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Signal in der Wildnis

Auf dem Julierpass steht seit diesem Sommer ein Turm, in dem das Origen Festival Cultural stattfindet. Der vollendete Zentralbau fokussiert auf eine abgehängte Bühne und erlaubt gleichzeitig einen Rundblick in die Bergwelt.

 

Text: Manuel Pestalozzi – 7.8.2017

 

Kultur auf dem Pass
Im Hochgebirge ist die Schweiz eine Wildnis. Die lebensfeindliche, extremen Wind- und Wetterverhältnissen ausgesetzte Landschaft ist dennoch weitgehend domestiziert und wird wo immer möglich nutzbar gemacht. Eine Nutzungsverdichtung gibt es seit Jahrhunderten entlang den wichtigen Alpentransversalen. Seit einigen Jahren gesellt sich auf der Route über den historischen Julierpass mit der Organisation Origen auch der Kulturgenuss – gewissermassen en passant – hinzu.

 

Selbstbewusste Landmarke
Zentrale Person bei Origen ist Giovanni Netzer. Der Theologe, Kunsthistoriker und Theaterwissenschaftler bespielt seit 2006 die Burg Riom im gleichnamigen Dorf bei der nördlichen Anfahrt des Passes. 2010 inszenierte man auf der Passhöhe das Freilichtspiel La Regina da Saba inmitten einem dreidimensionalen Bühnenbild. Auf die Staumauer des Marmorerasees wurde für Aufführungen 2013 eine kompakte kubische Skulptur gesetzt.
Netzer gilt auch als Urheber des Theaterturms, der im Gegensatz zu den genannten Installationen mehrere Winter überstehen und erst 2020 wieder abgebaut werden soll. Der perfekte Zentralbau gemahnt an eine sakrale Nutzung. Mit der A-cappella-Oper Grosse Apocalypse des Churer Komponisten Gion Antoni Derungs (1935-2012) und dem Libretto von Netzer nach der Johannes-Apokalypse, hat die Inszenierung tatsächlich einen biblischen Bezug.
Ursprünglich schwebte dem Schöpfer für die Passhöhe eine Variante des Castel del Monte, der mittelalterlichen Schlossanlage in einem öden Streifen Apuliens, vor. Deren Seitentürme verschmolzen allerdings im Entwicklungsprozess mit dem Zentralbaukörper zu einem überdimensionierten Säulenfragment. Es erinnert an die Colonne, einer als romantische Ruine getarnten Villa aus dem 18. Jahrhundert im Désert de Retz, einem Landschaftspark in Chambourcy im französischen Departement Yvelines.

 

Rotationssymmetrischer Bau
Die fünfgeschossige, innen und aussen ochsenblutrot gestrichene, 30 Meter hohe Struktur besteht eigentlich aus zehn massiven Einzeltürmen mit fünfeckigen Grundrissen. Zwischen ihnen befinden sich «bediente» Quadrate: Nischen und in den oberen Etagen Logen, die mit hohen Bogenfenstern versehen sind und sich nach innen öffnen. Der Fünfeck-Quadrat-Kranz, dessen Sternform die ebene Fundamentplatte nachzeichnet, umringt einen offenen Zentralraum, der sich bis zum Dachgebälk und dem grossen runden Oblicht erstreckt. In diesem Raum schwebt über einem Eingangsfoyer, auf dem Niveau des ersten Logengeschosses, die kreisrunde Bühne. Der Abstand zwischen ihr und den Logen ist so gross, dass vertikale Blickbezüge trotzdem möglich bleiben. Die Bühne ist von der Dachstruktur abgehängt und lässt sich in der Vertikalen verschieben, die Darstellenden werden wohl eine gewisse Seekrankheits-Resistenz mitbringen müssen.
Der Turm tritt als massive Struktur in Erscheinung, ist aber in Wirklichkeit ein Holzplattenbau. Massgeblich an der Konzeption beteiligt war das Team des Holzbauingenieurs Walter Bieler aus dem bündnerischen Bonaduz. Einen Architekten im klassischen Sinne gab es bei diesem Projekt nicht: Netzer gestaltete das Äussere, fand dann aber keinen Architekten, der den Entwurfsprozess vollendet hätte. So musste das Ingenieurbüro von Walter Bieler auch architektonische Aufgaben meistern.
Erstellt hat man den Turm gemäss Lignum Holzwirtschaft Schweiz aus Fichten, die im Alpenraum gewachsen sind. Die Holzbaufirma Uffer hat in Savognin aus 6 500 Quadratmeter Massivholzplatten bis zu zwölf Tonnen schwere Module gebaut, die mit Schwertransportern auf die Passhöhe gebracht und dort präzise zusammengesetzt wurden: Von aussen sind keine Fugen sind zu erkennen. Man glaubt gerne, dass das stark exponierte, signalartige Wayside Theatre einige Saisons Schneestürmen, Staublawinen und Windstärken bis zu 200 km/h standzuhalten vermag.

 

> Der Turm ist tagsüber betret– und besteigbar. Die Aufführungen der Grossen Apocalypse dauern bis zum 15. August 2017.

> Am 1. Dezember 2017 erscheint eine archithese zum Thema Ruinen. Darin untersucht die Redaktion unterschiedliche Facetten ruinöser Bauwerke – so die Pflege und (übertriebene) Rekonstruktion, die Mystifizierung ihrer Zerstörung oder politische Akte des Überformens und Versteckens.

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