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Plädoyer für den Boden

Ernährung, Klima, Ungleichheiten – der Grund und Boden, auf dem wir leben, ist politisch. Das zeigt die aktuelle Ausstellung Boden für Alle im Architekturzentrum Wien. Sie stellt die Bodenfrage in den Mittelpunkt. Neben einer Suche nach den kulturellen, gesetzlichen und ökonomischen Ursachen werden Perspektiven aufgezeigt. Die Schau ruft dazu auf, aktiv zu werden, und macht klar: Die Thematik ist vor allem für Architekt*innen von Bedeutung. Seit 8. Februar sind Museen in Österreich wieder für Besucher*innen geöffnet.

 

Text: Martin Kohlberger – 23. Februar 2021
Bilder: Lisa Rastl

 

In der Schweiz bereits seit einigen Jahren bittere Realität, verstärkt sich auch in Österreich das Bewusstsein, dass die Ressource Boden endlich ist. Das hat sich das Architekturzentrum Wien für eine Ausstellung über den Boden zum Anlass genommen. Von der Frage, was Boden überhaupt ist oder bedeutet, über gesetzliche Bestimmungen und die Realität der Vergabe von Land bis hin zur ökonomischen Bedeutung des Bodens als Ware werden vielfältige Einblicke geboten. Die Schau Boden für Alle eröffnete ursprünglich bereits im Dezember 2020, musste aber wegen der aktuellen Covid19-Bestimmungen nach bereits einer Woche wieder schliessen. Mit der Lockerung der Lockdown-Bestimmungen in Österreich seit 8. Februar hoffen die Kuratorinnen nun auf einen längeren Öffnungszeitraum. Besucht werden kann die Ausstellung voraussichtlich bis zum 19. Juli 2021.

 

Österreichisches Sittenbild
Auf Displays aus pink angemalten Baustahlgittern und darauf verteilten parzellenförmigen farbigen Holzbrettern klingt bereits in der Ausstellungsgestaltung die Thematik der Aufteilung von Grund und Boden an. Beginnend mit der rechtlichen Situation und der tatsächlichen administrativen Umsetzung der Raumordnung, macht die Ausstellung schon zu Beginn klar: Es läuft so einiges falsch. Mit Comic-Heften werden Szenarien der Korruption durch österreichischen «Ortskaiser» illustriert. Trotz der Zuspitzung überrascht die porträtierte Einmischung bei Umzonung und Vergabe von Grundstücken nicht. Im Zentrum des Ausstellungsraums lädt ein Möbel aus Stampflehm der Gruppe Lehm-Ton-Erde rund um den Stampflehm-Pionier Martin Rauch zum Verweilen ein – und am hinteren Ende finden sich Bodenschnitte des Vorarlberger Bodengutachters Walter Fitz. Auf den Ausstellungswänden zwischendrin werden Beispiele der aktuellen Situation des Umgangs mit Boden in Österreich und die historischen Entwicklungslinien dokumentiert Kontrastierend zum Status Quo wird dazu eine Serie an positiven Alternativmodellen präsentiert – auch aus der Zersiedelungsdebatte der Schweiz – von denen die Ausstellung ebenso berichtet.

 

Alle Tage Bodenfrage
Die Bodenfrage ist auch ökonomisch von Bedeutung. Boden kann nicht einfach wie etwa ein Joghurt bei steigender Nachfrage in erhöhter Zahl produziert werden und ist daher viel zu oft Spekulationsobjekt. Zwar versuchen Gemeinden nachzuhelfen, indem sie etwa auf Vorrat Grundstücke als Bauland ausweisen. Doch das ist keine langfristige Lösung, sondern gibt erst recht die Möglichkeit zur Zersiedlung und führt zu weiterer Spekulation. Mit einer Umwidmung wird beispielsweise in Kitzbühel, der Gemeinde mit den höchsten Bodenpreisen Österreichs, sprichwörtlich über Nacht eine Wertsteigerung von 16 000 Prozent bewirkt. Das Resultat: Diejenigen, die ein Stück Boden besitzen, werden durch die vor allem in Krisenzeiten sichere Anlage wohlhabender, während es die Bevölkerung, aber auch Städte finanziell überfordert, selbst zu bauen. Die Stadt Wien steht durch ihr historisches Erbe aus der Zeit des «Roten Wiens», in dem, statt Boden zu privatisieren, selbst Wohnungsbau und kommunale Anlagen auf eigenem Bauland errichtet wurden, deutlich besser da als zum Beispiel Berlin. Doch auch in Wien müssen Massnahmen ergriffen werden, um eine drastische Verschlechterung der Lage zu verhindern, so der Tenor der Ausstellung.

 

Vorzeigestadt Basel
In der Ausstellung wird eine Auswahl an gesetzlichen Massnahmen vorgestellt, die getroffen werden könnten oder die sogar bereits existent sind. In der Stadt Wien werden unter anderem Verträge mit Bauherren abgeschlossen, um diese zu verpflichten, lokale Infrastruktur mitzubauen. Der Nachteil ist freilich, dass dies zu einer weiteren Aufwertung des Viertels führt, die wiederum hauptsächlich den Investoren zugutekommt. Ein anderes, weltweit immer beliebteres Instrument im Umgang mit Bodenspekulation ist eine Abgabe auf den planungsbedingten Mehrwert. Die Schau führt hier vor allem die Stadt Basel als positives Beispiel an. Bei Projekten im kleinen Stadtkanton fliessen bereits jetzt 50 Prozent des durch Umwidmung bedingten Gewinns in den sogenannten Mehrwertabgabefonds der Stadt. Anschliessend werden damit öffentliche Grünräume gestaltet.
Im italienischen Südtirol wirkt man der Zersiedelung entgegen, indem neues Bauland nur an bereits bestehende Siedlungen angrenzen darf. Ebenso wurde eine Mindestbebauungsdichte auch im ländlichen Bebauungsplan festgeschrieben.

 

Breit gefächert
Äusserst vielfältig behandelt die Ausstellung neben der gesetzlichen Situation auch die Geschichte, Ökonomie und ökologische Bedeutung des Bodens. Wenn auch der Dschungel an unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen eine klare Struktur vermissen lässt, so wird doch geschickt das ganze Spektrum der Raumordnung und Bodenökonomie vermittelt. So erlaubt die Schau einen breiten Einstieg in die Thematik und stellt verschiedene politische Lösungen sowie architektonische Interventionen vor, die zu einer Verbesserung beitragen können. Am Ende der Ausstellung wird dazu aufgerufen, aktiv zu werden. Denn um die Bodenfrage lösen zu können, braucht es neben gesetzlichen Handlungsräumen auch Bemühungen aller Involvierten – auch die der Architekturschaffenden.
Bis zum 22. Februar konnte ebenso die Begleitausstellung Den Boden der Stadt kartieren besucht werden, in der Studierende des Instituts für Kunst und Architektur der Wiener Akademie der Bildenden Künste den Eigentumsverhältnissen des Wiener «Grätzels», also des Wohnquartiers auf den Grund gegangen sind.

 

Die Ausstellung Boden für Alle ist bis zum 19. Juli 2021 im Architekturzentrum in Wien zu sehen.

 

> In archithese 6.1981 Hans Bernoulli wird das Werk des Schweizer Pioniers beleuchtet, der auch wegweisend gegen Zersiedelung aktiv wurde:

> Die Ausgabe archithese 4.2014 Empire State of Real Estate berichtet von lukrativen Landspekulationen – und welche Auswirkungen diese auf die Architektur haben..

> Eine neue Monografie widmet sich dem Leben und Schaffen Hans Bernoullis.

 

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