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Same Same, but Different

Ein Stuhl aus Stahl und Plexiglas, eine Schwenklampe und ein Ziegel aus Keramik – allesamt leuchtend orange. Das sind nicht etwa Möbel der Vitra-Sammlung aus den 1970er-Jahren. Es sind «neue» Produkte aus der Edition TwentyThirtyFive oder besser gesagt kreative remakes. Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem angesagten Designer Virgil Abloh in Anlehnung an Klassiker von Jean Prouvé realisiert. Das macht ökonomisch Sinn, denn Objekte und Möbel aus dieser Zeit sind bei den Käufern derzeit (wieder) hoch im Kurs. Vitra zeigt sie – untergemischt zwischen Originale aus der Ära des Pop-Designs – in einer Installation in der ehemaligen Feuerwache in Weil.

 

Text: Kevin Guida – 15. Juli 2019

 

Ein Happening
Die neue Vitra Schau in Weil wurde am 12. Juni mit einem Vortrag Virgil Ablohs eröffnet. Bei der Afterparty «legte» der Designer dann als DJ selber die Musik auf. Das von Zaha Hadid entworfene (ehemalige) Feuerwehrhaus auf dem Vitra Campus stammt zwar aus den 1990er-Jahren und doch bietet es einen passenden Rahmen für eine Schau für Objekte aus dem Space Age und der Ära des Plastik-Designs. Das Happening war offensichtlich das beliebteste an der diesjährigen Art Basel, zumindest wenn man es an den zahlreichen Posts darüber auf den Social Media-Profilen ortsansässiger Designbegeisterter, geladener Medien- und Kunstschaffender und internationaler Blogger misst.

 

Stuhl, Lampe und Stein
Mit Virgil Abloh konnten die Verantwortlichen bei Vitra den wohl aktivsten Generalisten unserer Zeit für die Gestaltung der genannten Produkte begeistern. Als Architekt, Ingenieur, Designer, Künstler, Unternehmer, DJ und Kreativdirektor bei Louis Vuitton ist der 38-jährige vielseitig tätig und doch ist sein Stil unverkennbar. Abloh, der sich selbst als Kritiker bestehender Ordnungen versteht, Kategorisierungen in Frage stellt und Referenzen in neue Kontexte setzt, schafft mit seinen Interventionen eine neue postindustrielle Hierarchie der Dinge. Er möchte mit seinen Werken – ob für Nike, Louis Vuitton, Ikea oder eben Vitra – Brücken von der Vergangenheit in die Zukunft schlagen. Seine neuesten Schöpfungen nehmen Bezug auf Entwürfe des französischen Designers und Architekten Jean Prouvé. Die Schwenklampe «Petite Potence» sowie der Stuhl «Antony» – beides Ikonen der Nachkriegszeit – wurden von Abloh ausgewählt und leicht verändert als neue, limitierte Produkte lanciert. Ergänzt wurden sie mit sogenannten «Ceramic Blocks», die ebenfalls in endlicher Auflage produziert wurden und auch Teil der Ausstellung sind. Wozu genau sie gedacht sind, bleibt ein Rätsel. Vielleicht eine zeitgemässe Version von Porzellansammeltellern oder -figuren?

 

Schaufensterbummel
Wer die Ausstellung kurz nach der Eröffnung besucht hat, fand sich nach dem Durchschreiten eines filigranen weissen Rundbogens vor einem fast raumhohen Regal wieder, welches über und über mit fein säuberlich nummerierten Blöcken aus Keramik ausstaffiert war. Heute, vier Wochen nach der Eröffnungsfeier, sind sie ausverkauft und das Regal ist bis auf zwei Anschauungsexemplare leer. Zwar kann man weiterhin die Rohlinge, einige unbeschriftete Blöcke sowie den angesprochenen redesignten Stuhl und die Lampe begutachten. Doch das scheint kaum noch wen zu interessieren: Wo sich vor wenigen Tagen unzählige Designaffinen tummelten, drehen derzeit nur noch die Wachmänner einsam ihre Runden.
Dabei gibt es noch mehr zu entdecken: Wer durch den klaren Plastikvorhang schreitet, trifft auch auf
Prouvés Schulbank und Akaris Tischleuchte. Dieser erste Ausstellungsraum zeigt diverse Möbelklassiker der Firma Vitra, die teils entmaterialisiert, neu interpretiert und entfremdet dastehen. Past / Present nennt Abloh diesen Auftakt zu einer fiktiven, mittels der Objekte visualisierten Geschichte eines Jugendlichen. Die Möbelstücke wurden demnach als «Erinnerungen eines Heranwachsenden» arrangiert. Dabei wurden Farben, Materialien, Objekte und schlussendlich Atmosphären zu einer Art Konzentrat an Erlebtem verdichtet.
Weiter führt die Ausstellung in das Zimmer Tomorrow, eine Vision wie wir im Jahr 2035 leben könnten. Die Wiederbelebung von Eindrücke und Referenzen spielt dabei eine zentrale Rolle. Und ernüchtern stellt der Besucher fest: Die Zukunft ist gleich der Vergangenheit: Retro-Design – oder genauer gesagt ein halbes Jahrhundert alter Futurismus – das ist die Vision von Virgil Abloh für das Wohnen in 26 Jahren.

 

Hedonismus getarnt als Konsumkritik
Aber was genau ist diese Schau nun? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft und deren Überfluss? Oder geht es darum, Erinnerungen der Besucher in Sehnsüchte nach Retro-Möbeln zu verwandeln, die über den Kauf dieser Objekte die eigene Jugend zurückgewinnen wollen? Letzteres scheint eher der Fall zu sein. Schon bei Ablohs Zusammenarbeit mit Ikea konnte man die rasanten Ausverkäufe der von ihm designten Teppiche und Möbel und die sich stetig erhöhenden Wiederverkaufspreise im Internet beobachten. Nun findet man auch bereits die für Vitra gestalteten Produkte auf einschlägigen Verkaufsportalen – angeboten zu exorbitanten Preisen. Es bleibt zu bezweifeln, dass Käufer der leuchtend orangen Objekte, die ein Flair von 1970er-Nostalgie und zeitgenössischem Minimalismus pflegen, die intellektuelle Auseinandersetzung, die Vitra und Virgil Abloh im Sinn hatten, verstanden haben. Aber vielleicht war die Rhetorik der Konsumkritik allemal nur ein müder Versuch, Marketing für neue Produkte unter dem Deckmantel von Langlebigkeit und Verzicht zu chiffrieren.
Auch in der Zukunft wird wohl das Rad nicht neu erfunden. Aber sie wird sicher auch nicht ein permanenter Remix von etablierten Klassikern sein. Hoffentlich nicht.

 

Die Installation TwentyThirtyFive ist bis zum 31. Juli 2019 im ehemaligen Feuerwehrhaus auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein zu sehen. 
 

 

> Im Juni 2019 hielt Architekt Thomas Kröger im Rahmen von archithese kontext einen Werkvortrag im Vitra Design Museum.

> Lesen Sie unsere Rezension der Balkrishna Doshi Ausstellung in Weil.

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