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Postmoderne in der DDR

Nicht nur archithese reflektiert im aktuellen Heft die Postmoderne. Auch Thomas Beyer und Adrian Dorschner nehmen in ihrem Dokumentarfilm Bowlingtreff die Architektur der 1980er-Jahre wieder in den Blick und schauen mit Leipzig an einen unerwarteten Ort, denn die DDR war nicht gerade ein Hort postmoderner Architektur. Doch kurz vor der Wende brach sie mit dem «Bowlingtreff» zumindest in Leipzig aus dem Kanon der Ost-Moderne aus und deutete damit architektonsich den nicht lange danach erfolgten politischen Wandel an. 

 

Text und Bilder: Thomas Beyer / Adrian Dorschner – 1.9.2016

Leipzig Ende der 1980er-Jahre: Die Altbauten der Innenstadt verfallen und das, obwohl die Plattenbausiedlungen am Stadtrand nicht schnell genug wachsen, um den dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Kurz vor dem Ende der DDR gibt es auch für öffentliche Bauten keine Mittel mehr – weder Geld, noch Material. Und dennoch: 1987 wurde überraschend in Leipzig ein Bowling-Center eröffnet: Der «Bowlingtreff» ist keine triste Kegelbahnen, sondern ein aussergewöhnliches Beispiel postmoderner Architektur und damit höchst ungewöhnlich für die späte DDR. Das Haus, luxuriös ausgestattet mit Marmor, Eichenparkett und einem Glasdach, beherbergte auf verschiedenen Ebenen 14 Bowlingbahnen, Leipzigs erstes Fitnessstudio und eine Auswahl exquisiter Billardtische.

 

Westliche Architektur als Vorzeichen des Umbruchs
Der neuer Film von Thomas Beyer und Adrian Dorschner zeigt, wie der Bau des Bowlingtreffs bereits den Auflösungsprozess der SED-Diktatur andeutete. Denn wie die Recherchen zeigten, erfuhr die Ost-Berliner Regierung von Grösse und Umfang des «Bowlingtreffs» erst kurz vor der Eröffnung. Den Bau gab die Stadt Leipzig nämlich selbst in Auftrag und liess ihn in «Feierabendtätigkeit» errichten. Mit viel Geschick und an den Berliner Genossen vorbei, wurden Baumaterial und Handwerker «bereitgestellt» und ein Haus gebaut, dass mit der üblichen DDR-Formsprache wenig zu tun hatte. Denise Scott Brown und Paolo Portoghesi streichen in Interviews die Einzigartigkeit und Eigenständigkeit des Bowlingtreffs als Verkörperung des Zeitgeists heraus und erkennen in ihm den erstarkenden Wunsch nach Veränderung in der DDR. Die lichtdurchflutete Halle kombiniert spielerisch Elemente aus der Architekturgeschichte und den Casinos von Las Vegas. Lange währte die Freude am Center jedoch nicht: Heute sind Fenster und Türen des einstigen Prachtbaus am Leipziger Ring vermauert. Der Film portraitiert lebhaft und liebevoll das Haus und seine Entstehungsgeschichte. Bisher unveröffentlichtes Film- und Fotomaterial, ungewöhnliche Projektionen und Interviews machen das Lebensgefühl in Leipzig vor der Wende 1989 spürbar.

 

Der MDR zeigt den Film an diesem Sonntag, dem 4. September 2016 um 23.30 Uhr im Fernsehen.
Eine Publikation in Buchform ist in Arbeit.

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