Aus welchem Land kommen Sie?


Kontrastlos

Seit Anfang Februar erstreckt sich über drei Räume die neue Dauerausstellung Einfach Zürich im Landesmuseum Zürich. Besucherinnen und Besucher sollen dort der Essenz von Stadt und Kanton auf die Spur kommen. Übergeordnete Fragen bleiben aber leider unbeantwortet oder werden erst gar nicht gestellt. 

 

Text: Manuel Pestalozzi – 7.2.2019

 

«Einfach» ist ein Wort mit vielen Bedeutungen. Das Gegenteil kann «kompliziert» lauten oder auch «reichhaltig». Damit sind wir beim Grundproblem der neuen Ausstellung: Einfach ist Zürich weder im ersten noch im zweiten Sinn. Enttäuschenderweise scheitert die Ausstellung dann schon beim Eingang im ersten Landesmuseums-Obergeschoss. Ein Bildschirm stellt zur Begrüssung als strahlende Schrifttafel in verschiedenen Sprachen die Frage, wie und warum Zürich zur grössten Stadt der Schweiz wurde. Das «Zürcher Schaufenster im Landesmuseum», wie die Ausstellung auch genannt wird, liefert auf diese Frage keine Antwort – obwohl es dazu einiges zu sagen gäbe. Stattdessen drängt sich direkt eine andere Frage auf: Was ist mit Zürich überhaupt gemeint? Stadt? Stadtrepublik? Schweizer Kanton? Metropole mit Agglomeration? Im ersten Raum wird klar: die Gemeinden des Kantons sind mit an Bord, jedenfalls ein paar von ihnen. 

 

Ein Kessel Buntes
Neben einer anregenden Grossskulptur aus Zürcher Symbolen des Künstlerinnentrios Mickry 3, die wie das pièce de résistance der Ausstellung scheint, ist eine Art Bildschirmaltar aufgebaut. Darauf zu sehen sind künstlerisch-ästhetische Filme über diverse Gemeinden, die sich aber inhaltlich durch eine erschütternde Beliebigkeit auszeichnen. Sie reduzieren die umliegenden Gemeinden aber auch beispielsweise die Stadt Winterthur – immerhin politisch autonome Entitäten – zu Aussenquartieren der Stadt. Ebenfalls vertreten auf dem Altar sind auch Deutschland und Graubünden, sozusagen als Gäste in der Stadt. Vom historischen und aktuellen Stadt-Land-Gegensatz, der Zürich politisch ganz entscheidend formte und immer noch prägt, leider keine Spur. Statt Kontraste gibt es einen bunten, frivolen Fruchtsalat, finanziert von Stadt und Kanton. Man fragt sich, ob es keine kritischen Rückfragen seitens der Auftraggebenden gab? Der zweite Raum bietet eine typische zeitgemässe Ausstellung mit Exponaten in Vitrinen und Touchscreens. Das könnte auch in Solothurn, Fribourg oder Bad Ragaz oder auf einer EXPO irgendwo in der Welt stehen. Man sieht einmal mehr die vertraute Bircherraffel, eine alte Schachtel mit Verhütungspillen, das Fallbeil einer Guillotine und neben der Büste von Alfred Escher das Schild für ein Multisexklo.

 

Digitale Zukunft
Der dritte Ausstellungsraum kann nur als bewusster und totaler Widerruf jeder Bedeutung von «einfach» verstanden werden: Drei Punktwolkenprojektionen stellen alle Ebenen des Hauptbahnhofs von Zürich dar, animiert und mit durchlässigen Böden, Decken und Wänden. Schicht um Schicht wird durchdrungen, der Schleier aus Punkten löst sich auf, während die Besucherinnen und Besucher zwischen den drei Projektionsflächen fast schon verzweifelt nach Halt suchen. Zum Glück gibt es im ansonsten dunklen Saal auch Sitzgelegenheiten. Diese Dauerausstellung belegt, wie ein technologischer Overkill Botschaften abtötet und auch an sich bedeutungsvolle Informationen zu oberflächlichem Geplapper degradieren kann. Es wäre zu wünschen, dass es nachträgliche Korrekturen an Konzept und Inhalten gibt, um zumindest die eine oder andere grundlegenden Fragen beantworten zu können.

 

Die Dauerausstellung Einfach Zürich ist seit dem 2. Februar 2019 im Landesmuseum Zürich zu sehen. Der Eintritt ist frei.

 

> Am 4. April 2019 ist archithese kontext wieder zu Gast im Landesmuseum Zürich. Bei der Swiss Live Performance 2019 präsentieren zehn Büros jeweils einen spannenden Neubau mit einem Kurzvortrag. Tickets gibt es hier.

> In archithese 1.2017 Swiss Performance 2017 hat Elias Baumgarten die Erweiterung des Landesmuseums Zürich von Christ & Gantenbein besprochen.

> Die Architekten Christ & Gantenbein erhielten 2018 eine Professur an der ETH Zürich.

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