Aus welchem Land kommen Sie?


Verschwommen durchs Museumsportal

Unsere Autorin erträumt sich ein Berlin, in dem das Baden in der Spree endlich keine Fiktion mehr ist. Wie würde man Chipperfields neue James-Simon Galerie auf der Museumsinsel beim Schwimmen aus dem Wasser erleben?

 

Text: Jasmin Schiele – 16. Juli 2019 
Fotos © David Chipperfield Architects 

 

Es könnte so romantisch sein 
Stellen Sie sich vor, die Initiative Flussbad – ein Stadtentwicklungsprojekt zur Reinigung und Reaktivierung des Spreekanals in Berlins Mitte – hätte ihr Ziel erreicht. Es ist Juli – 39 Grad. Sie schwimmen genüsslich Ihre Bahnen entlang des Humboldtforums Richtung Museen. Mit langsamen, bedachten Zügen, ähnlich einem Flaneur an Land, nähern Sie sich der Kulturinsel. Die neu errichtete James-Simon-Galerie strahlt hell. Gut, dass Sie sich für die getönte Schwimmbrille entschieden haben. Sie wechseln zum Kraulen auf den Rücken. Eine hohe Mauer – auf der 70 surreal dünne Pfeiler emporragen – liegt neben Ihnen. Fast wie ein Birkenwald. Stand dieser nicht neuich in der Neuen Nationalgalerie? Ach nein – das waren ja Fichten! Aus diesem ungewohnten Blickwinkel wirken die Pfeiler mit ihren dreissig Zentimetern Breite und neun Metern Höhe sogar noch schlanker. Nicht nur das Wasser, sondern auch der pavillonartige Neubau funkelt und glitzert an diesem Dienstagvormittag – das muss am Marmorstaubzuschlag liegen, schlussfolgern Sie richtig. Bei der Hitze möchten Sie sich nicht verausgaben. Auf der einladenden Treppe zum Kanal sitzen bereits andere Badegäste. Sie räkeln sich in der Sonne, oder machen sich für die nächste Bahn bereit. Auch die Treppen entlang der Spreemauer wurden im Zuge der Eröffnung des Flussbads den Berlinern zugänglich gemacht. Für die jährlich knapp zweieinhalb Millionen Besucher, die nicht schwimmen mögen, wurde ein Gondelservice eingerichtet. Deshalb wird die Museumsinsel von den Stadtbewohnern nun auch liebevoll «Little Venice» genannt. Angesichts der Besucherströme, die das neue Eingangsportal anzieht und durchschleust, ist dieser Name im doppelten Sinne treffend. 

 

Vom Wasser in den Tempel 
Sie entscheiden sich an Land zu gehen und setzen einen Fuss auf den erhabenen Sockel der Galerie. Der Boden besteht aus Muschelkalk. Sie fühlen sich wie im Urlaub. Tropfend gehen Sie die Treppe hinauf, und halten kurz Inne. Der Übergang zum Pergamonmuseum ist wahrlich meisterlich gelöst: Es berührt Sie, wie sich die Materialien – alt auf neu – hier treffen. Sie kommen auf der Terrasse an, gehen vorbei am Café, wo sich Touristen und Berliner mischen und gemeinsam die neuen Blickwinkel geniessen. Durch eine schwere Bronzetür und weitere Treppen gelangen Sie ins Mezzanin. Dort finden Sie den Ticketbereich, Garderoben, Toiletten und den Shop. Sie gehen noch eine Ebene tiefer: Hier wartet das Auditorium mit 300 Plätzen und einer imposanten Walnusswand und -decke. Die zurückhaltende Opulenz ist typisch für David Chipperfields Bauten. An den Namensgeber, James Simon, wird hier respektvoll gedacht. Die neue Ausstellungshalle zeigt zudem eine Videodokumentation über das Wirken des grosszügigen Mäzens. Langsam fröstelt es Sie – dies mag nicht nur an ihrer leichten Badebekleidung liegen, auch die Architektur strahlt eine souveräne, jedoch zuweilen kühle Atmosphäre aus.

 

134 Millionen Euro für eine Badi 
Wie es sich für eine staatstragende Architektur gehört, war für die Errichtung ein langer Atem sowie eine entspannt-flexible Haltung bei der Finanzierung notwendig. Bis in die 2030er-Jahre wird die Fertigstellung der Archäologischen Promenade im zweiten Untergeschoss noch andauern. Die Kosten dafür haben sich mittlerweile fast verdoppelt. Wenn dieser weitere Arm des komplexen Oktopus-Baus fertig ist, (bei dem nicht ganz klar ist wo er anfängt und wo er aufhört) sollten wir uns nochmals auf Angela Merkels Worte, welche Sie am Freitag zur Eröffnung sprach, besinnen: «Und so ist die Museumsinsel nicht nur ein Ort, an dem wir von Kulturen und Geschichtsläufen erfahren, sondern an dem wir uns auch der heutigen gegenseitigen Abhängigkeiten auf unserer Welt bewusst werden können. Das ist in seiner Bedeutung für unser Zusammenleben heute gar nicht hoch genug einzuschätzen. Denn wie verführerisch und zugleich fatal ist es doch, die Augen vor der Komplexität globaler Wechselwirkungen zu verschliessen und sich lieber ein eigenes überschaubares Weltbild zu schaffen.»Nach so viel Hochkultur raucht Ihnen der Kopf. Sie verlassen das Museumsportal über die ausladende Haupttreppe und springen mit einem Satz zurück ins kühle Nass.

 

 

> In der Ausstellung Swim City des S AM werden verschiedenste Flussbadinitativen präsentiert.

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