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Styrodur – ein Material, drei Geschichten

Während derzeit hunderttausende Bauten mit Schaumstoff gedämmt oder nachgedämmt werden, überlegt eine amerikanische Architekturschule Polystyrol als Modellbauwerkstoff zu verbieten. Die Mailänder Gallerie Carla Sozzani in der Ausstellung Gufram on the Rocks wiederum lässt die Arbeiten des gleichnamigen italienischen Möbelherstellers in einem Meer aus blauem Styrodur schwimmen und stimmt damit eine poetische Hymne auf den 1950 von Fritz Stastny und Rudolf Gäth patentierten Schaum an.

 

Text: Anna Valentiny – 27.4.2016

High on Styrofoam

In einer lauen Sommernacht von Samstag auf Sonntag hockt eine geduckte Gestalt, die Schultern nach vorne gedrückt, den Rücken gekrümmt vor einem Laptop mit angeschlossenem Standbildschirm, den man sich Jahre zuvor zu Weihnachten hatte schenken lassen. Das alles wäre akzeptabel für den letzten Abend vor der Schlussabgabe – ein beinahe liebenswertes, weil identitätsbestätigendes Ritual. Doch der Übernächtigte hat zudem starke Kopfschmerzen; die Augen brennen. Denn seit Stunden hat er bei geschlossenen Fenstern und Türen Styrodur geschnitten und klebt.
Doch damit soll gemäss Carmon Colangel, Dekan der Sam Fox School of Design and Visual Arts an der Washington University in St. Louis bald Schluss sein. Denn er möchte den Kunst- als Modellbaustoff an der Hochschule verbieten. Was wird folgen? Ein Verbot Glasfasern zu schmieren und mit Epoxidharz zu klecksen? Der leicht zuschneidbare und im Vergleich zu anderen Materialien billige Styrofoam (in pink, blau, grün, gelb oder schwarz) ist jedoch ein global derart beliebtes Modellbaumaterial, dass er sich wohl kaum verbieten lassen wird. Die Situation ist allemal paradox: Denn während man nun auf die Gesundheitsgefahren beim Modellbauen hinweist, werden die Studierenden angehalten neue oder alte Bauwerk zugunsten einer besseren Energie-Bilanz mit dem «gefährlichen» Material einzukleiden.

 

Von den Kügelchen zur Wand…
Zur Herstellung von Schaumstoff wird Kunststoffgranulat bei 90 Grad mit Hilfe von Wasserdampf vorgeschäumt, wobei sich das Material zum 20–50 fachen seines originären Volumens aufbläht, um in einem zweiten Schritt in Blöcke oder Platten gepresst zu werden. Seit den 1950er-Jahre wird Polystyrol-Extruderschaumstoff, kurz XPS wegen seiner wärmedämmenden Eigenschaften (Wärmeleitfähigkeit von 0,035–0,045 W/(mK)) und bei Materialkosten von EUR 15 bis 20 pro Quadratmeter als billiges Dämmmaterial in der Bauindustrie eingesetzt.
Darüber hinaus kommt Kunststoff auch in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens zum Einsatz, häufig beispielsweise als (Lebensmittel-) Verpackung.
Nichts desto trotz ist die Bauindustrie der höchste Verbraucher von EPS: Auf sie entfielen im Jahr 2012 mehr als 60 Prozent des weltweiten Umsatzes. Vergleichsweise wurden in der Schweiz im Jahre 2014 eine halbe Mio. Tonnen EPS und 200 000 Tonnen XPS als Dämmstoff verbaut.
Polysterol wird als leichtentflammbares Material der Brandschutzklasse B3 zugeordnet. Daneben stehen vergleichsweise nicht brennbare Baustoffe der Klasse A wie Ziegel oder Glas. Um der gesundheitsgefährdenden Rauchentwicklung im Brandfall vorzubeugen, werden die Dämmplatten mit einem «Flammhemmer», der toxischen Substanz Hexabromcyclododecan (kurz HBCD) bearbeitet.
Anhand dieses inflationären Einsatzes im Baubereit scheint es tragikomisch, dass Architekturstudenten nun ihre 1:500 Modell wieder aus naturbelassenem Holz bauen sollen.


... zum postapokalyptischen Königsthron in Mailand
Das 1966 in Turin gegründete Design-Kollektiv der Möbelfirma Gufram feiert ihren Geburtstag. Dazu zeigt die Galleria Carla Sozzani die Ausstellung «50 years of design against the tide». Das Label nahm mit visionäre Möbeln und ihrem Radical Design gar einige die Arbeiten von Superstudio oder Architzoom vorweg. Für die Möbel machten sich die Designer die Stabilität und die Formbarkeit des Hartschaums zu Nutzen. Unvergessen ist bis heute beispielsweise BOCCA, eine Couch in Form roter aus dem Jahr 1970. Oder einer vom Studio 65 entworfene neo-klassische Säule: In Attika und Kapitell zerschnitten, dient sie als Kaffeetisch und Sessel. Gemeinsam schwimmen sie derzeit im blauen Schaumstoffmeer der Gallerie.
Gufram waren die Ersten, die Polystyrol mit einer hydrophoben Bemalung versahen und so das gestalterische Potenzial des Werkstoffs ausloteten. Neben der offensichtlichen Zukunftseuphorie sind in der Arbeit des Design-Kollektivs Gufram vor allem Einflüsse der Pop Art zu spüren: Die Jahre des Miracolo economico italiano, des Wirtschaftsbooms der Nachkriegsjahre haben farbige, üppige, industriell gefertigte Gegenstände hervorgebracht. Sie erzählen vom freien Umgang mit der eigenen Geschichte und künden von einer neuen Ära.
Die aufgemalten «Masken» der Einrichtungsgegenstände sind dabei naïv, fast billig gezeichnet. So erinnert der Poltrona in Stahloptik, mit orangen Rostschlieren überzogen oder in Stein mit der grauen Maserung des Carrara Marmors an die platte Illusion der frühen Theatermalerei. Weiter noch, kann man ihnen etwas böswillig Parallelen zu Set Ausstattungen im MTV der 1980er-Jahren nachsagen, als es noch weniger um Naturalismus als um Atmosphäre ging.
So setzten die Arbeiten Guframs dort an, wo Trash kunst- und gesellschaftsfähig wurde:
Die Arbeiten des Kollektivs wirken als eklektische Stilcollagen im Bezug auf Form, Material und inhaltlicher Diskurs, den sie anstossen. Somit müssen sie als frühe Vertreter postmoderner Strömungen gelesen werden. Die Arbeiten des italienischen Design Kollektivs stehen für den wohl innovativsten Umgang mit dem 60-jährigen Material. Es benutzt das billige Polystyrol, «schnitzt» es zu teuren Sammlerstücken und erzählt so von der Diskrepanz von Matarial- zu konzeptionellem Wert. 

 

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