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Verpasste Chance

Mit den heissen Temperaturen ist die Arealüberbauung Europaallee der SBB in Zürich erneut in die Kritik geraten. «Kalt und abweisend» seien die neuen Bürogebäude von Google und Co. mit ihren monotonen Fassadenrhythmen, schimpfte die NZZ am Sonntag. Auch von urbaner Aufenthaltsqualität sei nichts zu spüren, das Projekt somit gescheitert. archithese sieht dies nicht ganz so drastisch. Aber mit den Rückzugs-Heft sind wir sensibler geworden in unserer Wahrnehmung von öffentlichen Räumen. Sie sollten eine andere Zeitlichkeit haben und Rückzugsorte schaffen im hektischen Alltag. Dass mit dem Europaplatz eine einmalige Chance vergeben wurde, stimmt uns daher ebenfalls nachdenklich.

 

Text und Fotos: Christina Horisberger – 1.7.2019

 

Vergangenen Sonntagnachmittag an der Europallee: Das Quecksilber hat die 35 Grad Marke überschritten, die Innenstadt ist überhitzt. Wer nicht auf die Sihlpost muss oder auf den Zug, weicht der asphaltierten Fläche des Europaplatzes aus. Wer es eilig hat, wagt den Eiertanz. Wer aber kann, ist anderswo unterwegs; lässt sich auf einem Gummiboot die Limmat hinuntertreiben, sucht Schatten unter ausladenden Platanen oder fährt mit der Seilbahn auf gletschernahe Gipfel, wie uns die zahlreichen Instagram-Posts unserer Crowd von gestern zeigen.

 

Asphalt für Eventkultur
Der Europaplatz lässt sich seit ein paar Wochen – nachdem die Bauabsperrungen entfernt wurden – in seiner gesamten Grösse erleben. Künftig sollen Ginkobäume schatten spenden. Doch noch sind sie dafür zu klein, zu wenige und allemal stehen sie auf der südwestlichen Seite – dort wo allemal Max Dudlers Bürogebäude ein wenig Schatten spenden. In der Hitze flimmert der Asphalt. Diesen Belag habe man aus Kostengründen gewählt, so die Stadt Zürich, die über die Gestaltung des Platzes entschieden hat. Warum liess sie den Stadtraum nicht pflastern oder wenigstens mit Granitplatten belegen wie auf dem dreimal grösseren Sechseläutenplatz? Ein städtischer Raum mit Aufenthaltsqualität ist nicht entstanden. Er ist Durchgangsraum. Er schreit nach reglementierter Eventkultur mit ihren temporären Pavillonbauten, hohem Lärmpegel und Littering. Und nach der Sperrstunde drehen die Stadtwerke mit Putzmaschinen ihre Runden, damit er für die Büroleute am kommenden Morgen wieder blitzblank erscheint. 

 

«Beschleunigendes» Gebäude
Der Asphalt ist allerdings nicht das einzige Problem. Es ist in erster Linie das zu den Bahngleisenden liegende hermetisch anmutende Bürogebäude von Stücheli Architekten mit seiner langweilig, gleichmässig rhythmisierten Fassade. Die horizontalen Bänder beschleunigen den Raum in die Tiefe. Dieses unangenehme Tempo wird erzeugt durch Länge und Massstäblichkeit. Es ist ein Gebäude, das geeignet wäre, an einer stark befahrenen Strasse zu stehen, wo Autos in wenigen Sekunden vorbeirauschen. Doch mit der Geschwindigkeit eines Fussgängers wirkt es fad. Es gibt kein Vor- und Zurückspringen der Fassade, keine spannenden, abwechslungsreichen Details, nicht einmal vorgehängte Fassadenelemente, die einen anderen Referenzraum eröffnen würden. Dabei sollte ein zeitgemässer öffentlicher Platz doch Rückzugsmöglichkeiten bieten und Verschnaufpausen ermöglichen. Doch in dieser Raumflucht will man nur eines: Flüchten.

 

Wir brauchen Entschleunigungsräume.
Beton, Stahl, Glas und Asphalt – hier wurde die Chance vertan, einen innerstädtischen Rückzugsraum zu schaffen. Das ist sehr bedauerlich. Auch ETH-Professor Tom Avermaete ist davon überzeugt, dass wir – nebst dem Aufenthalt im Grünen und in der Landschaft – gerade die öffentlichen städtischen Plätze als Entschleunigungsräume oder Horti conclusi benötigen. Sie können sehr vielgestaltig sein, aber müssen Elemente der Natur in die Stadt holen. Es gibt gute Beispiele aus anderen Städten. Die Architektur der Europaallee ist jedoch bis auf wenige Gebäude in Richtung Lagerstrasse austauschbar und gesichtslos geraten. Mit einer Ausnahme: Das Geviert aus 25 Hours Hotel und Kosmos wurde erfolgreich von Bevölkerung und Touristen in Besitzt genommen. Will man sich in der Europaallee mit Freunden treffen, meint man diese beiden Bauten an ihrem westlichen Ende. Von da wagt sich ab und an jemand Richtung Hauptbahnhof vor. Doch meistens kehrt man schnell wieder zurück. 

 

 

> Jørg Himmelreich und Tom Avermaete führten für die neue archithese ein umfassendes Gespräch über zeitgemässe städtische Rückzugsorte

> Christian Kerez wusste es besser und schlug als Alternative für Baufeld B einen zugleich vertikal und horizontal gegliederten Bau vor – zu sehen in archithese 6.2015 Tradition | Innovation Adaption

> Das sind die Orte, wo sich die Schweiz bei Hitze am liebsten aufhält.

> Die Ausstellung Zugang für alle an der TU München zeigt soziale Infrastrukturen für die Millionen-Metropole. 

archithese hat sich kritisch über die chinesischen Fassadenelemente an der Europallee geäussert.

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