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Selbstverstädlich

In Basel wächst der zweite Roche-Turm in die Höhe. Parallel gährt in der Architektenschaft Kritik über «Rochehattan». Sie murren, dass Herzog & de Meuron beim Massstab über das Mass hinaus schiessen würden und unsensibel gegenüber dem Basler Stadtgefüge und dem historischen Bestand der Moderne sein. Um dies zu relativieren lohnt ein Blick auf ein kleines sensibles Projekt, das gestern der Presse vorgestellt wurde. Beim neuen Hotel Volkshaus beweisen HdM einmal mehr, dass sie sehr wohl ein grossartiges Gefühl für Massstäblichkeit und Verhältnismässigkeit haben und sehr viel Feingefühl. Wie schon Bar und Brasserie des Volkshauses, deren Renovation bereits 2012 vom selben Büro fertiggestellt wurden, ist das neue Hotel so sensibel in den Bestand integriert, dass es derart authentisch und selbstverständlich wirkt, als sei es schon in den 1920er-Jahren da gewesen. Und das, obwohl von der originalen Bausubstanz fast nichts mehr vorhanden war und sich das Hotel in ehemaligen Büroetagen eingenistet hat.

 

Redaktion: Jørg Himmelreich – 25. November 2020
Fotos: Robert Rieger

 


Ein traditionelles Zentrum

Die Ursprünge der Burgvogtei in Basel, dem späteren Volkshaus Basel, lassen sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Von Beginn an war dieser Ort von einer konzentrierten Nutzungsvielfalt geprägt – ein Stück Stadt in der Stadt. Eine 1845 auf dem Areal der Burgvogtei erstellte Brauerei mit angeschlossener Gastwirtschaft wurde 1874 durch eine Bier- und Konzerthalle ergänzt. Nach der Übernahme des Areals durch die Stadt Basel im Jahre 1905 entwickelt es sich bald darauf zu einem zentralen Treffpunkt für politische, soziale und kulturelle Aktivitäten. Das auf Dauer unzureichende Angebot an Veranstaltungsräumen führte 1919 zu einem Wettbewerb, aus dem der Architekt Henri Baur als Gewinner hervorging. 1925 wurde der Neubau des Volkshaus Basel mit der Integration der vorhandenen Konzerthalle, ergänzt durch weitere Säle von verschiedener Grösse, Büro- und Sitzungsräume, Laden, Restaurant sowie Unterkünfte für Personal eröffnet. Im Vorderhaus befanden sich Sitzungssäle und Büros für die Verwaltung sowie Wohnungen für Hauswart und Verwalter; darüber, im Dachgeschoss, Schlafzimmer für das Personal.
In den 1970er-Jahren Jahren entging das Volkshaus nur knapp einem Abriss, woraufhin der Gebäudekomplex im Zuge einer grundlegenden Renovation eine vollständige Innenerneuerung erfuhr. Obwohl die Umbaumassnahmen das Volkshaus gebäudetechnisch auf den neuesten Stand gebracht haben, wurden Charakter und Identität stark beeinträchtigt. Von der ursprünglichen Architektur der Bier- und Konzerthalle war nichts mehr zu spüren. Der Konzertsaal war seitdem von den akustischen Anforderungen der Nutzung als Orchesteraufnahmestudio bestimmt. Sämtliche Galerien und Fensteröffnungen wurden vermauert. Auch in Bar und Brasserie wurde der originale Raumeindruck zerstört. Abgehangene Decken und andere Einbauten für die Haustechnik haben sie geradezu entstellt. Sämtliche Geschosse im Vorderhaus wurden zu Büroflächen. Ein grausliges Konvolut aus Resopalplatten, Nadelfilz-Teppichfliesen, abgehängten Akustikdecken und Kunststoffkabelkanälen überzog wie eine plastifizierende Kruste die historische Bausubstanz.

 

Zurück zum Ursprung
2011 übernahmen die beiden Immobilienentwickler und Gastronomieunternehmer Leopold Weinberg und Adrian Hagenbach das Volkshaus Basel vom Kanton Basel-Stadt mit der Vision, wieder einen Ort der Begegnung im ursprünglichen Sinne aufleben zu lassen. In mehreren Schritten hat das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron das Volkshaus seitdem Stück für Stück umgebaut und dabei auch verloren gegangenen Nutzungen wie Unterkunft und Laden wieder eingefügt. Durch die Eingriffe wurde dieser für Basel so besonderen Ort in seiner Nutzungsvielfalt wieder belebt und gleichzeitig dem Volkshaus seine architektonische Identität zurückzugeben. Die Eingriffstiefe ist von Raum zu Raum unterschiedlich, bestimmt durch die programmatischen Anforderungen und informiert durch eine gründliche Bestandsanalyse. Es ging den Architekten darum, das Volkshaus in seiner gesamten Vielschichtigkeit und Komplexität zu erhalten, basierend auf der originalen Architektur von 1925 und geprägt von der eigenen Geschichte. Genau 95 Jahre später, und acht Jahre nach der Wiedereröffnung des renovierten Volkshauses Basel, wurde nun auch der Kopfbau – von der reinen Büronutzung befreit – als Hotel mit 45 Zimmern und Suiten wieder als öffentlicher Teil in das Volkshaus integriert.

 

Die Vergangenheit neu erfinden
Analog zur Vorgehensweise bei der Renovation der Brasserie, der Bar und den kleinen Veranstaltungssälen im Jahre 2012 haben HdM zunächst die Räume von den Einbauten und Verkleidungen der 1970er-Jahre befreit, in der Hoffnung, auf interessante historische Substanz zu stossen. Schnell wurde allerdings deutlich, dass mit Ausnahme der Fenster nichts von der originalen Substanz erhalten geblieben ist und so musste für den Entwurf auf andere Hinweisgeber zurückgegriffen werden. Da waren zunächst die historischen Pläne von den Personalschlafzimmern im Dachgeschoss – einfache Zimmer mit Bett, Schrank und Waschbecken, wie sie auch heute noch, gerade in der Schweiz, oft in historischen Hotels vorzufinden sind. Dann gab es auf den anderen Stockwerken entlang des zentralen Korridors durchgehende Schrankwände mit darin eingelassenen Türen, durch die man die Verwaltungs- und Sitzungszimmer betreten hat. Und schliesslich griffen die Architekt*innen auf Ideen und Motive aus dem Umbau von Brasserie und Bar aus dem Jahr 2012 zurück, um im gesamten Volkshaus eine in sich stimmige und sorgfältig ausgewählte Material- und Formensprache zu etablieren.

 

Bescheidene Eleganz
Die Gäste betreten die neuen Hotelzimmer durch eine tiefe «Schrankwand». Diese ist nicht nur Garderobe und Stauraum für das Zimmer, sondern beherbergt auch die Toilette und die Dusche. Beide Räume sind vollständig in den über die gesamte Zimmerbreite reichenden und aus schwarz gebeiztem Eichenholz gefertigten Schrank integriert. Damit dies möglich ist, drückt sich die Dusche als Wandvorsprung etwas nach aussen in den Hotelflur und rhythmisiert diesen. Schwarz und dunkelgrün glasierte Keramikfliesen unterstreichen ein Gefühl der Geborgenheit in diesen zwei passgenauen und präzise eingefügten Räumen. Ovale Fenster (analog zu den ovalen Fensterelementen der Brasserie und Bar) ermöglichen den Ein- und vor allem Ausblick aus Dusche und WC. Die Dusche ist in den meisten Zimmern so platziert, dass auch ein Blick quer durchs Zimmer und damit aus dem Fenster möglich ist. Der Rest des Zimmers ist offen und grosszügig gehalten. Einzig eine mittig angeordnete, mit schwarzem Glas verkleidete Schachtwand fungiert als Raumteiler und formt gleichzeitig die Rückwand für den frei im Raum stehenden Waschtisch.
Zum Zimmer hin verschwindet dieses Wandstück hinter weichen dicken Vorhängen, die bei Bedarf zugezogen werden können, um den Schlaf- vom Eingangsbereich abzutrennen. Direkt vor diesen Vorhängen befindet sich das ebenfalls mittig angeordnete Bett, mit einem Rückenteil aus Eichenholzlatten, welche die für das Volkshaus Basel spezifisch entwickelten Biergartenbaumbänke referenzieren. Die Fenster wurden aufwändig restauriert und so original wie möglich belassen. Die Vorhänge davor sind noch einmal dieselben wie die zur Teilung des Raumes, und nehmen mit ihrem verwaschenen Ton die immer wieder im Volkshaus Basel verwendete Farbe Grün auf. Die Wände sind mit auf Tapeten übertragenen Radierungen aus dem 17. Jahrhundert überzogen und schlagen damit die Brücke zu den Anfängen des Volkshauses. Zusammen mit den entsteht so ein «textil» umhüllter Schlafraum, der Geborgenheit vermittelt. Der Boden hingegen ist optisch und faktisch kühl: ein dunkler Terrazzo in Anlehnung an die auch sonst im Haus verwendeten und sehr vielseitigen Terrazzoböden. Neben einem einfachen Tisch (mit dem bereits für die Bar und Brasserie konzipierten Volkshausstuhl) befinden sich in den Zimmer noch von den Architekt*innen entwickelte Lounge Chairs mit dazugehörigem Ottoman, der auch als Kofferablage genutzt werden kann. Durch den respektvollen Umgang mit der historischen Gebäudestruktur ist jedes Zimmer ein wenig anders und hat dadurch einen ganz eigenen Charakter.

 

Stadt in der Stadt
Im Erdgeschoss befindet sich gespiegelt zur Bar die neue Hotellobby. Diese ist wie ein «Negativ» der Bar gestaltet, mit einem inversen Farbkonzept. Der Mosaikboden ist hier schwarzgrün, die Wände oberhalb des Brusttäfers und die Decke sind weiss gehalten. Auch der Durchbruch mit der originalen Tür, inklusive flankierender «Schaufenstern» zum zentralen Durchgang Richtung Biergarten und Konzertsäle, wurden wieder hergestellt. Und wie im Jahr 1925 wird die Lobby gleichzeitig auch ein Laden für Kleinigkeiten sein. Das Volkshaus Basel ist nun in seiner ganzen Vielschichtigkeit als Stück Stadt in der Stadt wieder erlebbar.

 

Das Hotel des Volkshauses Basel wird am 27. November 2020 mit einer Preview-Phase eröffnet, während der es bis Ende Februar 2021 – fast schon privat erlebt werden kann. Die offizielle Eröffnung wird dann im März sein.

 

> archithese 1.2020 Swiss Performance 2020 zeigt das Meret Oppenheim-Hochhaus am Bahnhof in Basel.

> Im kommenden März wird in der Swiss Performance 2021 der Umbau des Stadtcasinos von HdM besprochen.

> Die Zelebrierung des privaten Aussenraums erlebt bei HdMs Hochhaus in Manhattan eine Auferstehung – zu lesen in archithese 1.2018 Swiss Performance 2018.

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