Sinnlose Zerstörung
In Bahrain werden zwei Bauten von Christian Kerez abgerissen
Text: Hubertus Adam, 19. März 2026
Im Herbst 2022 reisten Nele Rickmann und ich nach Bahrain, um ein Länderheft über den Inselstaat im Arabischen Golf vorzubereiten. Für uns war der Aufenthalt eine grossartige, eine unvergessliche Erfahrung – ein tiefes Eintauchen in die Welt des Nahen Ostens. Wir streiften immer wieder durch die Innenstadt von al-Muharraq und erkundeten das Land in ausgiebigen Touren mit dem Mietwagen. Mit Caio Barboza, Projektleiter für die vier von Christian Kerez entworfenen Parkgaragen, besuchten wir deren Baustellen und stiegen auf benachbarte Dachterrassen, um den Fortschritt der Arbeiten von oben aus zu betrachten. Das niedrigste Parking C war schon fertiggestellt, die anderen befanden sich noch im Bau. Caio zeigte uns das auf einer Brache nahe der Shaikh Abdullah Avenue installierte Testgelände, auf dem die richtigen Betonmischungen für die komplex verflochtenen Ebenen der Parkings experimentell erprobt wurden. Im Februar 2023 kehrten wir zurück, um im nach al-Muharraq transferierten Bahrain Pavilion der Mailänder Weltausstellung von 2015 die archithese-Ausgabe vorzustellen, auf Einladung der Bahrain Authority for Culture and Antiquities. Diese hatte unser Heft grosszügig unterstützt und auch die integrale Übersetzung ins Arabische ermöglicht. Wir besuchten die Baustellen der Parkgaragen erneut, deren Fertigstellung erst später im Jahr erfolgte.
Umso schockierender ist die zunächst hierzulande durch Hochparterre verbreitete Nachricht, dass Parkgarage C abgerissen worden ist und das gleiche Schicksal Parkgarage A unmittelbar bevorsteht. Die Parkgaragen entstanden in Zusammenhang mit dem Konzept des Pearling Path, um die enge, von parkierten Autos zugestellte Innenstadt zu befreien. Ihre komplexe Geometrie und ihre formal avancierte Gestalt erklärt sich aufgrund der Tatsache, dass sie zukünftig – nach dem Ende der automobilen Ära – in überdachte öffentliche Räume, Markthallen oder Veranstaltungsräume umnutzbar sein sollten. Stefan Günther versteht in Hochparterre Infrastrukturen allein als Effizienzmaschinen, was angesichts der hochwertigen Tradition des Ingenieurbaus in Schweiz ohnehin schon irritiert. Hier aber ging es gerade darum, Infrastrukturen in offene, herausragend gestaltete Möglichkeitsräume für die Zukunft zu verwandeln.
Der Abriss der zwei Parkings hat nichts mit funktionalen Mängeln zu tun. Während der Muharraq Night Festivals waren die Garagen voll besetzt – und von Unfällen ist nichts bekannt. Ausschlaggebend waren vielmehr politische Gründe. Das kommt recht deutlich in einem Beitrag der in Bahrain erscheinenden Tageszeitung Al-Watan zum Ausdruck, der am 28. Februar erschien:
«Vor dem Hintergrund der Überwachung von Abrissarbeiten an den Parkplätzen des Pearling Path in der Stadt Muharraq erklärte der Vorsitzende des Stadtrats von Muharraq, Abdulaziz Al-Naar, dass die Abrissarbeiten Teil des von Seiner Majestät König Hamad bin Isa Al Khalifa, dem König von Bahrain, angeordneten Muharraq-Entwicklungsprojekts seien.
In einer Stellungnahme gegenüber Al-Watan bestätigte Al-Naar, dass das Gelände, auf dem die Parkplätze errichtet wurden, als Eingang zum Palast von Shaikh Isa bin Ali dient. Er merkte an, dass die Parkplätze im Rahmen des neuen Masterplans für das Gebiet vollständig entfernt würden.
Er stellte klar, dass der Abrissvorgang Teil des von Seiner Majestät dem König angeordneten Muharraq-Entwicklungsprojekts sei und betonte, dass die Massnahmen Teil einer umfassenderen Entwicklungsvision für die historische Stadt Muharraq und die Neugestaltung des Palastgeländes seien.
Al-Nuaimi wies zudem darauf hin, dass die Entscheidung zur Entfernung der Parkplätze nicht vom Stadtrat oder einer anderen Stelle getroffen wurde. Das Ministerium habe es nicht getan, sondern es werde vielmehr im Einklang mit den Anforderungen des Entwicklungsprojekts umgesetzt. Er fügte hinzu, dass dieser Schritt darauf abziele, einen geeigneten Eingang zum Palast von Scheich Isa bin Ali gemäß dem genehmigten Bebauungsplan zu schaffen.»1
Beim besagten Shaikh Isa bin Ali-Palast handelt es sich um ein historisches Gebäude, das im Zuge des Pearling Path-Projekts von Anne Holtrop restauriert wurde und eng mit der Herrscherfamilie von Bahrain verbunden ist: Shaikh Isa regierte das Land von 1869 bis 1932. Über das offensichtlich von King Salman und dem Kronprinzen Salman bin Hamad lancierte Muharraq-Entwicklungsprojekt2 lässt sich bislang wenig Konkretes sagen; offiziell publiziert worden ist es bislang nicht. Festzuhalten aber bleibt, das es zumindest in Teilen den von Shaikha Mai Bint Mohammed Al Khalifa und Noura Al Sayeh-Holtrop konzipierten Projekten des Pearling Path widerspricht. In einem ersten Schritt wurde der gegenüber dem Shaikh Isa bin Ali-Palast gelegene Mailand Pavillon von Holtrop, eine wirkliche Oase im Stadtgefüge von Muharraq, erneut demontiert; er soll nun nahe dem Barbar-Tempel im Norden von Bahrain wiederaufgebaut werden. Das Entfernen des Pavillons steht offensichtlich in Zusammenhang mit einem Ausbau der Shaikh Abdullah Avenue, welche den Palast mit dem Kreisel an der Westseite der Altstadt von Muharraq verbindet. Das dort befindliche Parking A von Christian Kerez wird nun abgerissen; ob das gleiche Schicksal dem auf dem gleichen Grundstück gelegenen Green Corner Building von Anne Holtrop ebenfalls droht, ist unklar. Schon eliminiert ist gegenüber dem Shaikh Isai-Palast gelegene Parking C, mit einem Geschoss das niedrigste der Projekte. In einem Staat, welcher derzeit von aussen angegriffen wird, verstören die selbstgemachten Zerstörungen umso mehr. Was für eine unsinnige Verschwendung von Ressourcen, was für ein unwiederbringlicher Verlust.
1 Bericht vom 28. Februar 2026 über den Abriss auf Seite 4
2 Bericht über das Muharraq Development Project vom 24. November 2025



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