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Eine literarische Fiktion schreibt Architekturgeschichte

Es mag verwegen klingen, den Ursprung der modernen Architektur ausgerechnet in den handlungsarmen Erzählungen des oberösterreichischen Biedermeier-Dichters Adalbert Stifter (1805–1868) zu verorten. Aber genau das versucht das Buch über das fiktive Rosenhaus aus Stifters Roman Der Nachsommer von 1857. Weite Teile des Romans sind in der Folge der Beschreibung des Hauses, das durch seinen überreichen Blumenschmuck zumeist als Rosenhaus bezeichnet wird, gewidmet. Diese Schilderungen veranlassten in den vergangenen 150 Jahren die verschiedensten Architekten dazu, mögliche Rekonstruktionen des Hauses zu entwerfen und zu der von Stifter vermittelten Idealarchitektur Stellung zu beziehen. Stifters Rosenhaus verfolgt diese Rezeption innerhalb der modernen Architekturgeschichte von ihren Anfängen im Umfeld der Wiener Secession, über ihre Blütezeit in der Generation der Werkbund-Väter und im Milieu der Stuttgarter Schule, bis zu ihrem Nachleben im deutschen Architekturdiskurs der Spätmoderne. Stifters Roman wird damit als eine der wirkmächtigsten Architekturerzählungen der Moderne wiederentdeckt.

 

Text: Uwe Bresan – 13.6.2017

 

Wir schreiben das Jahr 1857 und in Paris, der viel beschworenen «Hauptstadt des 19. Jahrhunderts», bricht sich die literarische Moderne in Form zweier von Skandalen und Prozessen begleiteter Werke Bahn. Zum einen ermittelt die Polizei gegen den Schriftsteller Gustav Flaubert und dessen Roman Madame Bovary. Zum anderen steht der Dichter Charles Baudelaire wegen seiner Gedichtsammlung Die Blumen des Bösen vor Gericht. In beiden Fällen lautet die Anklage auf «Gefährdung der öffentlichen Moral und der guten Sitten». Zur gleichen Zeit sitzt – keine 1 000 Kilometer entfernt und doch wie auf einem anderen Planeten gelegen – im beschaulichen Donaustädtchen Linz Adalbert Stifter, einst gefeierter Dichter kurzer Novellen und mittlerweile Oberschulrat von Oberösterreich, an den letzten Korrekturen zu seinem Opus Magnum. Auch Der Nachsommer wird – wie Flauberts lasterhafte Madame Bovary und Baudelaires diabolische Blumen des Bösen – ein Buch das in die Literaturgeschichte eingehen wird: Es wird das «langweiligste Buch der Weltliteratur».

 

Drama ohne Konflikt, Epos ohne Kampf
Stifters Roman ist ein Epos ohne Kampf, ein Drama ohne Konflikt, eine Erzählung ohne jeden Höhepunkt. Und so besticht die Geschichte allein durch das Ausbleiben jeglicher Ereignishaftigkeit: In nie dagewesener Langatmigkeit schildert der Dichter den Lebensweg des jungen Wanderers Heinrich Drendorf, der eines Tages von einem aufziehenden (und dann doch ausbleibenden) Gewitter überrascht wird und deshalb Ausschau nach einer Unterkunft hält: «Auch war ein Haus auf einem Hügel, das weder Bauernhaus noch irgend ein Wirtschaftsgebäude eines Bürgers zu sein schien, sondern eher dem Landhause eines Städters glich. […] Da ich näher vor dasselbe trat, hatte ich einen bewunderungswürdigen Anblick. Das Haus war über und über mit Rosen bedeckt.» Damit ist das so genannte Rosenhaus in die Literaturgeschichte eingeführt und unser Wanderer verbringt, nachdem er um Asyl gebeten hat, mehrere Tage in der Gesellschaft des Hausherrn und seiner Familie. Beim Abschied ergeht an Heinrich die Einladung, das Haus und seine Bewohner auch in Zukunft regelmässig zu besuchen. Was danach auf knapp 1 000 eng bedruckten Seiten an äusserer Handlung folgt, ist des Nacherzählens kaum wert. Wir können es mit der einfachen Feststellung belassen, dass Heinrich am Ende die Tochter seines Gastgebers heiraten wird und ihm damit ein Leben in «Einfachheit, Halt und Bedeutung» auf Ewig gesichert ist.

 

Die Krone von Polen
In Österreich verehrt man Dichter dafür heute als Nationalheiligen, vor gut 150 Jahren jedoch bedeutete Der Nachsommer das Ende einer einst hoffnungsvoll gestarteten Karriere. Die Kritiker waren gnadenlos. «Drei starke Bände!», schrieb Friedrich Hebbel bei Erscheinen: «Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, dass er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.» Den Dichter traf das Urteil seiner Zeitgenossen hart. An seinen Verleger schreibt er jedoch: «Ich weiss es zuverlässig: Ihr Sohn wird die Früchte dieses Buches ernten, es hat eine Zukunft, weil es für das gegenwärtige Geschlecht zu tief ist, und erst reifen muss, es hat gewisser eine Zukunft als alles, was ich früher geschrieben habe.» Auch wenn Stifter damit recht behalten sollte, so bildete der Misserfolg seines ersten grossen Romans doch den Anfang eines langsamen, fast zehn Jahre währenden Sterbens. Am Ende trennt sich der von Alkoholexzessen und schweren Depressionen aufgezehrte Stifter selbst mit einem Schnitt durch die Kehle von dieser Welt. Ehrenretter, die dem Dichter seinen Selbstmord nicht gönnen wollten, sprachen später gar von einem Unfall beim Rasieren – Mitternachts, im Bett liegend! Die Todesurkunde hingegen vermerkte lapidar: «Zehrfieber infolge chronischer Atrophie» – Leberzirrhose. Einen Selbstmörder hätte man damals noch neben dem Friedhof beerdigen müssen.

 

Ein Hohelied des Hauses
Was die Literaturkritik lange übersah: Stifter hatte keinen Roman im herkömmlichen Sinne geschrieben, sondern ein Lehrbuch – ein «Lehrbuch des schönen Lebens»! Wir würden so etwas heute wohl einen Styleguide nennen: «Wer sich darüber unterrichten will, wie man seine Privatwohnung, seine Bibliotheken, seine Gärten, seine Werkstätten und so weiter ebenso geschmackvoll als zweckmässig ausstatten kann, findet in diesem Roman die reichhaltigsten Notizen.» Das war, als es 1858 geschrieben wurde, ein beissender Verriss. Heute können wir darin die vielleicht weitsichtigste Erklärung für den seit mehr als 100 Jahren anhaltenden Erfolg von Stifters Nachsommer erkennen. Denn der Dichter nutzte den vollkommenen Verzicht auf Handlung für die wohl ausführlichste, weitschweifigste und umfassendste Innenarchitekturbeschreibung der modernen Literaturgeschichte. Kein Raum des Rosenhauses wird ausgelassen. Jedes noch so winzige Zimmerchen ist eingehend und umständlich beschrieben – angefangen bei den verschiedenen Maserungen der Holzdielen, über alle nur erdenklichen Details der feinziselierten Möbelstücke bis hin zu den unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Räume bei sich ändernden Wetterlagen. Ein «Hohelied des Hauses» nannte man den Roman deshalb später.

 

Heilsame Langeweile
Das 19. Jahrhundert, eine Epoche revolutionärer technischer und wirtschaftlicher – und damit letztlich auch gesellschaftlicher – Entwicklungen, konnte an Stifters langatmigen Darstellungen jedoch keinen Geschmack finden. «Einen Menschen des 19. Jahrhunderts, für den Zeit Geld ist», würde der Roman, so ein Kritiker, «allmählich zur Verzweiflung bringen.» Und so dauerte es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, ehe ein «Geschlecht reif» war für die Wiederentdeckung des Nachsommers. Im Zuge der Lebensreform setzte sich das Bürgertum nun mit den zunehmend als bedrohlich empfundenen Folgen des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts auseinander. Immer deutlicher zeigten sich dessen unkontrollierbare Folgen für Mensch und Natur. Die Erfahrung gestörter Kontinuitäten, ein nie da gewesener Bruch mit den Traditionen, prägte das Lebensgefühl um 1900. Im vermeintlichen Chaos einer immer komplexer werdenden Welt bildete Stifters Nachsommer nun plötzlich eine Art Fluchtpunkt in eine andere, scheinbar geordnete Realität. Und die Längen des Romans? Sie verwandelten sich in eine «heilsame Langeweile». Entschleunigung lautete das Motto, damals – wie heute!

 

Das Biedermeier als Erzieher
Die führenden Architekten der Jahrhundertwende – in Österreich waren es die Mitglieder der Wiener Secession, in Deutschland die Gründerväter des Werkbundes – wiederum entdeckten nun in Stifters häuslicher Idylle den künstlerischen Höhepunkt einer letzten, von einem einheitlichen Stilwillen getragenen Bauepoche, an deren Ende man nun wieder anzuknüpfen habe. So ging der Schlachtruf «Das Biedermeier als Erzieher!» hinaus in die Welt. Ihm folgten Architekten wie Peter Behrens, Josef Hoffmann, Adolf Loos, Bruno Paul oder Heinrich Tessenow. Das unscheinbare, in die umgebende Landschaft eingebettete Rosenhaus, in dem sich schlichte Zweckmässigkeit in der Anordnung mit edler Materialbehandlung im Detail verband und dessen architektonische Wahrhaftigkeit sich letztlich auch auf das Dasein seiner idealen Bewohner zu übertragen schien, Kunst und Leben also zu einer Einheit verschmelzten, entwickelte sich zur Blaupause der so genannten Neuen Sachlichkeit. Sie löste den Stil- und Fassadenkarneval des Historismus ab. Das Rosenhaus geriet dabei zur beherrschenden Idealarchitektur der beginnenden Moderne. «Über Gestaltungsfragen reden die Figuren dieses Romans wie die Reformer der Werkbundbewegung», sagt heute der Architekturhistoriker Wolfgang Voigt. Und meint damit auch die Generation von Ludwig Mies van der Rohe, dessen legendäre Villa Tugendhat in Brno in Stifters Rosenhaus «präfiguriert» war, und Le Corbusier, der 1922 in Vers une Architecture über «Häuser wie Nachsommergedichte» fabulierte. Der Münchner Architekt Theodor Fischer wiederum, der als «Lehrer der Avantgarde» in die moderne Architekturgeschichte einging (zu seinen Schülern gehörten unter anderem Bruno Taut, Hugo Häring, Ernst May und Erich Mendelsohn), fertigte nicht nur eigene Skizzen des Rosenhauses an, sondern liess auch seine Studenten regelmässig Entwürfe nach den Beschreibungen des Romans herstellen – eine Praxis, die in den 1920er- und 1930er-Jahren an vielen Architekturhochschulen üblich war und in Einzelfällen noch heute praktiziert wird.

 

Ein Körnlein Gutes
Auch in Stuttgart galt unter der Ägide von Paul Schmitthenner das Nachentwerfen des Rosenhauses als beliebte Aufgabe für die Studenten. Schmitthenner, der zusammen mit seinem Lehrerkollegen Paul Bonatz zu den Begründern der legendären Stuttgarter Schule gehörte, darf dabei als derjenige Architekt des 20. Jahrhunderts betrachtet werden, dessen Werk am entschiedendsten von der Lektüre Stifters beeinflusst war. Er «lebte und wirkte», so einer seiner Schüler, geradezu in der Welt des Nachsommers. Zu seiner eigenen Haltung schrieb Schmitthenner 1941: «Unsterbliche Baumeister gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes. Allein, wenn auch nicht jedes Bauwerk hohe Baukunst sein kann, so kann es doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Ein Körnlein Gutes zu dem Baue des Dauernden beizutragen, das war die Absicht bei meinem Bauen.» Einhundert Jahre vorher setzte Stifter an den Beginn seiner Erzählung Bunte Steine die folgende Worte: «Dichter gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes. Allein wenn auch nicht jede gesprochenen Worte Dichtung sein können, so könnten sie doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Ein Körnlein Gutes zu dem Baue des Ewigen beizutragen, das war die Absicht bei meinen Schriften.» Bei Schmitthenner werden Menschen zu Häusern, Schriften zu Bauwerken, Dichtung zur hohen Baukunst und das Ewige wird ins Dauernde verwandelt, ansonsten nutzte der Architekt die Worte des Dichters unverändert zur Formulierung seiner eigenen Architekturtheorie – ein für die Geschichte der Architektur einzigartiger Vorgang!

 

Bitterböse Verrisse und überschwänglicher Applaus
Als «verstaubt» und «sehr, sehr langweilig» beschrieb der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki noch vor seinem Tod das Werk Stifters. Die Zeit hingegen zählte den Nachsommer vor einigen Jahren zu den «grossartigsten Romanen, die je geschrieben wurden.» Thomas Bernhard wiederum glaubte, «auf einer x-beliebigen Seite Stifter so viel Kitsch» zu finden, «dass mehrere Generationen von poesiedurstigen Nonnen und Krankenschwestern damit befriedigt werden könnten.» Während für Friedrich Nietzsche der Nachsommer zu den wenigen Werken der deutschen Literatur gehörte, die es verdienten, «wieder und wieder gelesen zu werden.» Er nannte den Roman: «Im Grunde das einzige Buch nach Goethe, das für mich Zauber hat.» – Bitterböse Verrisse und überschwänglicher Applaus: Bis heute spaltet der Roman seine Leserschaft. Nur die Architekten waren sich in den vergangenen einhundert Jahren immer einig: Egal, ob Theodor Fischer zu Beginn des letzten Jahrhunderts oder Hans Kollhoff heute, Stifters Nachsommer war und ist ihr Lieblingsbuch.

 

Das Buch Stifters Rosenhaus. Eine literarische Fiktion schreibt Architekturgeschichte von Uwe Bresnan ist in der Verlagsanstalt Alexander Koch erschienen.

 

> In archithese 4.2016 Science-Fiction plädiert Axel Sowa für mehr Fiktion in der Wissenschaft.

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