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Tangible Utopias

Spiel oder Haltung?

 

 

Das Institut für experimentelle Architektur (./studio 3) der Universität Innsbruck hat mit Tangible Utopias («Konkrete Utopien») eine fast 600 Seiten starke Zusammenschau von Studentenarbeiten aus Entwurfsstudios, Seminaren und Exkursionen der vergangenen fünfzehn Jahren veröffentlicht. Schon ein Blick auf die Pläne, Visualisierungen und Fotos genügt, um festzustellen, dass die Arbeiten, unter denen auch zahlreiche hands-on-Projekte und Performances sind, in einer langen Traditionslinie der österreichischen Avantgarde der 1960er- und 1970er-Jahre stehen.

Nach der Lektüre von Tangible Utopias und einem Gespräch mit Assistierenden des Instituts, wirft die folgende Rezension ein Schlaglicht auf einen der Stränge, die in den Projekten weitergesponnen werden: Lebbeus Woods’ Architektur-Visionen. Wer diesem Diskursstrang weiter nachgehen möchte, dem empfehlen wir archithese 4.2016 Science-Fiction. Hier werden in einem Aufsatz unter anderem die Arbeiten von Constant, Woods und ./studio3 in Beziehung gesetzt.

 

Text & Fotos: Elias Baumgarten – 19.9.2016

Visualisierungen, Pläne und Fotos kombiniert mit kurzen Begleittexten – das dicke rote Buch spannt eine opulente Bildwelt auf und ist vor allem ein Augenschmaus: Das Repertoire reicht vom Studio «Ghostbusters» (2012-2013), bei dem oft helmartige, körpergrosse «Architektur-Emitter» von Erstsemestrigen entworfen, gebaut und getragen wurden bis etwa zu «Architektur die brennt» (2010), wo zehn «wesenhafte» Kleinarchitekturen aus Holzlatten entworfen und tatsächlich gebaut wurden, wobei Arbeiten wie Lino Lanzmaiers «Stadtelefant» an das Frühwerk Coop Himmelb(l)aus erinnern. Besonders bemerkenswert sind ausserdem Studios wie «Godzilla Gardening» (2011), in dem anpassungsfähige, bald wachsende, bald schrumpfende Architekturen erdacht wurden, die über bestehende Stadtviertel wuchern. Hier erinnern die Aufgabenstellung einerseits und die Visualisierungen und Modelle der Studierenden andererseits frappant an Lebbeus Woods’ Zeichnungen, die in seinem Buch Radical Reconstruction zu finden sind. Ähnliche Assoziationen wecken beispielsweise die Gestaltungen aus «Welttheater – Angst Obsession Beauty», wo es galt, einen Denk- und Erfahrungsraum zu entwickeln – etwa die Arbeit von Thomas Niederberger, die sich verwegen ins bestehende Quartier einfügt und dessen Formenwelt kraftvoll aufbricht, um einen kreativen Freiraum freizuspielen.

 

Lebbeus Woods als Vorbild
Schon der erste Blick ins Buch verrät also nicht nur eine Verwandtschaft der Studentenarbeiten mit Österreichs Avantgarde der 1960er- und 1970er-Jahre, etwa Günther Domenig oder Coop Himmelb(l)au, sondern legt auch eine Verbindung zu Lebbeus Woods und seinen gezeichneten Architekturvisionen glauben.

Auf Nachfrage bestätigen die Assistierenden Walter Prenner und Verena Rauch, der Visionär aus Amerika sei – neben vielen anderen Künstlern und Architekten wie Archigram um Peter Cook oder Future Systems – eine wichtige Bezugs- und Inspirationsquelle für die Arbeit am Institut. Dabei gelte das Interesse nicht allein Woods faszinierenden Formenwelten, sondern vor allem seiner Haltung und der soziokulturellen Agenda, welche hinter den atemberaubenden Zeichnungen verborgen liegt: Woods schrieb 1997 im Aufsatz «Walls» als Einleitung zum Buch Radical Reconstruction, er wolle eine Aufhebung der althergebrachten Trennung zwischen Kunst und Alltag erreichen, einen kreativen «Freespace» aufspannen, Hierarchien und Autoritäten eine Absage erteilen. Dies sei aber nur mit radikalen Formen zu machen, da alle bisherige Architektur – insbesondere jene der klassischen Moderne – zu hierarchisch sei und bei einem strikten Ursache-Wirkungs-Denken verharre. Dabei fällt auf, das seine soziokulturelle Zielsetzung jener Constant Nieuwenhuys’, dem Gestalter der situationistischen Architekturvision New Babylon, ähnelt, dessen soziale Visionen laut Prenner in Innsbruck ebenfalls geschätzt werden. Doch Woods entwickelte wesentlich radikalere Formenwelten und schrieb im Aufsatz «Constant Vision» 2009 über den Niederländer: «Constant and New Babylon can still inspire us – in spirit, if not in form». An selber Stelle betonte er jedoch, Constants Gestaltungen seien zu sehr «Kinder der Moderne» geblieben.

Die Tiroler Dozenten haben den Anspruch, dass die Projekte im Buch nicht nur attraktiv sind und das Potenzial nonkonformer Projekte zeigen, sondern eine soziokulturelle Zielsetzung implementieren: Verena Rauch sagte im Gespräch mit der Redaktion, gerade heute sei wichtig, dass junge Studierende eine Haltung hätten. Und Walter Prenner fügte an, es handle sich bei den Projekten gewissermassen um «Seins Fiction».

Mehr zur Wirkung der Arbeiten und Theorien von Constant und Woods auf die Architektur bis heute, lesen Sie in archithese 4.2016 zum Thema Science-Fiction, die am 1. Dezember erscheint.

 

Hands-on und konkrete Utopien
In Tangible Utopias werden auch zahlreiche hands-on-Projekte und Performances beschrieben: Die Olivantslivlei Preschool, ein Kindergarten in Johannesburg zum Beispiel, welche im Wintersemester 2005 / 2006 innert sechs Wochen von Studierenden gebaut wurde. Oder auch die frei bespielbare Architekturinstallation «./birdie», deren Bau von einer «performativen musikalischen Standwanderung» durch Innsbruck begleitet wurde, sowie die Kunst- und Architekturschule «Bilding» die 2015 im Raplodipark der Tiroler Landeshauptstadt entstand. «./birdie» ist eine begehbare Architekturinstallation aus Holz, Metall und Stoff, die 2013 zum Heart Noise Festival gestaltet wurde, leuchten und klingen kann und Sub- und Hochkultur zusammenführen soll. «Bilding» dagegen wurde von 27 Studierenden in einem Wettbewerbsverfahren entworfen und das beste Projekt schliesslich gemeinsam verwirklicht. Auch wenn für solche ad-hoc Umsetzungen gewisse Konzessionen gemacht werden müssen, sollen die praktischen Arbeiten im Studium doch verhindern, dass die Entwürfe bei Zeichnungen, Visualisierungen und Modellen stehen bleiben: Als «konkrete Utopien» zielen sie am Ende darauf ab – so betonten Prenner und Rauch im Interview – gebaut zu werden. Und man möchte ergänzen: … nicht wie in Woods’ Fall gezeichnete Visionen bleiben.

An Schweizer Architekturschulen gehört hands-on ebenfalls zum festen Repertoires an Unterrichtsmethode, sei es um den Bauprozess zu ergründen, durch die Arbeit im Massstab 1:1 neue Gestaltungslösungen und Konstruktionen zu entdecken oder einen Wissenstransfer aus dem Handwerk zu stimulieren. Mehr dazu erfahren Sie in der aktuellen archithese-Ausgabe Bildungslandschaften: Dort finden Sie Jørg Himmelreichs Essay «Ideenwelten und Materie (wieder) zusammenführen» zum Thema.

 

Das Buch kann in der Wiederin Buchhandlung (Erlenstrasse 6 in Innsbruck) und der Buchhandlung Walther König (Museumsplatz in Wien) erworben werden. Alternativ sind Bestellungen per E-Mail an studio3@uibk.ac.at möglich.

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