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Plädoyer für erneuerbare Energien

Daniele Ganser, Leiter des Swiss Institute for Peace and Energy Research, machte sich mit seinem Vortrag im Zuge der Inspiring Talks der Firma Jansen gestern Abend im Zürcher Zunfthaus zur Schmiden dafür stark, den gesamten Schweizer Energiebedarf aus erneuerbaren Energien zu decken. Doch welchen Beitrag können Architekturschaffende zum Gelingen dieser Mission leisten und warum brennt dem Historiker die Energiewende so sehr unter den Nägeln?

 

Text & Bilder: Elias Baumgarten – 4.5.2017

 

Unersättlich Gier nach Energie
Seit 1945 ist der Bedarf an Erdöl von 6 auf 94 Millionen Fass pro Tag nach oben geschnellt. Doch fossile Energieträger zu verbrennen, die über Jahrmillionen entstanden sind, ist das Gegenteil eines geschlossenen Kreislaufes und führt mit unausweichlicher Sicherheit zur Verknappung von Ressourcen. Zugleich ermögliche uns die Nutzung der vier nicht erneuerbaren Energieträger Erdöl, Erdgas, Kohle und Kernkraft ein ehedem ungekanntes Mass an Mobilität, so Ganser, ziehe eine gesteigerte Lebenserwartung und -qualität nach sich und resultiere in letzter Konsequenz in einer förmlichen Explosion der Weltbevölkerung – aktuell beträgt der Zuwachs 80 Millionen Menschen pro Jahr, was in etwa der Bevölkerung der Bundesrepublik entspricht. Dies wiederum treibt den Energiebedarf weiter nach oben und steigert den Druck auf Rohstoffe. Für Ganser ist klar, dieser Teufelskreis mündet in bewaffnete Verteilungskämpfe, die er bereits seit dem 1953 durch die Geheimdienste CIA und MI6 betriebenen Sturz des iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh im Gange sieht.

 

Unruhiges Fahrwasser
Ganser vertritt eine kontroverse These: Der Krieg gegen den Terrorismus und die Interventionen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeter im Nahen Osten seien «Ölkriege»; das wahre Motiv hinter den aus seiner Sicht völkerrechtswidrigen Waffengängen sei die Kontrolle von Ressourcen. Die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus ist demnach ein vorgeschobener Rechtfertigungsdiskurs, befeuert von Politik und Medien, um die Bevölkerung zu korrumpieren. Auch die Stigmatisierung des Islam sei vor diesem Hintergrund zu lesen, mahnte Ganser: «Meine These: Verfügte Indien über reiche Ölvorkommen, wären die Hindus Terroristen». Der seit dem 11. September ausgefochtene Kampf gegen den Terror sei nichts weiter als die «Mastererzählung» eines Konglomerats aus Politik, Energiewirtschaft und Rüstungsindustrie, so der Historiker. Für ihn sind die sogenannten Terroristen primär Widerstandskämpfer gegen die feindselige Besetzung ihrer Heimat – vergleichbar mit der Résistance im Zweiten Weltkrieg. Zweifel an seiner Argumentation keimten nur auf, als aus dem Publikum die Frage gestellt wurde, ob nicht auch der religiöse Fanatismus der radikalen Islamisten zu kriegerischen Auseinandersetzungen führe? «Ja» antwortete Ganser knapp, doch das Kernproblem sei der amerikanische Dogmatismus, das Streben nach einer weltweiten Vormachtstellung.

 

100 Prozent erneuerbare Energien
Lässt man sich auf Gansers Thesen ein, wie müsste dann eine Schweizer Reaktion auf die immer instabilere und gefährlichere weltpolitische Lage aussehen? Für den Historiker liegt die Lösung auf der Hand: der gesamte Energiebedarf der Schweiz müsse aus erneuerbaren Energien gedeckt werden, wobei die Kernkraft aufgrund ihres «unbeherrschbaren Gefahrenpotenzials» keine diskutable Alternative darstelle. Gansers Vision sind deshalb Häuser, die wie Kraftwerke sind und sowohl genug Energie für ihren Unterhalt als auch etwa für beispielsweise die Elektroautos der Bewohner produzieren. Doch ist dieser Traum nur ferne Zukunftsmusik? Ganser meint nein und zeigte im Vortrag zur Bestätigung sein Eigenheim mit Erdwärmesonde und Dachhaut aus Fotovoltaikelementen, die direkt auf der Konterlattung sitzen. Diese Anordnung ermögliche schon heute nicht nur das Haus zu heizen und warm zu duschen, sondern auch nachts die Batterien seines Wagens aufzuladen. Freilich, so schränkte er ein, seien noch grosse technische Hürden zu nehmen, etwa bei der Entwicklung leistungsstarker Batterien, welche eine effiziente Speicherung des erzeugten Stroms ermöglichen.

 

Hoffnungsträger
Doch warum ein so politischer Vortrag vor Architekturschaffenden und Vertretern aus der Bauwirtschaft? Ganser sieht in ihnen Schlüsselfiguren für das Gelingen der Energiewende in der Schweiz, denn sie sollen Häuser als Kraftwerke konstruieren und gestalten. Der Dozent an der Universität St. Gallen ist sich sicher, dass nur eine Sensibilisierung für die politischen Zusammenhänge und das Leid der Bevölkerung im Nahen Osten eine wirkliche Veränderung triggern, das Nutzungsverhalten ändert und die nötige kreative Energie für eine erfolgreiche Energiewende liefern kann. Nur wer verstehe, welche Dynamik das Verbrennen fossiler Energieträger befeuere, werde ernsthaft an Veränderungen arbeiten. Und noch eine Appell richtete er ans Publikum: «Bitte denken sie künftig bei jeder Gestaltung die Elektromobilität mit». Was aber würde Ganser in der Schweiz ändern, hätte er für einen Tag allein das Sagen? «Ich würde am 21. Mai bei der Abstimmung zum neuen Energiegesetz mit ‹ja› stimmen. Denn das wäre eine ganz wichtige Weichenstellung für die Energiewende und würde die nötigen Leitblanken setzen. Und ich würde die Verwendung des Wortes «Terrorismus» verbieten, um ein Umdenken in der Bevölkerung zu ermöglichen.»

 

Mehr zum Format Inspiring Talks der Firma Jansen erfahren Sie auf deren Homepage.

 

> Erfahren Sie auf der Homepage des Swiss Institut for Peace and Energy Research mehr über die Forschungsarbeit von Daniele Ganser und seinen Kollegen.

> Welchen Beitrag kann Architektur für eine nachhaltige Zukunft leisten? Und wie können Nachwuchsarchitekten darauf vorbereitet werden? Um diese Fragen kreiste das Symposium «Teaching Sustainability» am 11. und 12. Februar 2017 an der Accademia di architettura in Medrisio organisiert von Muck Petzet.

> Der 11. September gilt als der Auslöser des Feldzugs gegen den internationalen Terrorismus. Doch Daniele Ganser zweifelt an der offiziellen Version der Ereignisse und hält den Anschlag stattdessen für den Teil einer «Mastererzählung», welche die «Ölkriege» der Vereinigten Staaten rechtfertigt. Dazu sprach er mit dem Tagesanzeiger.

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