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Unsensibel?

Ein «Wolkenbügel», der «das Auge schmerzt» – NZZ-Autor Paul Andreas schiesst in seiner Kritik «Paradoxes Zeichen» scharf gegen Zaha Hadids Havenhuis, die neuen Zentrale der Hafenverwaltung von Antwerpen: Der Neubau, welcher über dem neo-historistischen Feuerwehrhaus des Stadtarchitekten Emiel van Averbeke aus dem Jahr 1922 thront, hätte eine Hommage an die Stadt und ein identitätsstiftende Architekturikone zugleich sein sollen, doch er setzt nach seinem Dafürhalten das falsche Signal.

 

Text: Elias Baumgarten – 17.10.2016
Foto: Helene Binet

Zu wenig Flair für Geschichte?
Andreas attackiert insbesondere den Umgang der Hadid’schen Gestaltung mit dem denkmalgeschützten Feuerwehrhaus darunter. Er moniert, der Neubau degradiere die neo-historistische Architektur des Bestandes «zur blossen Fussnote». Und das obwohl der Altbau mit seiner «traditionellen» Gestaltung Träger der Geschichte des Hafenareals sei. Demnach kappe Hadids «Wolkenbügel» die Verbindung zur Geschichte des Ortes, statt feinfühlig Bezug zu nehmen. Es sei nicht gelungen eine Brücke zwischen Tradition und Zukunft, zwischen Bestand und Erweiterung, zwischen lokaler Baukultur und globaler Aufmerksamkeitsökonomie zu schlagen. Bauherrschaft und Jury hätten sich vom überholten Marktversprechen grosser Architekturstars blenden lassen, so Andreas’ kritisches Fazit.

 

Beengte Büroetagen
Auch das Interieur des Neubaus erscheint dem NZZ-Autor kritikwürdig: Die Büroetagen seien beengt, ja durch die hohe Frequenz der Schrägstützen käfigartig. Die Führungsseile des trotz Hightech-Glasfassade verbauten innenliege Sonnenschutzes seien wahre Stolperfallen und die Aussicht durch die dreieckigen Öffnungen auf das Hafenareal  zwar schön aber nicht überwältigend. Denn die Fassadendreiecke sein «ständiger Parametrie» ausgesetzt, die sich dem Auge immer wieder entgegenstelle. Überhaupt würden die Mitarbeiter im Altbau auf «gewiss auf grosszügigerem Fuss arbeiten als ihre Kollegen oben im Wolkenbügel».

 

Grundsatz-Statement
Paul Andreas bringt viel berechtigte Kritik an der Havenhuis-Überformung vor, deren Gestaltung tatsächlich eine gewisse Leichtigkeit und Kontextualität vermissen lässt. Doch seine Kritik gerät auch zum Grundsatz-Statement: Das «Traditionelle» – der Begriff wird hier bemerkenswerter Weise auf eine neo-historistische Architektur appliziert – erfährt eine positive Deutung, während nicht-normatives Ablehnung erfährt. Es ist wohl nicht zufällig, dass der Begriff «Wolkenbügel» – mit all seinen mitschwingenden avantgardistischen Konnotationen – als Negativfolie fungiert. Andreas bezieht mit seiner Kritik klar Stellung für eine konservative Architekturauffassung, die für eine sensible Anknüpfung an die Baugeschichte plädiert und in historisierenden Elementen identitätsstiftendes Potenzial sieht.

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Kommentar von Wim Denslagen |

Aber natürlich ist dies unsensibel, denn die Neubau zerdrückt das alte und macht es lächerlich. Unhöflich wäre eine bessere Umschreibung.

Kommentar von Sepp Mueller |

Und fachlich gesehen ist der Entwurf weder städtebaulich und funktionell gut, noch leistet dieser einen Beitrag zu einer nachhaltigen Erneuerung und Weiterentwicklung des Hafenviertels.

Er erreicht auch bei Weitem nicht die Qualität des Museum aan de Stroom.

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