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(Um-)Gebaute Geschichte

Der Neubau des Berliner Schlosses und der Dresdner Altstadt – in seiner Dokumentation «Wohin mit der Geschichte?» greift Hans Christian Post die aktuell besonders in Deutschland grassierenden Tendenzen zur Rekonstruktion auf. Der Film beleuchtet den Diskurs um den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, den Wunsch nach identitätsstiftenden Denkmälern und wie diese von vergangenheitsorientierten und rechtsextremen Gruppen wie der Pegida funktionalisiert werden.

 

Text: Martin Kohlberger – 19. Januar 2021
Bilder: Hans Christian Post

 

In den letzten Monaten sorgten der Wiederaufbau des Berliner Schlosses, aber auch das darin angesiedelte Humboldt-Forum für berechtigte Kritik. Die Hauptfassaden des neuen Baukörpers sind detailgetreue Nachbildungen des ehemaligen Berliner Schlosses. Dieses wurde als sinnbildliches Symbol für das preussische Kaiserreich im Jahr 1950 von der DDR gesprengt. Der Wiederaufbau des Schlosses ist jedoch nichts prinzipiell Neues. Neben der Dresdner Altstadt, die den jüngsten Rekonstruktionsboom beflügelte, gibt es weitere Vorbilder für die Rekonstruktion ehemals zerstörter historischer Bauten. Dabei ging es in keinen der Fälle um einen originalgetreuen Wiederaufbau, sondern vielmehr um die Prägung eines neuen Geschichtsbildes in der Stadt, das auch visuell sichtbar werden soll.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte der Wiederaufbau von Warschau ein vielbeachtetes Zeichen, auch wenn dieser in einem historisch vollkommen anders zu bewertenden Kontext stattfand. Hier wurde der Grossteil der von den Nationalsozialisten zerstörten historischen Altstadt direkt nach dem Krieg in den Jahren 1949 bis 1955 wiedererrichtet. Der Aufbau erfolgte anhand von Fotos und Plänen, die von dem Altstadt-Ensemble erhalten geblieben waren. In diesem neuen alten Teil der Stadt versteckt sich etwa der Abgang zur U-Bahn in einem Hauseingang. Ebenso verläuft unter der stare miasto von Warschau ein historisch anmutender Tunnel, durch den eine grosse Autostrasse führt. Erst beim zweiten Hinsehen sticht ins Auge, dass es sich hier nicht um einen wirklichen historischen Teil der Stadt handelt.
Die Dokumentation «Wohin mit der Geschichte?» von Hans Christian Post nimmt nun den Geschichtsrevisionismus, der sich in Architektur und Städtebau manifestiert, am Beispiel Dresdens erneut in den Fokus. Besonders brisant ist in der sächsischen Hauptstadt ist die Funktionalisierung und Ideologisierung der historischen Bausubstanz seitens politisch weit rechts stehender Gruppen wie Pegida oder AfD.

 

All that is solid melts into air
Die Dokumentation macht klar: Geschichtsschreibung ist nie objektiv. Wie wir die Geschichte wahrnehmen ist damit verknüpft, welches Bild der Geschichte weitergegeben wird. Besonders die gebaute Umwelt verfestigt und prägt dabei das Bild unserer Vergangenheit. Umso wichtiger ist es, Geschichtsschreibung – dazu zählt auch der Umgang mit einem historischen Stadtbild – als das mächtige Werkzeug wahrzunehmen, das es ist. In der dokumentarischen Aufarbeitung berichten etwa Zeug*innen davon, dass neben einem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche der Wiederaufbau der von den Nazis zerstörten Synagoge von Gottfried Semper nie zur Debatte stand. Mit dem Neubau der Dresdner Synagoge (Wandel, Hoefer, Lorch + Hirsch, 2001) wurde allerdings eine Lösung gefunden, die Zerstörung durch die Nationalsozialisten lesbar zu machen – unverbesserliche Traditionalisten sprachen angesichts der Formensprache von «entarteter Architektur».  Glücklicherweise ging die Einweihung der Neuen Synagoge 2001 dem Abschluss des Wiederaufbaus der Frauenkirche im Jahr 2005 voraus.
Durch Geschichtsbilder geschaffene Mythen befeuern und verfestigen Stereotype. Der selektive Wiederaufbau ist dabei eine Projektionsfläche Bildern aus vergangenen Zeiten.

 

Umdeutung – Neudeutung
Die symbolische Aufladung zieht sich wie ein roter Faden durch die städtebauliche Geschichte Dresdens. Im Zweiten Weltkrieg nutzten die Nationalsozialisten die Zerstörung der Stadt am 13. Februar 1945 als Propagandanarrativ. Die Zahl der Toten und das Ausmass der Bombardierung wurden in Berichten teils um das Zehnfache überhöht. Mit aktuell in Sachsen anhaltenden Debatten und fortwährenden Forderungen nach einem Denkmal, das vor allem an die in den Luftangriffen des Februar 1945 gestorbenen Personen und die deutschen Soldaten erinnern soll, wird dieser Opfermythos fortgeschrieben. In der DDR versuchte man hingegen mit dem Kulturpalast, dem heutigen Hotel Pullmann (früher Interhotel Newa) und dem Neubaugebiet Prager Strasse sowie weiteren Bauten das Bild einer modernen sozialistischen Stadt zu schaffen. Der Neumarkt wurde leergeräumt und blieb lange Zeit unangetastet. Lediglich die Trümmer und Relikte der Frauenkirche wurden als Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung an ihrem Standort belassen.  Die Tabula rasa kam für die Neuinitiierung eines kollektiven Geschichtsbilds des jungen Staats abseits barocker Fassaden möglicherweise wie gerufen. Erst in den letzten Jahren der DDR wurde begonnen, den Neumarkt mit einer postmodern inspirierten, auf die historische Massstäblichkeit abgestimmten Architektur neu zu bebauen.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Dresdner Frauenkirche am Neumarkt am historischen Ort und unter Einbeziehung der historischen Fragmente wiedererrichtet. Dies befeuerte weitere, deutlich weniger präzise Rekonstruktionen im Bereich des umliegenden Neumarkts. Der Mythos des historischen und barocken Dresdens manifestiert sich verstärkt im Stadtbild.

 

Geschichte als Kapitalanlage

Obwohl Stadt und Politik den Weg bereiteten und Grundstücke zur Verfügung stellten, sind es hauptsächlich private Bauherren, die die Replikate und Neubauten mit historisierender Fassade realisieren. Die Illusion der historischen Authentizität wird kapitalisiert und kommt vor allem der Gewinnabschöpfung der Investoren zugute. Mit der Verdammung der Ostmoderne folgt ein neues Geschichtsbild, das in einer kapitalistischen Stadt wie Dresden, aber auch Berlin und anderen Städten in Deutschland nach der Wende als Narrativ seinen Stempel aufdrücken und andere Deutungen verdrängen soll. Dass dies beim Berliner Schloss nun als Staatsprojekt getarnt wird, ist umso erschreckender.Die filmische Dokumentation von Hans Christian Post thematisiert dieses, in dem sich verschiedene Meinungen, Aussagen und Bekundungen von Expert*innen, Betroffenen und politischen Akteuren verschränken. Obwohl die Vielzahl der Überblendungen das Auge irritiert, geben sie didaktisch die Idee des Filmemachers wieder und symbolisieren, wie verschiedene Geschichtsbilder auf die gebaute Stadt und ihre politischen Epochen gelegt werden.

 

Die Dokumentation von Hans Christian Post mit einer Länge von 63 Minuten erschien im Jahr 2020 auf der Seite der deutschen Bundeszentrale für Politische Bildung

 

> In archithese 5.2009 Rekonstruktion & Adaption berichtete Sønke Gau über Geschichtsvergessenheit und Geschichtsveressenheit.

> Im Jahr 1993 widmete archithese der Stadt Dresden und der Ideologie des Städtebaus mit dem Heft archithese 3.1993 Z.B. Dresden eine ganze Ausgabe.

> Im Jahr 2019 belichtete Elias Baumgarten den Umbau und die Modernisierung des Kulturpalasts in Dresden.

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