgerpfad nach Santiago de Compostela lag und dessen Strukturen teilweise aus dem 12. Jahrhundert stammen. Da das Ensemble unter kantonalem Denkmalschutz steht, wurden die Gebäude und der Aussenraum nur leicht verändert und vorsichtig saniert. Ein altes Wirtschaftsgebäude, das am Fluss steht und den neuen Haupteingang bildet, beherbergt Ausstellungsräume, Büros der Verwaltung und eine Bibliothek mit Arbeitsplätzen und Vortragsraum. Die beiden Architekten haben den Gebäudekomplex der alten Brauerei auf der anderen Strassenseite um neue unterirdische Räume erweitert und durch einen Tunnel mit dem Hauptgebäude verbunden. 1 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche konnten so geschaffen werden. Dafür wurden über 9 000 Tonnen Gestein aus dem Felsen gesprengt. Entstanden ist eine spektakuläre, kontrastreiche Innenwelt aus groben, gebrochenen Felswänden, weissen Putzoberflächen, Betoneinbauten und glatten, dunklen Fussböden. Nördlich der Anlage befindet sich noch die Residenz Temporars Susch, wo künftig geladene Künstler wohnen und arbeiten sollen.

 

Dauerhaft
Die erste permanente Kunstinstallation, die eingebaut wurde, stammt von der Zürcher Künstlerin Sara Masüger. Inn Reverse ist ein kleiner, nicht begehbarer, mit Acryl ausgekleideter Tunnel, der von einer natürlichen Bergfelsengrotte unter dem Haupteingang, die früher der Lagerung und Kühlung des Biers diente zum nahegelegenen Ufer führt und der das Flussrauschen in das Museum tragen soll. Die verlaufene Acryl-Struktur erinnert dabei an natürlich gewachsene Tropfsteinhöhlen.
In einer anderen Grotte rotiert ein polierter Stahlzylinder langsam um die eigene Achse und reflektiert (beziehungsweise verzerrt) das Bild der Felswände. Das sich drehende und spiegelnde Objekt Narcissussusch symbolisiert laut Künstler Mirosław Bałka den Lauf der Zeit in der «perfekten Natur». Sobald der Raum betreten wird, würde diese Meditation gestört und durch das Abbild des Menschen temporär überlagert werden.
Ein weiteres permanentes Kunstwerk befindet sich im alten Kühlturm der Brauerei. Dieser wurde durch Abgrabungen nach unten zusätzlich vergrössert und bildet nun einen 17 Meter hohen Luftraum und damit einen starken Kontrast zu den ansonsten eher niedrigen Felsengrotten. Darin hängt die beeindruckende Stahlkonstruktion Stairs von Monika Sosnowska und verstärkt die aufstrebende Wirkung zusätzlich.

 

Out of the Box
Nicht nur räumlich, sondern auch programmatisch soll sich das Muzeum Susch von anderen Galerien unterscheiden. Mit einem Fokus auf Positionen von Künstlerinnen und feministischer Kunst sind dort mehrere dauerhaft installierte Exponate, aber auch wechselnde Ausstellungen zu sehen. Zudem wird es Workshops, Vorträge und Performances geben. Nach der Gründerin soll es ein «Ort für den diskursiven und erforschenden Charakter der Kunst in der Tradition der Kunsthalle als Experimentierfeld» sein und sich damit von den kommerziellen Galerien des Tals abheben.

 

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