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Viel Aufmerksamkeit um beinahe Nichts

Der Beitrag der Schweiz zur 16. Architekturbiennale von Venedig erhält viel Lob und Anerkennung – Svizzera 240 ist sogar die erste Ausstellung im helvetischen Pavillon, die mit dem Goldenen Löwen prämiert wurde. Die vier Kuratoren Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara schufen eine verspielte Installation, die humorvoll den Status quo im Schweizer Wohnungsbau reflektiert. Doch stimuliert der Beitrag auch einen fruchtbaren Diskurs zu Alternativen?

 

Text: Cyrill Schmidiger – 30.5.2018

 

Zwerge und Riesen
Der Besucher staunt nicht schlecht, wenn er den Schweizer Pavillon in Venedig betritt. denn er stellt Sehgewohnheiten in Frage. Einmal sind die Decken viel zu niedrig und die Türen zu gross, dann weisen plötzlich auch die Fenster einen sonderbaren Massstab auf. Die Installation spielt mit unterschiedlichen Grössen und Perspektiven, sie irritiert und verfremdet. Mit Svizzera 240 entstand eine scherzhafte Collage, welche das junge Kuratorenteam auch als «unmögliche Wohnung» bezeichnet. Das ist treffend, denn konventionelle Architektur ist hier nicht zu sehen. Oder etwa doch?

 

Drehen im Labyrinth
Die vier ETH-Assistenten karikieren mit ihrem Beitrag lustvoll und mit unbeschwerter Leichtigkeit das typische zeitgenössische Schweizer Wohninterieur. Weisse Sockelleisten, weisse Wände und weisse Decken, Holzboden sowie standardisierte Armaturen: Was in Venedig gezeigt wird, ist eigentlich ziemlich unspektakulär, ja langweilig und banal. Weil aber das räumliche Erlebnis grossen Spass bietet, wird schnell vom Einheitsbrei abgelenkt, der den helvetischen Wohnungsbau bestimmt. Gerade auch die Haustour, auf die sich der Besucher begibt, trägt mehr zum spielerischen Erlebnis bei als zur kritischen Reflexion über den Status quo unserer Innenräumen.
Am Talk Open House in a Closed Society, der am 24. Mai im Schweizer Pavillon stattfand, wurde die feierliche Stimmung der Eröffnung mehrheitlich weitergetragen: Anstatt Fragen zu stellen und mögliche Perspektiven aufzuzeigen, wie aus der Sackgasse eines solchen Wohnungsbaus ausgebrochen werden könnte, schwärmten die meisten Referenten ob der Vielschichtigkeit des Beitrags – die Rede war von Parallelen zur barocken Architektur, das Interieur wurde als gebaute mathematische Gleichung interpretiert oder die geschickte künstlerische Strategie der Irritation erhielt grosses Lob zugesprochen. Das ist alles spannend, gut und recht, doch bleibt der Fokus leider stets in der Vergangenheit und Gegenwart verhaftet.

 

Ein zu enger Blick?
Dass sich Svizzera 240 nicht einer Zukunftsdiskussion öffnet, ist auch im kuratorischen Konzept begründet. Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara interessierten sich für die fotografische Darstellung von leeren, unmöblierten Interieurs. Diese haben sie auf Homepages von Schweizer Architekturbüros ausfindig gemacht und anschliessend zusammengetragen. Es ist eine Repräsentationsform, die, so das Quartett, «den vermeintlichen Hintergrund des Wohnens in den Vordergrund rückt und die architektonischen Hüllen hervorhebt.» Das junge Team orientiert sich an den Prinzipien der Architekturfotografie und verzichtet darauf, Planmaterial wie Grundrisse oder Schnitte in ihre Forschung einzubeziehen. Doch hätte vielleicht nicht gerade ein breiterer Blick auf unsere Innenräume einen Anfang darstellen können, um sich an erste Alternativen zur neutralen und variationsarmen white box heranzutasten?

 

Nach dem Fest
Was leistet Svizzera 240 also für einen nachhaltigen und kritischen Diskurs? Die Antwort auf diese Frage ist ernüchternd. Mit der ironischen Collage von standardisierten Interieurs legen die Kuratoren zwar (unbewusst) den Finger in die Wunde der innenräumlichen Langeweile, welche im Schweizer Wohnungen vorherrscht. Doch Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara wollen mit ihrem Beitrag keine Kritik formulieren, sondern ein architektonisches Erlebnis bieten. Das ist bedauerlich, denn weisse und neutrale Räume mit Holz- oder Fliessboden sowie einer ungefähren Höhe von 240 Zentimetern sind nicht wirklich wünschenswert, zumindest nicht in tausendfacher Reproduktion. Sollte nun in einem nächsten Schritt nicht nach Alternativen gesucht und das Augenmerk auf eine spezifischere Architektur gerichtet werden anstatt bei den eigenschaftslosen Wohnungen zu verhaften? Svizzera 240 strickt diese Fragen leider nicht weiter, auch beziehen die Kuratoren bewusst keine Position zu diesen Themen. 

 

Die 16. Architekturbiennale von Venedig wird bis zum 25.11.2018 gezeigt.

 

> Die Installation Svizzera 240 ist unterhaltsam, bietet aber wenig für eine fruchtbare Debatte zum Schweizer Wohnungsbau, meint auch Wilfried Wang. Seinen Essay lesen Sie in der E-Version von archithese 2.2018 Wohnungsbau. 

> archithese sprach im Vorfeld der 16. Architekturbiennale mit den Kuratoren des Schweizer Pavillons. 

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