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Ungeliebte Heldin der Nachkriegsmoderne

Die Architektin Jadwiga Grabowska-Hawrylak prägte die Nachkriegsmoderne in Polen massgeblich. In ihrer Heimatstadt Breslau gibt es kein Viertel, das nicht auch ihre Handschrift trägt. Trotz ihres eindrücklichen Lebenswerks ist sie, als auf der «falschen Seite» des Eisernen Vorhangs wirkende Architektin, im Architekturdiskurs des Rests der Welt nur Wenigen ein Begriff. Im Jahr 2019 wurde das Werk der Architektin in einer Ausstellung erstmals ausserhalb Polens in New York geehrt. Der Teilabriss Ende Januar ihres berühmtesten Bauwerks, das in Polen gerne als «Manhattan» bezeichnet wird, ist symptomatisch für den Umgang mit dem vernachlässigten Erbe der Architektin.

 

Text: Martin Kohlberger – 9. Februar 2021

 

Werden Frauen in der Architekturgeschichtsschreibung vielfach marginalisiert, so trifft das auf Architektinnen der ehemals sozialistisch regierten Länder umso mehr zu. In der Liste der berühmtesten Architekten und Architektinnen des 20. Jahrhunderts auf Wikipedia findet sich unter mehreren hundert Einträgen keine einzige Person aus dem sogenannten Ostblock – die Sowjetunion ausgenommen. Doch das liegt keineswegs daran, dass es dort keine bedeutenden Gestalter*innen gegeben hätte.
Keine andere Architektin wird so sehr mit dem Nachkriegs-Polen in Verbindung gebracht wie Jadwiga Grabowska-Hawrylak. Die im Jahr 2018 gestorbene Architektin war nach dem Zweiten Weltkrieg in allen Phasen des Wiederaufbaus des polnischen Wrocław (Breslau) beteiligt. So gibt es in der Stadt kein einziges Viertel, in dem nicht ihre Handschrift zu lesen wäre. Als ebenso bedeutend ist ihre Rolle in der auch in Polen männlich dominierten Domäne der Architektur einzuschätzen. Sie war die erste Frau, die nach dem Krieg einen Studienabschluss im polnischen Wrocław erhielt. 25 Jahre später, im Jahr 1975, wurde ihr mit dem Ehrenpreis des Verbands polnischer Architekten (Honorowa Nagroda SARP) der anerkannteste polnische Preis für Architektur überreicht, der üblicherweise für ein Lebenswerk vergeben wird. Diesmal wurde der Preis für ein einzelnes Ensemble am Platz Grunwaldzki und die extra dafür entwickelten gekurvten und vorgefertigten Platten vergeben. Mit günstigen massenproduzierten Elementen des Plattenbaus schuf die polnische Architektin so strukturelle Kompositionen, die Wohnungsbauten in ganz Polen beeinflussten.

 

Gesamte Klaviatur
Im Buch Patchwork, das anlässlich einer Ausstellung über das Werk Grabowska-Hawrylaks im Europäischen Kulturhauptstadtjahr Wrocław 2016  auch auf Englisch erschienen ist, berichtet Michał Duda detailliert über das Wirken und Leben der Architektin. Das Buch dokumentiert das Leben der Architektin und zugleich die Wiederaufbau-Geschichte der Stadt. Jadwiga Grabowska-Hawrylak wusste demnach in allen gestalterischen Aufgaben zu beeindrucken – von der Rekonstruktion zerstörter historischer Bürgerhäuser über Schulbauten bis hin zum Massenwohnungsbau. Dabei veränderte sich ihre Architektur mit den politischen Kontexten und den Anforderungen, die an sie herangetragen wurden. Besonders als Architektin der staatlichen Miastoprojekt, wurde sie, wie die polnische Bezeichnung des Unternehmens andeutet, im Städtebau tätig. Gegen Ende des realsozialistischen Polens wandte sich Grabowska-Hawrylak in den 1980er-Jahren einer vernakulären Architektur zu. Mit zahlreichen kleineren von ihr entworfenen Bauwerken oder Terrassenhäusern schloss sie Lücken in den Städten und schuf weiteren Wohnraum.

 

Der Traum von der zukünftigen Stadt
Neben einigen in Wrocław bekannten Bauten wie den sogenannten Mezonetowiec (1962), dem Forscher-Haus (Dom Naukowce, 1961) oder ihren Bauten in der Gemeinde Gajowice sind die sechs Türme des Wohn- und Geschäftskomplex am Platz Grundwaldzki (1976) mit angeschlossenen Freizeitgebäuden, in denen Geschäfte, Cafés und weitere Lokale beherbergt sind, als polnisches «Manhattan» zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Neben der Altstadt Breslaus sollte auf der anderen Seite der Oder mit dem Bau der Wohntürme ein neues Zentrum von Wrocław entstehen, das in eine bessere sozialistische Zukunft deuten sollte. Jadwiga Grabowska-Hawrylak setzte sich im Wettbewerb durch. In mehreren Formstudien entwickelte sie die heute bekannte Form und Fassade des Gebäudes und erfand vorgefertigte gekurvte Platten, die beim kostengünstigen Massenwohnungsbau eingesetzt werden konnten und dennoch in Gestaltung und Bauweise einzigartig waren. Eine geglückte Herausforderung, die mit dem Ziel, gute Wohnungsbedingungen für alle zu erreichen, besonders überzeugte. Neben einem Patent für die gekurvten Platten winkten der Architektin plötzlich in ganz Polen weitere Aufträge.

 

Plötzlich abgerissen
Vor allem unter dem Begriff «Socialist Modernism» stossen skulptural herausragende Bauwerke, wenn auch ästhetisiert und von ihrem ursprünglichen politischen Kontext entkleidet, in den letzten Jahren über Social Media auf breite Resonanz. Auch J. Grabowska-Hawrylaks «Manhattan» wurde immer mehr zu einer Ikone und einem beliebtem Foto-Motiv. Der unangekündigte Abriss von Teilen der Pavillons am östlichen Ende der Anlage durch die Immobilieneigentümer am 18. Januar dieses Jahres sorgte daher für Empörung – vor allem in der polnischen Architekturszene.
Viele Jahre vernachlässigt, waren die Wohntürme der Anlage erst im Jahr 2016 einer Generalsanierung unterzogen worden. Der als Esplanade bezeichnete Fussgängerweg und die zugehörigen Bauten waren zuvor, mit Verweis auf noch folgende Arbeiten, nicht renoviert worden. Der Weg schlängelt sich von Wohnturm zu Wohnturm und führt über die Dächer kleinerer Gebäude des Wohn-Komplexes, die Parkplätze und Geschäfte beherbergen und ebenso charakteristische Fassaden aufweisen. Anstatt eine Sanierung nachzuholen werden die nicht in Stand gesetzten Gebäude nun abgerissen. Die Abbrucharbeiten sollen vorerst bis Mitte Februar andauern – sie werden von Protesten begleitet. Der Stadtarchitekt von Wrocław behauptete, der Abriss sei nicht notwendig und eine Renovierung gut möglich gewesen. Die Genossenschaft Piast, die Eigentümerin der Anlage und verantwortlich für den Abbruch ist, stellt nun in Aussicht, die abgebrochenen Bauwerke bis Mitte 2022 wiederaufzubauen. Notwendig oder nicht: Der aus Sicht der Genossenschaft unvermeidbare Abriss beweist den lange Zeit nachlässigen Umgang mit Gebäuden der Nachkriegsmoderne, die noch heute Heimat von Millionen von Menschen sind.

 

Das Buch «Patchwork» von Michał Duda dokumentiert das umfassende Werk der polnischen Architektin Jadwiga Grabowska Hawrylak. Es ist eine gekürzte Version des parallel zur Ausstellung im Architekturmuseum Wroclaw erschienenen polnischen Buches.

 

> In Biel fand 2017 eine Tagung zur zukunftsfähigen Sanierung der Nachkriegsarchitektur statt.

> «Brutalismus ist wieder in». Das war der Tenor auf der Brutalismus-Konferenz im Jahr 2012. Mittlerweile hat er es auf die Coffee-Tables geschafft – doch Interesse gilt lediglich der Ästhetik.

> Die blinden Flecken der Architekturgeschichte sind gross – eine Initiative bemühte sich um den Erhalt des Pavillons von Berta Rahm in Gossau.

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