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Prophezey

Die Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein aus Basel haben für die Weltausstellung zur Reformation, die derzeit in Wittenberg stattfindet, einen einfachen Holzunterstand gestaltet. Der Pavillon soll «Behaglichkeit» und «Frömmigkeit» ausstrahlten und gleichzeitig den Eindruck einer Werkstatt vermitteln, so die Architekten. Die Ausstellung im Schweizer Haus unter Leitung von Gabriel de Montmollin und Juri Steiner möchte an Menschen, Momente, Objekte und Orte der Schweizer Reformation erinnern. Im Mittelpunkt stehen die Zürcher Bibel und eine für die Ausstellung rekonstruierte Gutenbergpresse.

 

Text: Anne-Dorothée Herbort
Fotos: Stefano Graziani

 

Luthers Impuls aufgreifend traten Zwingli in Zürich und Calvin in Genf ebenfalls religiöse Revolutionen los. Rückblickend urteilen viele, dass aus den Prozessen und Konflikten – ausgelöst durch die Reformation – die moderne Schweiz hervorgegangen sei. Heute – fünf Jahrhunderte später – vertritt der Schweizerische Evangelische Kirchenbund mehr als zwei Millionen Protestanten. An der Weltausstellung in Wittenberg möchte er die «andere» Reformationsbewegung präsentieren und mit dem Pavillon Prophezey, gestaltet von den Basler Architekten Christ & Gantenbein, an das Schweizer Erbe der Reformation erinnern.

 

Spartanische Hütte
Der längliche Körper steht im Lutherpark auf einer saftigen, von Bäumen umgebenen Wiese. Es handelt sich genauer gesagt um einen Unterstand. Denn nur Planen aus robustem Textil – zwischen den Stützen eingespannt – schützen das Innere vor Nässe und Wind. Ihre dunkelgrüne Farbe lassen den Pavillon mit seiner Umgebung verschmelzen. Die einfache Holzkonstruktion ist indes weiss gestrichen. Das steile Satteldach überspannt vier Ausstellungskammern, die unterschiedlichen Themen gewidmet sind. Christ & Gantenbein wollten mit der einfachen Struktur an ursprüngliche Wohnformen und Werkstätten erinnern. Die Räume sollten aber auch ein Gefühl von Behaglichkeit und Frömmigkeit ausstrahlen.

 

Zürcher Bibel und Druckerpresse
Auf der Veranda empfangen Zwingli, Calvin, Luther und Niklaus von Flüe die Besucher in Gestalt von Silhouetten, die bekannten Denkmälern nachempfunden sind.
Der erste Raum ist der Zürcher Bibel gewidmet. Zwei Monate vor Zwinglis Tod in der Schlacht bei Kappel (1531) erschien sie beim Buchdrucker Froschauer. Es handelt sich um die erste vollständige Übersetzung der Bibel ins Deutsche – drei Jahre vor Erscheinen der Lutherbibel. Auf sechs grossen Paneelen werden die Ideen, Umstände und Konsequenzen der Reformation in der Schweiz erläutert.
Im Herzen des Pavillons rattert die eigens für die Weltausstellung rekonstruierte Druckerpresse. Es handelt es sich um eine zeitgenössische Interpretation eines Modells aus dem 16. Jahrhundert. Die Erfindung der Druckerpresse im Jahr 1450 durch Gutenberg führte zu einer Revolution von Kultur, Wissen und Denkweisen. Historiker bezeichnen Luthers Reformation als die erste erfolgreiche Pressekampagne der Geschichte. Schätzungsweise 20 Millionen Menschen kamen zu Luthers Lebzeiten in Kontakt mit reformatorisch inspirierter Literatur, zu Predigtsammlungen und einer grossen Anzahl von Bibeln. Der Buchdruck trieb die Realisierung des protestantischen Programms voran.
Im nächsten Raum wird der Besucher mit einer Szene aus den Untergangsprophezeiungen der Apokalypse konfrontiert. Ein Holzschnitt von Hans Holbein dem Jüngeren – angefertigt als Illustration für die Zürcher Bibel – ist grossmasstäblich auf Papier gedruckt und auf einer Querwand appliziert. Schauplatz ist der Kosmos, der in der Endzeit durch das Aufeinanderprallen des Evangeliums und der Welt erschüttert wird. Die Reformation verankert hier ihr Programm in der sinnlichen Wahrnehmung und in der Fantasie. Der Raum soll die offene Anlage der Reformierten Kirche widerspiegeln, in der die Gemeinschaft und nicht die Hierarchie zelebriert wird. Hinter der Querwand befindet sich der letzte Raum der Ausstellung Künstlerei, der ganz der Meditation und Besinnung gewidmet ist.  Ein Live-Bild vom umgebenden Garten wird auf einem runden Bildschirm übertragen, im Hintergrund läuft eine Jazz Version des Chorals Grosser Gott wir loben dich. Zwei Bänke laden zum Verweilen ein. 

 

Die Weltausstellung ist bis zum 10.9.2017 in Wittenberg zu sehen.

  

> Im Juni 2017 waren Christ & Gantenbein mit ihrer Möbelserie Athens Series an der Messe Design Miami / Basel vertreten.

> Vor rund einem Jahr wurde das Kunstmuseum Basel neu eröffnet. Lesen Sie eine Kritik zur Erweiterung von Anne-Dorothée Herbort in archithese 1.2017 Swiss Performance.

> Elias Baumgarten beschrieb in archithese 1.2017 Swiss Performance über die stadträumliche Wirkung die Erweiterung des Schweizerischen Nationalmuseums von Emanuel Christ und Christoph Gantenbein in Zürich.

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