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Stadt gibt es nicht!

Der Titel des von Andri Gerber und Stefan Kurath herausgegebenen roten Buches tönt radikal. Dahinter verbirgt sich eine lesenswerte Sammlung kurzer Aufsätze, die sich mit der aktuellen «Dauerkrise» des Städtebaus auseinandersetzen und den Anspruch haben, Denkanstösse und Lösungsansätze zu deren Überwindung zu liefern.

 

Text & Bild: Elias Baumgarten – 25.4.2016

Die Einführung von Andri Gerber und Stefan Kurath ist eine kritische Inventur des Städtebaus und identifiziert eine Krise: Architekten seien heute darauf zurückgeworfen, vordefinierte Baukörper auszugestalten oder gar nur noch Fassaden aufzuhübschen. Die Herausgeber beklagen ein Ausblenden von Komplexität, von gesellschaftlichen Dynamiken und das Schwelgen in den Idealbildern und Stadtmodellen der Vergangenheit. Und sie fordern die Inexistenz von Stadt als reproduzierbares Ideal anzuerkennen und zu akzeptieren, weil diese vielmehr ein Ergebnis langwieriger und stetig fortlaufender Verhandlungsprozesse sei. Damit graben die Herausgeber und Autoren weniger radikal neue Ideen und Theorien aus, als vielmehr bestehende Konzepte etwa von Martina Löw oder Lucius Burkhardt konseuqent weiterzuspinnen und damit jetzige architektonische und städtebauliche Praxis grundlegenden zu hinterfragen.
Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte, in denen die Themen «Städtebauer als Beruf», «Städte bauen als Praxis» sowie «Raum, Politik und Gesellschaft» anhand von vier bis fünf Essays diskutiert werden. Folgend werden drei dieser Texte kurz besprochen.

 

Was können wir planen? Und was dürfen wir planen?
In «Die Anmassung des Entwerfens» setzt sich Christian Salewski mit den Auswirkungen der neoliberalen Wende auf Städtebau und Raumentwicklung auseinander und analysiert dazu den Artikel Non-Plan der Autoren Reyner Banham, Paul Barker, Peter Hall und Cedric Price von 1969. Von deren radikaler wie provokativer Frage nach einem Städtebau ohne Städtebau führt er den Leser zum seit den 1990er-Jahren bekannten Entwerfen von Szenarios. Man lernt, dass diese Methode in unserer immer komplexer werdenden Welt (in der persönliche Entfaltung und Konsum die Raumentwicklung weitgehend bestimmen) ein unverzichtbares Werkzeug sei. Was dem Aufsatz jedoch fehlt, ist der Hinweis, dass das Entwerfen von Szenarios schon bald durch die Simulation überholt sein könnte, wie MVRDVs Gedankenexperiment SpaceFighter bereits 2007 aufgezeigt hat (MVRDV/DSD, SpaceFighter. The Evolutionary City Game. Rotterdam 2007.). Darin wurden urbane Entwicklung und deren komplexe Verhandlungsprozesse in Form von miteinander verknüpften Computerspielen simuliert.

 

Regeln entwerfen
Alex Lehnerer diskutiert in seinem Aufsatz «Regelmässig» den Entwurf von Regeln als planerische Massnahme. Seiner Meinung nach sind Regeln – wohlgemerkt nicht verstanden als Verbot – ein geeignetes Werkzeug, auf Stadtentwicklung Einfluss zu nehmen und Veränderungen hervorzurufen. Er schliesst seinen lesenswerten Essay, in dem er die Wirkung solcher gezielt gesetzter Vorgaben anhand von Los Angeles (Bebauung der Santa Monica Mountains) und London (View Management) vorführt, mit dem Appell, den Entwurf von Regel nicht den Stadtbauämtern zu überlassen. Im Unterschied zu Arno Brandlhuber und dessen Film Legislating Architecture, fordert er damit nicht auf Schlupflöcher ausfindig zu machen und zu nutzen, sondern selbst die Gesetze zu schreiben.

 

Realismus hinzufügen
Stefan Kurath setzt in seinem Aufsatz schliesslich auseinander, was mit der provokativ zugespitzten Formel «Stadt gibt es nicht» gemeint ist. Sein Text kreist um die bei der Deutschen Soziologin Martina Löw entlehnten Feststellung, Raum entstehe zwar einerseits durch Handeln, andererseits aber werde Handeln durch räumliche Strukturen beeinflusst. Demnach sei Raum Gesellschaft und umgekehrt. Aus dieser Erkenntnis entwickelt Kurath den Appell, Architekten müssten ihrem Verständnis von Stadtentwicklung Realismus hinzufügen und begreifen, dass diese das Ergebnis komplexer Verhandlungsprozesse sei. Daraus leitet er zehn Regeln ab, die sich wie Handlungsanweisungen lesen. Die wichtigste davon lautet: Städtebau ist ein fortwährendes Arbeit an Stadt, ein «Experiment im gesellschaftlichen Labor».

 

 

Die Vernissage des Buches findet am Donnerstag, dem 28. April um 19.00 Uhr im Architekturforum Zürich statt (Brauerstrasse 16). Mit von der Partie sind unter anderem die Autoren Regula Iseli und Andri Gerber. Beide werden unter Moderation von Stefan Kurath mit Maresa Schumacher, Detlef Schulz und Caspar Schärer diskutieren.

 

Andri Gerber / Stefan Kurath [Hrsg.], Stadt gibt es nicht! Unbestimmtheit als Programm in Architektur und Städtebau, Berlin 2016.

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